Wenn es Nacht wird in den Bergen

von Anna Wheill
aus "Bayerischer Wald" Reiselesebuch, Verlag lichtung

 

Wenn es Nacht wird in den Bergen, versinkt die Sonne hinter einer Gruppe alter Laubbäume und einem Heustadel. An trüben Tagen versinkt sie hinter Dunst und Wolkenbänken, dann kommt Romantik erst gar nicht auf. Der Heustadel verfällt, weil der Bauer keine Lust hat zu modernisieren, das Landwirtschaftsamt sagt ihm, solch ein Hof rentiere sich nicht, er könne darauf höchstens sein eigener Knecht sein. Also arbeitet er wie ein Knecht und kommt sonntags und werktags aus dem Drillich nicht heraus; er zieht Milchtonnen und streut Saatgut, Körner für die Hühner, er fährt Traktor, holt Holz, wendet das Heu, füttert und melkt die Kühe, hält einen Hund und ein Pferd und zwei ledig gebliebene Schwestern aus, die links und rechts im Türstock standen, solange er es noch wagte, die verwitwete Nachbarin zu besuchen, denn sie fürchteten, Hab und Gut, Hof und Garten könnten übergehen in fremde Hände. Wenn er doch innerhalb der Familie heiraten könnte, müßte man den schmalen Wohlstand nicht auch noch mit Artfremden teilen. Wie die Hühner der Witwe Bolte hängen sie an einem Brot, und so kommen sie auch um.

 

In dem Dorf, in dem es früher nur Bauern gab, gibt es jetzt nur noch diesen einen. Der Dorfkern ist leer, um ihn herum wachsen Wohnsiedlungen im alpenländischen Stil mit Ziergärten und Erkern wie Eiterbeulen; sogar die Garagenfenster haben Butzenscheiben, und wenn die eine stolze Gartenbesitzerin ihr Reich aufsucht, läuft die Nachbarin ins Haus.

 

Das Dorf hat keinen Häuptling mehr; bei der geringsten Ruhestörung wird die Polizei gerufen.
Ins Wirtshaus gehen nur noch wenige Männer; einer hängt schon vormittags drin. Seine junge Frau, die bald hinter ihrer Haut verschwindet, hat noch nicht gelernt, es ihm recht zu machen. Der Einbeinige mit einem Gesicht, wie Fotos Waldbauern aus dem vorigen Jahrhundert zeigen, gesellt sich am frühen Nachmittag dazu. Am Abend, nach einer zu diesem Zweck anberaumten Feuerwehrprobe, füllt sich die Bank um den Stammtisch.

 

Je mehr die Männer getrunken haben, desto weiter reichen ihre Erinnerungen in die Vergangenheit zurück; bemerken sie das Interesse der Urlauber am Nachbartisch, werden sie lauter und erzählen von heillosen Gewittern und Bränden, von Käferplagen, Schneebrüchen und monatelang eingeschneiten Einöden, von Kranken, denen nicht mehr zu helfen war; ärger war da schon das Verrecken von Vieh, als die Weiber noch zu haben waren und Kinder warfen wie die Katzen.

 

Das Wirtshaus ist heute eine moderne Pension mit Gästen aus Werbebusreisen, die sich schon vor dem Frühstück üppig durch das Dorf ergießen. Die Wirtin muß ihr Haus fortwährend renovieren, um den wachsenden Ansprüchen gerecht zu werden. Arbeiten, arbeiten, arbeiten, um weiter bauen zu können, um die Bauschulden zahlen zu können, sie verlangt das auch von ihren Angestellten, aber die beiden Burschen, die ständig glasige Augen haben, kaum schreiben, aber autofahren können, drohen ihr: wenn der Hitler wiederkäme, würden sie mittun, dann würden sie es ihr schon zeigen.

 

Wenn es Nacht wird in den Bergen, läutet die Sterbeglocke. Der Nachbar ist verendet; er war nur achtundvierzig Jahre alt, aber kaputt. Die Frau hat ihn geschlagen, die Kinder haben ihn die Treppe hinunter geworfen, nachts, wenn er betrunken aus dem Wirtshaus kam, zu jeder Jahreszeit.

Draußen winselte er dann gemeinsam mit dem Hund. Einen sicheren Bettplatz hatte er nur zuletzt im Krankenhaus. Er hatte in einigen Häusern altes Gerät gestohlen, das Konjunktur hat, und sich damit ein wenig Geld gemacht für Bier und Zigaretten. Auch ich vermißte einen irdenen Krug, an dem mir viel lag, und habe den Nachbarn nicht mehr gegrüßt. Mitleid mit Elenden und Gekränkten bringt einer Frau in den Bergen nur Mäuse, Läuse und Flöhe ins Haus.

 

Unten am Gartenzaun hat der andere Nachbar einen Nußbaum zu nahe an meine Grenze gesetzt, aus Bosheit, wie es heißt, und es heißt auch, daß ich diesen Nußbaum jetzt vergiften müsse, was nur recht und billig sei, denn er wird, wenn er einmal hochgewachsen ist, meine Grenze überwuchern. Ich kann aber einen Nußbaum nicht vergiften, also tun es andere für mich, damit ich die Regeln des Zusammenlebens begreifen lerne, wie ich auch gelernt habe, Fliegen und Spinnen auszudrücken, Ratten zu vergiften und Mäusen aufzulauern. Sentimentale Zuneigung zu Tieren und Pflanzen pflegen nur Städter auf Urlaub.

 

Wenn es Nacht wird in den Bergen, tritt die Damenriege des Turnvereins über zur Frauenunion: die persönliche Nähe zur Macht verschafft vielleicht Vorteile beim Hausbau. Darüberhinaus zeigt folgendes Beispiel, daß es auch moralisch von Nutzen sein kann: ein junges Mädchen mit zweifelhaftem Ruf wurde in seiner Unschuld sofort wieder hergestellt, als es ortsweit Werbezettel der CSU verteilte.

 

Wenn ich meine Kreise um das Dorf ziehe, komme ich an Elisabeths Haus vorbei. Über den Preis ihrer schweren Vorhänge überbieten sich noch immer wild die Phantasien. Meistens ist sie mit ihrem Türschloß beschäftigt, winkt mich jedesmal zu sich, gibt vor, etwas wissen zu wollen und erzählt mir vieles: alle tun ihr alles mit Fleiß, und der Mann von gegenüber, vor kurzem eingezogen, den sie gar nicht kennt, fange immer wieder ein Gespräch mit ihr an, sie fühlt sich bedroht, verschließt die Türe mehrfach, schaut nicht mehr aus dem Fenster, läßt den Fernseher laufen bei Tag und Nacht, besorgt, was sie braucht, in der Stadt, damit sie nicht ins Gerede kommt, aber sie sagt, sie schere sich nicht um das Gerede. Sie tut nichts, was Anlaß dazu gäbe, und fängt nichts mehr an. Stets ist sie tadellos gekleidet, und der Weg vom Haus über die Straße zur Garage ist jeden Tag für sie ein Spießrutenlaufen durch die eigene Angst.

 

Schon mit zwanzig heiratete sie einen eleganten, leichtfüßigen Soldaten, der kurzzeitig hier stationiert war. Als er weiterzog, einer glänzenden Zukunft entgegen, konnte sie sich von Eltern und Heimat nicht trennen.

 

Heimat ist eine trügerische Gewißheit, ein Kessel, um dessen Rand, wie wahnsinnig geworden, Autos und Motorräder kreisen. "Ein grauenvoller Anblick bot sich den anrückenden Feuerwehren", so beginnt montags der Lokalteil der Zeitung. Die Personalien der Opfer ähneln sich, der Schaden hält sich im Bereich des Wertes einer oder zweier Mittelklassewagen. Die Bereitschaft, mit den Betroffenen und Hinterbliebenen zu leiden, weicht längst gelangweilter Abwehr und müdem Kopfschütteln. Die jungen Feuerwehrleute haben immer noch genügend Berufsethos, bei ertönender Sirene sofort auszurücken. Das Grauen, das sie sehen und absichern müssen, reagieren sie bei wilden Autojagden in entfernt liegende Diskotheken wieder ab.

 

Links und rechts von der Straße stehen, Kilometer für Kilometer schon, manchmal auch zwei nebeneinander, hölzerne und eiserne Kreuze mit Blumentrögen davor und den Namen der hier tödlich Verunglückten; diese neuen Flurdenkmäler ersetzen nach und nach die Erinnerung an Prozessionen und Kreuzwege, als Mahnung aber nützen sie nichts.

 

An jedes Haus führt ein geteerter Weg; jeder Bub hat einen Ford oder VW oder Toyota. Mancher schon den zweiten oder dritten, weil der erste und zweite, Gottseidank, ohne daß dem Buben etwas passiert wäre, an einem Montagmorgen im Straßengraben lag, zwischen Bäumen an der Böschung oder über ein Brückengeländer hing.

 

Die Mama liest nicht mehr so viele Illustrierte wie früher; bis der Bub nach Hause kommt, sitzt sie unruhig vor dem Fernseher, krallt sich in den gehäkelten Kissen fest, weil sie Woche für Woche damit rechnet, daß es ihn doch einmal erwischt. Mit Raketenstart verläßt er am Abend den Hof; mehr als einmal kam er zu Fuß nach Hause.

 

Die Mutter gibt ihn nicht auf. Ihre Hände sind größer als der Kopf; müde nimmt sie die Ohrclips ab, auf sie schaut sowieso keiner mehr. Ihre Männer sitzen auf dicken Ärschen und befehlen: hol das Bier, mach das Licht aus, das Fenster auf, tu, was ich sage! und machen die Küche zum Stall, rülpsen und furzen ungeniert.

 

Mädchen, die sich widersetzen, schlagen aus der Art. Sie werden keinen Mann kriegen, und kriegen sie keinen Mann, können sie sich auf keiner Hochzeit sehen lassen, nicht einmal auf der Kirchweih, kaum in der Kirche.

 

Hunderte von Mädchen fahren jeden Morgen in die Fabrik. In der Mittagspause stürzen sie kichernd ins nahe Kaufhaus, um sich einen schnellen Traum zu erfüllen: einen Ohrring, einen Waschlappen, ein Handtuch. Und wo schon ein Handtuch ist, muß bald auch ein Hausstand sein und ein Haus.

 

Liebe ist das, wovon die Zeitschriften voll sind.

 

Depressionen, so heißt es, nehmen nun auch auf dem Lande zu. Als seien sie eine eingeschleppte Krankheit, gegen die man sich wehren könnte mit Ignoranz. Sie brechen vielmehr aus. Seit Jahrzehnten wurden sie mitgezogen und weitergetragen; von Generation zu Generation wurde das Gefühl der Minderwertigkeit, Armut und Randständigkeit mit Nachdruck weitergezüchtet und Stolz und Eigensinn wurden brachial erstickt: das kannst du nicht, das darfst du nicht, das ist vergeblich, das wird nichts, das werden sie dir nehmen, das werden sie dir nicht hingehen lassen, das schlägst du dir aus dem Kopf, da wird nichts draus, bleib da, wo du herkommst, wo du hingehörst, für die da draußen bist du sowieso zu dumm, da wirst du es zu nichts bringen, nur hier. Man gehorchte nicht nur aus Angst vor Strafe und Fluch, sondern war schließlich auch überzeugt, in der Welt nichts verloren zu haben.

 

Männer, Väter übten ihr Privileg über Jahrhunderte aus: sie schlugen einfach zu.

 

"Das muß man wissen" und "so ist das eben, wenn man heiratet", sagten die Eltern der jungen Ehefrau, ihrer Tochter, als diese sich über Gewalttätigkeiten ihres Mannes beklagte, und nahmen sie nicht ins Haus zurück. Also schleppte die Frau sich und ihre kleinen Kinder ans Wasser, um sich mit ihnen zu ertränken, aber die Kinder schrien. Die Geschichte setzte sich fort in der gebeugten Haltung, in der gebrochenen Stimme, da half keine Mahnung: "Halt dich gerade! Sprich laut! Sprich deutlich!"

 

An einem Tag, an dem der böhmische Wind die Straßen abgeräumt und nur die Häuser hat stehen lassen, an einem Tag, an dem der böhmische Wind die Bäume zusammengerückt hat, damit die Menschen geschützt würden, an so einem Tag bin ich zurückgekommen. Der Wind treibt die Berge an die Häuser heran und deckt sie zu mit Wolken, die sich nicht mehr verziehen. Dieser Wind fährt mir ins Gesicht und in die Haare und unter das Kinn wie ein Mann. Er kommt von weit her und ist immer neu. Er ist kühl und fremd und man hört nichts als ihn. Die Bäume biegen sich vor den Lichtern und Lampen, damit jeder seine Ruhe hat.

 

Nie fand ich das richtige Maß, den angemessenen Rhythmus, um in der Stadt leben zu können; ich war wohl immer ein Kind vom Lande, dem es genügte, sauber angezogen zu sein, und ich konnte nichts Überflüssiges an mir leiden. In Gesellschaft gab ich mich renitent und verriet bockig meine Herkunft. Ein Verleger empfing mich mit über der Schreibtischschublade ausgestreckten Beinen und erwartete von mir die Endredaktion einer mehr als überflüssigen Taschenbuchreihe; zu meiner eigenen Verblüffung sagte ich ihm, lieber noch würde ich Holz hacken, und dem Dramaturgen Kareisl, seinem Job zöge ich das Hüten von Bullen vor.

 

Ich sagte ihm das an den weißen Tischen in der Maximilianstraße, wo mir seit Jahren mit überaus freundlicher Miene auch der stets leicht windzerzauste Dichter-Verleger begegnete und mich grüßte, als kennten wir uns lange, dabei hatten wir uns nur so häufig gesehen. Abrupt hörte ich auf, ihn wieder zu grüßen und stellte mich so fremd, wie ich es tatsächlich war. Nachts schwankten angetrunkene Redakteure in Schuman´s Bar an den Tisch neben meinem und verdarben mir gänzlich den Geschmack an der Branche.

 

Erst in Florenz fand ich den roten Faden in meinem Leben wieder; ich legte mein weißes, maskenhaftes Make-up ab, zog mich in ein abgedunkeltes Zimmer zurück und übersetzte Pasolini. Gedichte in Friulanisch, Briefe aus und nach Friaul. Pasolinis Leben aber ging in Rom weiter, ganz anders, als ich das brauchte. Ich entdeckte Pavese. Auch seinen Großstadttod führte ich darauf zurück, daß er sich nach Langhe gesehnt hatte, dahin aber nicht zurückgekehrt war.

 

Wenn es Nacht wird in den Bergen, sitze ich vor dem Haus, die nackten Füße auf den noch von der Sonne gewärmten Granitstufen, die in Jahrhunderten von Regengüssen und Tritten bearbeitet wurden zu runden, glatten Kissen, gereinigt von Hühner- und Gänsedreck, und sehe weit sich hinziehende Hänge bis zur Kapelle in der Wiese: Erinnerungen an Proportionen, die sich niemals mehr zurückholen lassen.

 

Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, drückt sich an einen Hügel, über dessen Kamm ein schmaler Wald lief. An seinen Seiten lagen Felder, eingesäumt von Graswegen; dort habe ich zum ersten Mal "Klee" gesagt und gerochen; dort habe ich zum ersten Mal Steine geklaubt. Der Hügel ist nahezu eingeebnet, in aufwendigen Maschinisteneinsätzen überwältigt worden, von Siedlungsfleiß verdrängt.

 

Sein Stein wurde gesprengt, jede Unebenheit planiert, die Wiesen und Wege dem Bedürfnis nach Wohnbesitz geopfert. Dieser Hügel mit seinem Wäldchen stand wie eine Stuhllehne hinter mir, Fluchtpunkt für Heimlichtuerei und die ersten prickelnden Erfahrungen. Kauernd lauschten wir dem gespenstischen Krachen der Äste, sobald es dunkel wurde, und die Angst, zu spät nach Hause zu kommen, und die Schauder, die uns hier noch erwarteten, jagten uns das Blut auf zwei Wegen gleichzeitig ins Herz.

 

Ein entwurzelter Baum hatte eine Höhle gebrochen, die mit Fichten- und Tannennadeln längst dicht übersät war, und in der wir unterzukommen suchten, bis Ameisenherden uns eines um das andere Mal in die Flucht schlugen.

 

In Ringen schließen sich heute die Straßen um das Häufchen Berg, das sinkt und rutscht.

 

Die Kraftlinien dieses Berges liefen von jeher von seiner Spitze hinunter in ein sumpfiges Tal, wo noch heute Heuschrecken, Frösche und Libellen, bleibt man in gemessenem Abstand, zu beobachten sind. Ein dicht mit Birken bestandener Hain markierte eine dieser Adern; im Hain stand eine Bank, vor Augen hatte man die Kirche und den Friedhof und eine bemalte Holztafel mit eben dieser Ansicht. Ein Heimatvertriebener hatte sie gemalt und viele weitere solcher Tafeln an Spazierwegen rund um das Dorf; sie sind verrottet und vergessen.

 

Damals mieden wir die Evangelischen wie heute die Tamilen, also zogen sie weiter. Aber die kulturelle Verfeinerung, die der Anblick von Dauerwellen, Saunakübeln, gemalten Ortsansichten, Schönheitspflästerchen und Herren mit Weste uns zugemutet hatte, erwies sich später, bei der Aufnahme der ersten Sommerfrischler, als förderlich.

 

Wir bestaunten die prächtig herausgeputzten Berlinerinnen, die unsere stillen Wege bevölkerten und auch unsicher machten, denn sie wagten durchaus einen Flirt mit Einheimischen und hinterließen, nach drei Wochen Ferien, Verabredungen für ein anderes Jahr. So begann unser Fieber nach Attraktionen: wir schnüffelten rund um die großen Ringe der Damen, ihre geblümten Sommerkleider, die breiten Gürtel um ihre schmalen Taillen, die rotlackierten Fingernägel, die gebleichten und ondulierten Haare, rund um ihr anziehendes Parfüm.

 

Und sie verdarben unsere Sitten: stundenlang lagen sie in einem Liegestuhl im Gras und setzten ab und zu die Füße in einen nahestehenden Wasserkübel, redeten darüber hinweg gelassen und unaufgeregt, lehnten sich zurück mit einer Illustrierten.

 

Von den Berliner Töchtern erhielten wir unsere Aufklärung hinter Holzstößen. Wenn wir uns die Hände wuschen, durften wir ihre Romanhefte anfassen, eventuell über Nacht auch ausleihen.

 

Ein Gewitter steht bevor: die Grillen zirpen in Chören. Der blaue Mond im Fenster ist nur der Widerschein einer Straßenlaterne in der Scheibe. Die Kirchenglocken läuten nicht mehr, wie noch vor dreißig Jahren, Sturm, um das Gewitter zu vertreiben, und die Großmutter, die den ganzen Sommer über schwarze Kerzen auf der Anrichte bereithielt, um in ihrem Licht mit dünner Stimme Gebete aufzusagen, ist seit langem tot. Ich sah sie nur wischen und schneuzen, hocken und spotten, Tausende von gleichförmigen Tagen an demselben Ort mit vererbten Feindschaften, die sie übertragen wollte auf mich. Der Großvater jammerte; ich habe ihn nie reden hören, wenn er vor dem Haus Sensen dengelte oder Zeitungen in handtellergroße Stücke zerschnitt.

 

Die Väter: einer war mit Napoleon in Rußland gewesen; er kam zurück und terrorisierte die gesamte Familie mit fanatischem Atheismus, aber wovon hätten sie leben sollen, wenn nicht von der Aussicht auf Seligkeit, die den Armen versprochen ist.

 

Ein anderer war in Verdun dabei, einer in Sibirien. Zu Hause gehörten ihnen etliche Tagwerke, und dahin wollten sie zurück, es war für sie die Wunschvorstellung, an die sie sich klammerten. Das aufzugeben, wofür sie ihr Leben eingesetzt hatten, Flucht und Ungehorsam gewagt, ist ihnen unbegreiflich.

 

Eine Wohnstube, wie meine Großeltern sie hatten, steht heute im Museum. Ich gehe durch sie hindurch mit einer Frau, die in guten Verhältnissen aufgewachsen ist, draußen in der Donauebene, und sage: Ich kenne das. Sie erschrickt, legt die feinen Lederhandschuhe von einer Hand in die andere, sie kann es nicht glauben und frägt, nach einer lange Pause, besorgt: Aber es gab doch Wärme und Zuwendung? Woher denn. So etwas wurde nur in bürgerlichen Kreisen gepflegt oder entzogen.

 

Dabei gibt sie vor, meine Sprache zu schätzen, die nicht geläufig ist, sondern aus abgehackten Sätzen besteht, mit Aussage überladen, die immer stocken aus verdrückter Sentimentalität, und dann ist meine Stimme belegt, und sie kommt von so weit her, daß sie mich selbst befremdet.

 

Wer die Heimat verläßt, wird sich auswärts das Genick brechen und reumütig zurückkehren: dieser Fluch zieht hinter mir her wie eine Klapperbüchse und ist niemals gänzlich zu ersticken. Er äußert sich in unpassenden Wörtern und Gesten, die meine Herkunft verraten, läuft mit durch mein Leben, einmal offen sichtbar, beweglich und leicht, dann wieder drahtig, starr und versteckt, schiebt sich immer dichter zusammen, um mit erschreckender Gewalt loszubrechen wie eine Kugel. Beim geringfügigsten Unglück ertönt er wie eine Sirene.

 

Einmal noch versuchte ich es, in einer langen Nacht in einem Garten unter Kastanien und Ulmen, weit nach Mitternacht war es noch zwanzig Grad warm und ich von Sinnen, die Saxophonklänge legten sich auf den Wind, daß ich schon dachte, wir könnten es aushalten miteinander, ich würde fortgehen mit ihm, auf die Straße, in Hotelzimmer, Socken waschen, Anzüge bürsten, leere Flaschen zurückbringen können, mit fremden Menschen unter Rathaustürmen sitzen, fremden Menschen, die in mein Leben hineinwachsen auf meinen Wunsch.

 

Dann wurde ich müde, das hieß: hier kann ich auch leben, wenn ich alt bin und krank und alleine.

Wenn es Nacht wird in den Bergen, verdichten sich vor dem zartblauen Himmel rosagraue Wolkenformationen im Osten zu immer kleineren und dunkleren Ovalen, nach Westen zu lichten sie sich zu immer durchlässigeren und dünneren Federn: die gefühlvolle Heimarbeit einer geschickten Klöpplerin, ein Geschenk etwa für eine entfernte Bekannte, die solch aufwendiges Stickwerk zu schätzen weiß.

 

Wieder versinkt die Sonne zwischen den Ästen des Birkenbaumes vor meinem Fenster. Sie bewegen sich im Wind, und ich kann den Eindruck nicht abschütteln, zwischen sterbenden Gestalten zu leben, die mich mitnehmen werden ins Grab.

 

Wenn es Nacht wird, ziehe ich die Füße von den granitenen Stufen zurück und mache Feuer. Alle Stunde schlägt die Glocke, die Vögel sind noch immer zahlreich, in Schwärmen sitzen sie auf der Insel im Regen und fliegen geräuschvoll auf bei der geringsten Annäherung, steigen auf wie ein geblähtes Fahnentuch und kehren im Halbkreis wieder zurück.

 

Landschaft, das lehrt Georg Simmel, ist eine geistige Leistung, ein Bild, das wir, unserem Wesen und Wissen entsprechend, aus einzelnen Elementen zusammensetzen. Landschaft behütet uns nicht, sie fesselt uns nicht, sie entläßt uns nicht.

 

In den ersten Jahren nach meiner Rückkehr konnte mich ein Windhauch anheben und forttragen; ich lebte mit Bäumen, Steinen und Gräsern; ich fühlte mich dem Horizont verbunden, den unregelmäßig wogenden Linien, die Hell und Dunkel teilen; der alte Birnbaum an der Ostseite des Hauses begann bei meinem Einzug wieder zu leben. Ich konnte durch ständiges Beobachten Feinheiten noch in der Ferne erkennen, durch dichten Nebel sehen, Geräusche von weit her hören in der Nacht in einer Stille, die der im Weltraum ähnlich sein muß.

 

Ich bewegte mich wie im Märchen, sah mich als Windsbraut durch ein geöffnetes Fenster schlüpfen mit dem wehenden Baumwollvorhang, in den Hals eines Mannes kriechen, der im Halbdunkel am Schreibtisch saß, hinter seinem Ohr nisten und ihm unerhörte Dinge zuflüstern. Meine Stimme war kaum hörbar, die Botschaft aber unverhohlen, und er verstand sie. Folgerichtig drohte er mit Hexenverbrennung und Haberfeldtreiben.

 

Damals war ich eine Spitze, eine Schneide, ein Streichholzkopf, ein Funke oder ein Blitz, aber keine Frau.

 

Ich war eine Pflanze, die im Herbst vergeht und im Frühjahr wiederkehrt.

 

Der Herbst begann an einem Mittwochabend, gegen sieben Uhr schreckte uns ein scharfer Wind. Er ging zwischen uns hindurch wie eine Mauer und erstickte gnädig jedes weitere Wort. Wir zogen die Füße von den Kieseln zurück, die wir gerade noch unter den nackten Zehen gerollt hatten, und schüttelten die Blätter von den Schultern. Sein Gesicht war rot und heiß von der Sonne, und sein Blick flackerte. Seine rötlichen Wimpern zuckten so rasch wie sonst nur, wenn ich ihn mit Absicht verletzt hatte. Im Nacken waren seine Haare flaumweich; wenn ich ihm mit der Hand in den Hemdkragen fuhr, hielt ich den Atem an.

 

Er knöpfte das Hemd zu, erhob sich halb dabei von seinem Stuhl, streifte die Socken über und knotete die Schuhe, langsam und planvoll, vorbereitet und überlegt. In der Mitte des Weges, wo zwischen den sandigen Fahrrillen das Gras hochstand wie ein Bart, lag mein weißes Hemd unter den schon waagerecht einfallenden Sonnenstrahlen; darüber drehten sich sirrende Mücken in einem Ring.

 

Nach ein paar heißen Tagen ist Herbst bei uns. Morgens sind die Straßen glatt, und das Gras an den Böschungen blitzt weiß, der Reif bleibt an schattigen Stellen hängen bis zum Mai. Über dem Fluß liegt der Nebel wie ein Federbett, rot von hinten beschienen. Darüber erheben sich die Bergzüge majestätisch in diesem Licht und ragen hoch hinaus.

 

Der Boden, der federnd jeden unserer Schritte erwidert hatte, wird hart, und brüchig werden die Halme, Zweige und Sträucher, die wir im Gehen mit den nackten Oberarmen gestreift hatten. Der Reiz, der uns zueinandertrieb, ging vom Streichen und Biegen der Farnwedel aus.

 

Mit der Dunkelheit kommt auch die Stille; man kann sie hören und spüren, so kräftig und dicht. Der Wind schabt über Hausdächer und Bäume, er bricht sich an Scheunentoren, drückt mit massivem Gewicht dagegen und weicht wie eine Flutwelle wieder zurück; im Herbst kommt er mit der Wucht angespannter Muskeln und stößt durch Türen und Fenster; wie ein Stein legt er sich auf Nacken und Lider. Durch das nur wenig geöffnete Fenster rieseln Birkensamen, bedecken den Boden, übersäen den Schreibtisch und nisten zwischen Buchseiten.

 

Bis weit in den Hausflur hinein liegen die gelben eingerollten Blätter, das Licht wechselt rasch von scharfer Klarheit zu trüber Dunkelheit und wieder zurück im Rhythmus des Windes. Über mein Fenster wischt der Birkenast, er ist nahezu entlaubt, die feuchten Blätter hängen in den Ritzen des Türstocks; mit dem Sommer ist auch jene fiebrige Lust vorbei, die ich für die Ursache des leicht erhöhten Blutdrucks hielt, die aber nur seine Folge war. Die Disteln glitzern am Straßenrand und die Teerdecke schimmert. Wie eine unbestechliche Masse herrscht nur der Vollmond.