INHALT
Die Entwicklung der Besitzverhältnisse
Die Zeit vor den Glashütten
Die Glashüttenzeit
Die Zeit der staatlichen Forstwirtschaft
Die Forstgeschichte
von Wolfgang Bäuml
Die Entwicklung der Besitzverhältnisse:
Im Westteil bis zum Sagwasser:
Gaueinteilung durch Karl den Großen 804; Schweinachgau
begrenzt von der Donau, der Ilz, dem Böhmerwald und dem Weißen
Regen.
1147 zu den Grafen von Formbach und Neuburg; dann an die Grafen
von Andechs, 1207 sind die Grafen von Hals (bei Passau) die Besitzer;
die Grafen von Hals bauen Schloss Bärnstein zum Verwaltungssitz
aus. Nach dem Aussterben dieses Grafengeschlechtes werden 1375
die Grafen von Leuchtenberg die Eigentümer des Gebietes.
Landgraf Johann der 1. gründete 1396 das Kloster St. Oswald;
wir erhalten den ersten schriftlichen Nachweis über die Existenz
der 6 Dörfer mit denen das Kloster belehnt wurde: Draxlschlag,
Höhenbrunn, Reichenberg, Haslach, Schönanger und Grünbach.
1417 verkaufen die Leuchtenberger an die Grafen von Ortenburg
1438 verkaufen die Ortenburger an den bayerischen Herzog Heinrich
den IV.. Seit damals ist der Westteil des Nationalparkgebietes
beständig in Bayerischer Hand.
Die Gebiete östlich des Sagwassers:
Dieser Bereich ist seit der Jahrtausendwende unter dem Einfluss
der Passauer Fürstbischöfe. Nach einer kurzen Zeit der
Zugehörigkeit zum Passauer Benediktinerkloster Niedernburg,
kommt dieser Bereich 1220 beständig unter die Herrschaft
der Passauer Fürstbischöfe, bis 1803 mit der Mediatisierung
das ehemalige Fürstbistum Passau an das Herzogtum Salzburg-Toscana
fällt und mit dem Frieden von Preßburg 1805 zum Herzogtum
Bayern (1806 Königreich) kommt.
Im Bereich östlich des Sagwassers werden erst im 15. und
16. Jahrhundert in der weiteren Umgebung des Nationalparks Siedlungen
angelegt und im unmittelbaren Bereich um den Nationalpark die
Siedlungstätigkeit erst im 18. Jahrhundert beendet: Beispiele:
Mauth 1687; Finsterau 1704, Raimundsreut 1721.
Die Zeit vor den Glashütten:
In dieser, vor den Glashütten liegenden Zeit, begegnen uns
bereits einige Nutzungen der heutigen Nationalparkwälder:
Der Wald wird als Handelsweg genutzt. Einer dieser Handelswege
führt mitten durch den Bereich des heutigen Nationalparks:
die uralt Guldenstraß, die von Bergreichenstein
(Kaãperske Hory) aus nach Grafenau projektiert wurde
weshalb Kaiser Karl IV. 1376 beide Orte zur Stadt erhob, auch
um den künftigen Unterhalt und die Überwachung dieser
Handelsverbindung zu gewährleisten.
Ein weiterer Handelsweg von Passau ebenfalls nach Bergreichenstein
entsteht etwas früher und führt an Finsterau vorbei.
Von diesen Handelsverbindungen wissen wir, dass sie überall
dort, wo sie über feuchten Boden führten mit Bäumen
befestigt gespöckt waren und in Krisenzeiten
verhackt wurden (zuwerfen mit gefällten Bäumen).
Der Wald wird auch zur Jagd benutzt. Z. B. im Bereich des Klosters
St. Oswald, dessen Wald zwischen Kleiner Ohe und Seebach (bzw.
Vorderer Schachtenbach) bis an den Plattenhausen-Riegel reicht.
In der Stiftungsurkunde des Klosters wird das Recht zur Jagd ausdrücklich
erwähnt. Vermutlich gibt es zu der Zeit auch die Waldweide.
Mit Sicherheit wurde klösterliches Vieh in den damaligen
Klosterwald getrieben, und auch das Vieh der Bauern aus den 6
Klosterdörfern wird im heutigen Nationalpark geweidet haben.
Die Glashüttenzeit:
Mit dem Besitzwechsel im Westteil von den Grafen von Ortenburg
an Herzog Heinrich von Bayern 1438 dürfte die stärkere
wirtschaftliche Nutzung des Waldes Impulse bekommen haben.
Holz ist zu der Zeit schwer zu transportieren es ist ein
transportintensives Gut.
Gleichzeitig zeichnet sich in den damaligen Ballungsgebieten ein
katastrophaler Holzmangel ab eine Energie-, Bau- und Werkstoffkrise.
Es lag, also nahe, die besonders energieintensive Glasindustrie
in den Wald zu verlegen, noch dazu, wo eine andere Nutzung dieser
Holzreserven seinerzeit nicht möglich war. Einer Besiedelung
und Rodung und landwirtschaftlicher Produktion standen die klimatischen
Bedingungen entgegen.
Mit der Ansiedlung der Glashütten gelang dem Landesherrn
eine erste Aktivierung des bis dahin brachliegenden Kapitals Holz.
Den Glashüttenbesitzern wurden bis 3.000 Hektar Wald auf
Erbrecht zur Nutzung gegeben und genau festgelegt, mit wieviel
Öfen und Häfen Glas produziert, wieviel Aschenbrenner
beschäftigt werden durften und natürlich auch, wieviel
Steuern bezahlt werden mussten.
Der Nationalpark war seinerzeit auf die Glashütten Klingenbrunn-Spiegelau,
Riedlhütte, Schönau und Schönbrunn aufgeteilt.
Am Beispiel Riedlhütte sei kurz die Glashüttengeschichte
dargestellt:
1452 wird diese Glashütte zum erstenmal als Hütte am
Reichenberg bereits 1450 bestehend erwähnt. Es gibt 1638
einen Verlegungsversuch nach Guglöd, der 1741 wiederholt
wurde und Erfolg hatte. 1788 wurde diese Hütte dann nach
Neuriedlhütte, dem heutigen Wintergatter Neuhüttenwiese
verlegt und dann 100 Jahre später wieder zurück an ihren
heutigen Standort in Riedlhütte versetzt.
Die Orte Neuhütte, Guglöd, Altschönau, Weidhütte
und Glashütte im Nationalpark gehen auf ehemalige Glashüttenstandorte
zurück. Darüber hinaus gibt es mindestens drei weitere
Plätze im Nationalpark wo einmal Glashütten standen,
verlassen wurden und heute wieder bewaldet sind. Beispiel: die
Glashütte unterm Lusen die Mitte/Ende der 80er Jahre von
der Nationalparkverwaltung ausgegraben worden ist.
Die Glashütten waren wegen der Energie aus Holz in den Wald
gezogen und schlugen ihr Brennholz im Bereich um die jeweiligen
Hüttenstandorte herum; Durchmesser ca. 1 bis 2 km.
Sehr viel mehr Holz benötigte man zur Herstellung der Pottasche.
Trotzdem reichen die von der vertraglich limitierten Anzahl von
Pottaschebrennen erzeugten Holzaschemengen nicht aus. Es kommt
im 18. Jahrhundert zunehmend zu Schwierigkeiten mit der Obrigkeit;
die geringwertige Holzasche aus den Küchenöfen der Bevölkerung
wird gesammelt und verwendet. Auch das reicht nicht aus, und gegen
Ende des 18. Jahrhunderts muss immer mehr teuere Pottasche aus
dem Osten (Böhmen/Ungarn) importiert werden.
Eine Hypothese: hätten die Glashütten bei uns
nicht von Kriegen und Wirtschaftskrisen unterbrochen kontinuierlich
produzieren können, wäre der Wald empfindlich übernutzt
worden. Aber aus den verschiedensten Gründen produzierten
die Glashütten eher im aussetzenden Betrieb und hatten jeweils
als 2. existenzsicherndes Standbein die Landwirtschaft.
Parallel zur Glashüttenzeit verdichten sich die Informationen
über weitere Waldnutzungen auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks.
Die Ortschaft Waldhäuser, gegründet 1611 und das obere
Waldhaus, errichtet 1613, waren jeweils mit umfangreichen Weiderechten
ausgestattet. So umfasste das Weiderecht der Bewohner von Waldhäuser
1.800 Tagwerk; um das obere Waldhaus herum wurde das Vieh der
Grafenauer Bürger während der Sommermonate geweidet.
Mit diesen und anderen Siedlungsgründungen war selbstverständlich
auch Wald gerodet worden. Interessant für uns dabei ist,
dass z. B. die sieben Bewohner von Waldhäuser insgesamt 28
Tagwerk Wald zur Rodung freigegeben bekamen.
Später wurde die Flur von Waldhäuser vermessen und festgestellt,
dass 107 Tagwerk mehr als erlaubt gerodet wurden; ähnliches
beim oberen Waldhaus, anstelle von 25 Tagwerk genehmigter Rodungsfläche
waren insgesamt 65 Tagwerk gerodet worden.
Apian schildert in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts den
Plattenhausenriegel als einen fast kahlen Höhenrücken.
Wir wissen um die Weiderechte der Kreuzberger und Kirchler Bauern.
Der Kirchlinger-Stand ist heute noch eine schachtenartige Wiese
in den Hochlagen hinter dem Steinfleckberg; der Stand der Kreuzberger
auf dem Weg vom Parkplatz Muckenloch zum Siebensteinfelsen ist
heute wieder Wald. Als Stand bezeichnete man in unserer Gegend
gerodete Flächen, auf denen die Hirten abends das Vieh zusammentrieben.
Während der Glashüttenzeit erfahren wir auch einiges
über eine verstärkte Nutzung unseres Gebietes durch
Jagd: Es werden Sulzen für das Rotwild, Fallgruben zum Fangen
von Wölfen oder Bären angelegt und Pirschsteige unterhalten.
Für die Bauern der umliegenden Dörfer dürfte die
Grasgewinnung aus dem Walde und die Streunutzung zumindest in
siedlungsnahen Bereichen Bedeutung gehabt haben.
Wir wissen auch von Holzkohleherstellung im Gebiet des Nationalparks.
Die Abteilung Kohlstadthäng im westlichen Teil deutet darauf
hin.
Die Stadt Grafenau triftet mindestens seit 1570 ihr Brenn- und
Kohlholz für den Schmied der Stadt auf der kleinen Ohe aus
dem Bereich oberhalb der Graupensäge. Seinerzeit wurde sehr
viel Harz zum Auspechen der Bierfässer gesammelt.
Sehr gefragt war der Zunderschwamm als Feuerungsmittel und als
Ausgangsstoff für die Herstellung von Kleidungsstücken
und Kopfbedeckungen, denen man eine heilende Wirkung zuschrieb.
Die gesamte Bevölkerung beschäftigte sich von damals
bis herauf in unser Jahrhundert mit der Herstellung von Holzwaren.
Die Holzbitzler waren möglicherweise im ganzen Parkgebiet
unterwegs, um ganz gezielt geeignete Laubbäume, wie Lichtbuchen,
Eschen für Werkzeugstiele, Ahorne und Ulmen zum Abdrehen
von Tellern, etc. zu suchen und verbotener Weise auch zu nutzen.
Beeren und Pilze sind traditionell im Bayerischen Wald wichtige
Sammelobjekte.
Moos für die Herstellung von Bürsten und zum Ausstopfen
der Ritzen der Holzhäuser wurde in großen Mengen benötigt
und aus jüngerer Zeit stammend gibt es noch in der Natur
erkennbare Steinbrüche wo Baumaterial für Klausen und
öffentliche Gebäude wie Kirchen, Schulhäuser, etc.
gewonnen wurde. Im Bereich des Klingenbrunner-Bahnhofes gibt es
eine Lehmgrube, aus der der Ziegellehm für den Schulhausbau
Klingenbrunn gegraben wurde.
In einem Satz könnte man die Bedeutung der Haupt- und Nebennutzung
des Waldes seinerzeit zusammenfassen und sagen, dass die Menschen
des Bayerischen Waldes seinerzeit bis herauf in unsere Zeit nach
dem 2. Weltkrieg von und mit dem Wald gelebt haben.
Die Zeit der staatlichen Forstwirtschaft:
Sie beginnt mit der Forstordnung 1789 von Kurfürst Karl Theodor.
Diese Forstorganisation teilt Bayern in 20 Forstmeistereien. Eine
dieser Forstmeistereien ist Zwiesel und unser Wald gehört
zu diesem Bereich. Der obere Hochwald wird vom Förster aus
Langdorf; der mittlere Hochwald vom Förster aus Bärnstein
und der untere Hochwald vom Förster aus Schönau beaufsichtigt.
Östlich des Lusens beginnt die Zeit der staatlich organisierten
Forstwirtschaft unter den Passauer Fürstbischöfen bereits
1729/30 mit dem Ausbau der Triftbäche und der Brennholzwirtschaft;
die Zeit der bayerischen Forstwirtschaft dort beginnt 1805 mit
der Übernahme des Fürstbistums Passau vom Herzogtum
Salzburg-Toskana.
1807 wird aus dem bischöflichen Waldamt Wolfstein das Königlich
Bayerische Forstamt Wolfstein; die damaligen Reviere Kirchl, Mauth
und Finsterau betreuen den Wald im Nationalparkbereich. Aus dem
Revier Kirchl und Mauth wird später das Forstamt Mauth- West
gebildet und das Revier Finsterau dem Forstamt Mauth-Ost zugeschlagen.
Somit gelangte der Hauptteil des heutigen Nationalparks in der
1. Hälfte des 19. Jahrhunderts vollends in Staatsbesitz.
1806 wird Bayern Königreich. Die Theorie des Wirtschaftsliberalismus
setzt sich gegenüber dem Merkantilismus durch und verlangt
vom Staat den vollständigen Rückzug aus aller wirtschaftlicher
Betätigung.
Die napoleonischen Kriege hatten die Staatskassen geleert und
so versuchte man durch Verkauf von Staatswald und durch Ablösung
von Rechten (Purifikation) wieder Geld in die Staatskassen zu
bekommen.
Die Forstrechte der zum Kloster St. Oswald gehörenden Bauern,
das 1803 mit der Säkularisation zum Staat kam, wurden in
Grund und Boden abgelöst, so dass von 1700 Tagwerk Probsteiwald
insgesamt 600 Tagwerk Wald in den Besitz und in das Eigentum der
Bauern übergingen; und der Rest Staatswald wurde.
Ab 1809 werden die Nutzungsrechte der Glashütten purifiziert.
Man stellte den Holzbedarf einer Glashütte fest und taxierte
den laufenden Zuwachs auf 2,9 Efm/ha. Die sich daraus ergebende
notwendige Waldfläche gelangte in das Eigentum der Glashüttenbesitzer;
die restliche Fläche wurde unumschränktes Staatseigentum.
Bei dieser Verhandlung haben die Glashütten nicht schlecht
abgeschnitten, da der Zuwachs im Bayerischen Wald auf diesen Flächen
gut das doppelte betragen dürfte. Im Prinzip kann man sagen,
dass bei diesen Purifikationsverhandlungen etwa 2 Drittel der
bisher der Glashütte zur Nutzung zur Verfügung stehenden
Wälder in das Eigentum der Glashütten gelangten; etwa
1 Drittel der Fläche wurden Staatswald. Aus den dem Staat
anheimfallenden Waldflächen wurde das Revier Waldhäuser
mit ca. 10.000 Tagwerk Fläche gebildet.
Kurze Zeit später zwingt eine Wirtschaftskrise die Glashüttenbesitzer
aber zum Verkauf ihrer wenige Jahre vorher zum Eigentum erhaltenen
Waldungen an das Königreich Bayern:
1824 die Glashütte Schönau
1832 die Glashütte Klingenbrunn
1833 die Riedlhütte und
1835 die Glashütte Schönbrunn.
Ab diesem Jahr ist der gesamte Bereich des Nationalparks heute
Staatsgrundbesitz.
In der Folgezeit wurden die staatlichen Waldungen eingerichtet
und die sogenannten primitiven (i.G. von ersten) Operate gefertigt.
So z. B. 1837/38 für den Ilzer-Trift-Komplex (Westteil);
1855/56 für den Wolfsteiner Triftkomplex. Diese ersten Forstwirtschaftspläne
beschäftigen sich nicht nur mit dem Wald, sondern liefern
uns exakte Informationen über Erschließungs-, Bevölkerungs-
und Siedlungsstrukturen, Landwirtschaf, Handel und Gewerbe, etc.,
etc.. So leben z. B. im Einzugsgebiet des Staatswaldes im Ilzer-Trift-Komplex
zu der Zeit, genau 3.673 Menschen, davon 2.851 von der Landwirtschaft
und 633 vom Gewerbe. Es gibt 76 Pferde, 2.559 Rinder und 1.242
Schafe, Schweine und Ziegen. Es errechnet sich ein Gesamtholzbedarf
von 37.500 cbm. Davon beziehen die Glashütten ca. 22.000
cbm und ca. 14.000 cbm Holz das sind etwa 22 cbm pro Familie
werden von der Bevölkerung benötigt. Die Einrichtung
ergibt einen Überschuss von ca. 30.000 cbm Holz der zum Verkauf
nach Österreich vorgesehen ist. Dazu erforderlich ist die
Triftbarmachung der Bäche im Izer-Trift-Bereich; der Bau
der Klausen einschließlich der Bau des Rachelsee- Schwellwerks
beginnt.
Bereits 100 Jahre vorher hatten die Passauer begonnen ihre Bäche
triftfähig auszubauen und Klausen aus Holz errichtet. Diese
Klausen wurden jetzt von der königlich bayerischen Forstverwaltung
renoviert und aus Stein errichtet.
Hier im Wolfsteiner Triftkomplex hatte die Brennholzwirtschaft
bereits deutliche Flecken im Waldkleid hinterlassen. Da man seit
Mitte des 18. Jahrhunderts die Einhänge zum Reschbach in
Form von langen Kulissenhieben abgenutzt hatte; eine Nutzungsform,
die vor allem die Fichte stark begünstigte.
Aus diesen ersten primitiven Operaten erfahren wir auch Genaues
über Struktur und Zusammensetzung der Wälder seinerzeit.
Dies bestärkt uns heute in der Auffassung, dass die Glashütten
aus welchen Gründen auch immer überwiegend
blenterartig aufgebaute Wälder, z.T. urwaldartig und mit
hohen Vorräten, hinterlassen hatten.
Ein Zeitzeuge, der königliche Ministerial-Forstkomissar Waldmann
berichtet am 5. Juni 1840: ....zeigen eine Kraft und Fülle
des vegetabilischen Lebens, wie sie in Deutschland vielleicht
an keinem anderen Ort mehr und am allerwenigsten in so großen
Massen angetroffen werden kann. Es ist keine Seltenheit, Tannen-
und Fichtenstämme zu finden, die eine Schaftlänge von
150 Fuß (rd. 44 m) und mehr erreichen, und deren jeder 10
bis 15 Klafter (22 - 33 fm) Holz abgeben. Auch die Buche erreicht
eine ungewöhnliche Höhe und Stärke. Das Alter der
kolossalen Tannen und Buchen reicht auf 400 bis 500 Jahre zurück,
das der Fichten meistens auf 300 Jahre. In der großen Mehrzahl
sind die Waldbestände noch dem Urwald beizuzählen, obgleich
nur die höheren Lagen sich in diesem Zustand rein erhalten
haben. Je weiter man über die Höhe herabsteigt, je mehr
zeigen sich die Spuren der Benutzung durch blenterweise Hiebe,
welche nur an einigen ganz vorliegenden Orten dem kahlen Abtrieb
gewichen waren.
Auch Professor Plochmann kommt in seiner Dissertation 150
Jahre Waldbau zwischen Osser und Dreisessel zu einer ähnlichen
Schlussfolgerung. Er schreibt: ...die von den Forstleuten
als Waldmisshandlung geschilderte und beklagte Art der rohen und
groben Plenterung, wie sie Hüttenmeister, Aschenbrenner,
Handwerker und Bauern übten, erreichte als ungewollt und
unbewusst das Ziel, von dem planmäßige Forstwirtschaft
im kommenden Jahrhundert trotz aller Bemühungen immer weiter
abführte.
Eine kleine Anekdote der herzoglich bayerische Forstmeister
Karl von Heppe in Straubing schreibt um die Mitte des 18. Jahrhunderts
in einem Bericht nach München über die Auseinandersetzung
mit den selbstherrlich und eigenständig wirtschaftenden Glashüttenherren:
...daß selbst eine Kuhhaut nicht auszureichen vermöge
die Sünden der Glashüttenherren aufzuschreiben.
Die Art der Waldnutzung durch die Glashüttenleute passte
seinerzeit so gar nicht in das schlagweise Schema der sich gerade
langsam etablierenden, auf Nachhaltigkeit bedachten Forstwirtschaft.
Auch im Bereich des Ilzer-Trift-Komplexes bemüht man sich
in der Folgezeit die vorgefundenen hohen Holzvorräte in den
überalternden Beständen abzubauen und große Flächen
in Verjüngung zu nehmen. Dem Kenntnisstand der damaligen
Zeit entsprechend, sollte der unübersichtlich nach Alter,
Fläche und Mischung strukturierte blenterwaldartig aufgebaute
Wald in einen übersichtlicheren Altersklassenwald umgebaut
werden.
Ziel war es, die Nachhaltigkeit der forstlichen Produktion zu
sichern; gleichzeitig aber auch die Produktion zu erhöhen.
Die Erhaltung gemischter Wälder stand dabei immer im Vordergrund:
Bereits 1849 wurde in den damaligen Wirtschaftsregeln für
den Bayerischen Wald, der Fichten-Tannen-Buchen- Mischwald als
Zielbestockung, wo immer standortlich möglich, gefordert:
Die Erfahrung, daß aus Fichten, Tannen und Buchen
gemischte Bestände den Boden auf höherer Produktionskraft
erhalten und den ungünstigen elementarischen Einflüssen
erfolgreicher Widerstand zu bieten vermögen, als reine Fichten-
und Tannenbestände .... bestimmt dazu überall .... die
Erhaltung, bzw. Erziehung gemischter Bestände als ersten
und obersten Grundsatz leiten zu lassen.
Um dieses Ziel zu erreichen, wurde als geeignetes Waldbauverfahren
der Schirmschlag nach G.L. Harting angewandt. Dies führt
in der Folgezeit dazu, dass wegen der Unterschätzung der
Vitalität der Buche, deren Anteil in den Verjüngungen
stieg und wegen der gleichmäßigen Auflockerung der
ehemals geschlossenen Bestände die Stabilität der Schirmbestockungen
litt.
Für die Hochlagen wurde ein Plenterbetrieb im 24-jährigen
Turnus vorgeschrieben. Für die Fichtenauwälder war Kahlschlag
mit anschließender Entwässerung vorgesehen. Diese wurde
sehr intensiv betrieben, z.B. wurden in Ilzer-Trift-Bereich in
den 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts innerhalb von 5 Jahren
192 km Entwässerungsgräben angelegt.
Der Schirmschlag hat trotzdem im wesentlichen sein Ziel erreicht
und gemischte Altersklassenwälder hinterlassen. Von Vorteil
seinerzeit war dabei sicher, dass Rotwild nicht vorhanden war
und nach den alten Akten Rehwild so gut wie nicht auftritt.
Weniger Erfolg hatte die Kahlschlagwirtschaft in den Auwäldern,
weil man die häufigen Spätfröste nicht einkalkuliert
hatte und Vergnügungen auf den kalten und nassen Freiflächen
ausfielen.
Dann kam die Jahrtausend-Katastrophe: Die Windwürfe von 1860
und 1870, mit einer Gesamtschadensfläche von etwa 2.000 ha
auf dem Gebiet des heutigen Nationalparks. In der Bevölkerung
wird die Borkenkäfer-Massenvermehrung Anfang der 70er Jahre
als die goldene Käferzeit bezeichnet, weil seinerzeit jeder
der arbeiten konnte auch Arbeit im Staatswald fand. Diese Borkenkäfer-Massenvermehrung
ist dann höchstwahrscheinlich von alleine wieder zusammengebrochen
und die Wiederbestockung der Kahlflächen wurde in Angriff
genommen. Diese erfolgte auf 80 % der Fläche mit reiner Fichte
aus Naturverjüngung, Saat und Pflanzung. Damit war für
die Folgezeit Schneebruch vorprogrammiert. Als eine der Lehren
aus der Windwurfkatastrophe, kann man in der Folgezeit vom Schirmschlag-Verfahren
ab und führte 1880 als neues Verjüngungsverfahren den
Femelbetrieb ein.
In dieser Zeit, beginnend bereits ab 1860 nimmt die Brennholzwirtschaft
mehr und mehr ab. Die Stadt Wien nutzt zunehmend Kohle als Energieträger;
die Brennholzpreise fallen, infolge davon siedeln sich langsam
die Ilz herauf mehr und mehr Sägewerke an, so dass zunehmend
3 m Blöcher ausgehalten werden und das Nutzholzprozent schnell
in die Höhe geht.
Der Femelbetrieb hatte als Ziel 50 (60) % Fichte, 20 (30) % Tanne
und 20 % Buche zu erreichen. Kurz vor der Jahrhundertwende aber
wurde in einem Operat der Aushieb der Tannen-Unterständer
vorgeschrieben, weil man seinerzeit nicht wusste, dass unterständige
Tannen durchaus und sehr gut in Lage sind im Folgebestand eigentlich
das Grundgerüst zu bilden. Parallel dazu erfolgte ein Anwachsen
der Rehwildbestände; jedenfalls häufen sich in der Literatur
die Klagen über massiven Verbiss der Tannen- und Buchenverjüngungen
und das Rotwild wird in den 1870er Jahren im Böhmerwald wieder
eingebürgert und taucht Ende des Jahrhunderts auch auf der
bayerischen Seite verstärkt wieder auf.
In diesem Jahrhundert haben die Förster kaum Zeit, den Wald
nachhaltig und langfristig zu bewirtschaften. Es gibt eine Reihe
von außerplanmäßigen Ereignissen die eine kontinuierliche
Waldbauarbeit immer wieder empfindlich stören.
Aber zuvor eine positive Einrichtung. 1909 wird damit begonnen
die Spiegelauer Waldbahn zu bauen. Die Waldbahn erreicht im Endausbauzustand
ein Schienennetz von insgesamt 130 km Länge. Die Spiegelauer
Waldbahn erschließt den gesamten Bereich des heutigen Nationalparks
und entlang dieser Schienenwege siedeln sich mehrere Sägewerke
an, deren Produkte die Waldbahn zum Reichsbahnhof nach Spiegelau
bringt. 1961 wird das letzte Stück Waldbahn abgebaut und
der Holztransport auf die uns alle bekannten Waldwege oder Forststraßen
verlegt. 1908 geschieht etwas außergewöhnliches: Der
Landtagsabgeordnete Graf Törring zu Jettenbach stellt einen
Antrag, die Umtriebszeit im Bayerischen Staatswald zu verkürzen,
den Hiebsatz zu erhöhen, damit mehr Geld in die Staatskasse
flösse. Man muss wissen, dass zu der Zeit der Staatswald
in einer Größenordnung von 10/15/17 % den Gesamthaushalt
des Bayerischen Staates finanziert und somit das Interesse der
Politiker an der Forstverwaltung sehr hoch war. Ich finde es gut,
dass wir heute eher kaum, oder keinen Gewinn erwirtschaften; das
bringt den Vorteil, dass die Staatsforstverwaltung unbehelligt
von tagespolitischen Begehrlichkeiten zielgerichtet wirtschaften
kann. Infolge des 1910 realisierten Antrags von Törring,
gibt es bei uns eine Übernutzung von jährlich bis zu
96.000 fm. Dann kommt der 1. Weltkrieg mit den anschließenden
Reparationshieben und das Sturmereignis von 1929 mit über
300.000 fm windgeworfenem Holz auf etwa 900 ha Kahlfläche.
Die Zeit des 3. Reiches bringt vor dem Krieg höhere angeordnete
Nutzungen zum Aufbau der Rüstungswirtschaft; die Zeit nach
dem 2. Weltkrieg ebenfalls Übernutzungen in Form von Reparationshieben
und einer Borkenkäfer-Massenvermehrung in den Jahren 47 bis
49. Dann flacht die Nutzung etwas ab, auf durchschnittlich 68.000
cbm Holz.
Mit der Gründung des Nationalparks wurde der Einschlag auf
55.000 fm verringert;
1972 auf 42.000 fm; ab 1982 auf 28.000 fm. Der neue Plan der voraussichtlich
1992 in Kraft gesetzt werden wird, dürfte den Hiebsatz weiter
zurücknehmen.
Mit dem Beschluss des Bayerischen Landtags 1969, den Nationalpark
1970 zu errichten, vollzog sich dann auch allmählich ein
Wandel in der Zielsetzung für die Behandlung der Wälder
im Nationalparkgebiet.
1974 trat dann das Bayerische Naturschutzgesetz in Kraft, das
in Art. 8 eine klare Zielhirarchie für Nationalparke in Bayern
vorgibt. Die Umsetzung dieser Vorgaben wird im Nationalparkbeirat
(Minister und Vertreter von 30 Verbänden, Instituten und
anderen Organisationen) vorgenommen und der Nationalparkverwaltung
vorgegeben: Das bedeutet in der Praxis ein stetiger Rückzug
der Forstwirtschaft gemäß dem seinerzeit gefertigten
Ammer-Plan incl. Einstellung der traditionellen Jagd mit Ausnahme
der Regulation von Schalenwild. Weitere wichtige Ziele im Naturschutz
werden realisiert z.B. die Renaturierung von Menschen veränderten
Feuchtgebiete und Gewässer, sowie die Wiedereinbürgerung
von ehemals vorhandenen und ausgerotteten Tierarten. Unser 2.
Ziel, die Erforschung des Nationalparks, wird sehr intensiv betrieben;
jährlich werden 20 bis 30 Projekte abgeschlossen. Die Bildung
der Nationalparkbesucher ist ein weiteres wichtiges Anliegen.
Die Integration des Nationalparks in sein Vorfeld...
Aktuelle politische Ereignisse mit Auswirkungen und enormen Möglichkeiten
für die Entwicklung des Gebietes
Wolfgang Bäuml