Hnuti Duha    www.hnutiduha.cz

von Herbert Pöhnl

STOPPT DIE RODUNG DES URWALDS

"Was können wir von Euch lernen?" Diese Frage eines tschechischen Umweltschützers der Hnuti DUHA (Bewegung Regenbogen) hat sich nachhaltig eingeprägt. Es geht um deren Sorge um den "Nationalpark Šumava" – dort war 1994 die Kernzone von 22 % der Gesamtfläche auf 13 % reduziert worden, jetzt, im Frühjahr 99, erneut um ein Drittel. Grund ist auch hier der Borkenkäfer, der die vielen geschwächten Bäume befällt, und die staatliche Überzeugung, ihn massiv bekämpfen zu müssen, um so den streng geschützten Wald durch Einschlag zu retten.

Im Internet stößt die DUHA unter "Waldwildnis.de" auf unser Engagement für das Gegenteil, eine möglichst unbeeinflusste Waldentwicklung, hin zur Wildnis, wie sie für Nationalparke durch weltweite Regelung verbindlich ist. Danach werden 75 % der Parkfläche der Natur überlassen und die restlichen diesem Ziel untergeordnet, davon ist die Šumava weit entfernt. Seine Gesamtfläche von 69.ooo Hektar besteht überwiegend aus forstlich genutzten, reinen Fichtenbeständen. Sie bezeugen eine 250jährige, konsequente Forstwirtschaft, sie sind hochgradig von Pflegemaßnahmen abhängig und deshalb entsprechend anfällig für Schwächungen und deren Folgen, wenn sie sich selbst überlassen würden. Zu befürchten ist ein großflächiger Zusammenbruch, den auszuhalten wohl niemand die Nerven hätte. Aber seit der Gründung des Nationalparks vor neun Jahren fehlen die Zielvorgaben und die überzeugend auf ihn hinführenden Maßnahmen, wie etwa die Verknappung des Reh- und Rotwildbestandes, um den Verbiss des sich regenerierenden Waldes zu stoppen und um den naturnahen Waldumbau behutsamen zu ermöglichen, oder die Reduzierung der Holznutzung.

Während im gegenüberliegenden Nationalpark im Bayerischen Wald seit dreißig Jahren ein zielführendes Wildnis-Management erfolgreich entwickelt und praktiziert wird, müssen im Šumava erst die politischen, fachlichen und persönlichen Geflechte dafür entstehen. Der aktuelle Rückschritt ist deshalb um so dramatischer, zeigt er doch, wie fließend Schutzgrenzen, wie beliebig Kriterien und wie unbekannt und deshalb ungewollt neue Naturschutzansätze sind. Auch der Verweis auf die erst begonnene Nationalpark-Erfahrung im Böhmerwald hat allmählich keine Berechtigung mehr – jede Lehrzeit endet irgendwann.

Bei einem vielstündigen Gespräch in Kvilda, bei zwei gemeinsamen Wanderung zum Lusen, einem grenzüberschreitendem Marsch von Kvilda nach Finsterau, einem Kulturspektakel in Vimperk, abendlichen Gesprächen am Zeltplatz und Presseterminen wurde bei Umweltschützern der DUHA und aus Ostbayern die Absicht deutlich, beide Parke künftig als Einheit zu wollen und der Wildnisidee größere Bedeutung zu erstreiten.

 

Diese Vision des binationalen Schutzwaldes besteht seit Mitte der 60er Jahre. Durch Einstellen aller Nutzungen soll der Kernbereich des großen Waldes beiderseits der Grenze seine ungestörte Eigenentwicklung leben dürfen. Beim aktuellen Plädoyer dafür sind weder Schuldzuweisungen an die tschechische Parkverwaltung noch Überheblichkeiten aus Erfahrung und Information, weder halbwissenschaftliches, ungeduldiges Belehren noch esoterisch-mystisches Schwärmen angebracht. Das bisschen Vorsprung von Wildnisbegeisterten aus Beobachtung und Auseinandersetzung rechtfertigt keine Besserwisserei. Es bleibt nur der allgemeine Appell, für die Natur Respekt und Toleranz aufzubringen, ihr wenigstens auf einer kleinen Fläche ihr Grundrecht auf Unversehrtheit zuzugestehen.

Von Bayern aus von Lässigkeit und Geduld zu reden, ist einfach, weil die freistaatliche Parkpolitik den internationalen Kriterien grundsätzlich nachkommt. Und die Wichtigkeit von schönen Prospekten zu verdeutlichen, wirkt ebenfalls deplaciert bei Naturschützern, die seit drei Wochen im Šumava hart arbeitend für den "Lebendigen Wald" kämpfen, demonstrativ fast 15.000 Bäume pflanzen und die vorbereitet und entschlossen sind, die Altfichten der Kernzonen, die gefällt werden sollen, körperlich zu verteidigen. Anketten, tagelang, Zeit verwenden, Termine versäumen, unbequem ausharren, gegen nervöse Forstarbeiter und gegen die große Politik angehen, Verletzungen und Inhaftierung in Kauf nehmen, um den Wald zu helfen und um den Status Nationalpark zu sichern, das könnten wir lernen, die wir Naturschutz nur mehr gelegentlich in Vortragsräumen und im Ausfüllen von Spendenurkunden praktizieren. Nachhaltiges, grundlegendes und aufwendiges Engagement dafür ist uns längst zu unbequem. Wir reden ausführlich über die noch hinnehmbare Länge von Radlwegen, über die Sinnhaftigkeit von weiteren Tiergehegen und über marginale Grenzprobleme bei der Käferbekämpfung. Wirklich kämpfen, nachhaltig und engagiert, wird niemand.

Anfang Juli kommt das konspirative E-mail: "Minister Kuzvart hat angeordnet, beim Plöckensteinsee einen herrlichen Altfichtenbestand zu fällen, um die Verbreitung des Käfers zu verhindern, unsere Blockadeaktion beginnt, wir treffen uns in Nova Pec, bitte Information vertraulich behandeln." Wir möchten uns solidarisierend sehen lassen, uns andeuten, schaffen es aber in acht Wochen nicht. Die DUHA kämpft. Es kommt zu kleinen Verletzungen und Verhaftungen und zur Absage der großen Demonstration, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Wir veranstalten mit dem BN in Finsterau ein Pressegespräch. Zwei Wochen später wird die Fällaktion unterbrochen, auch die Blockierer geben nach, als sie Anfang September mit Polizeigewalt entfernt werden sollten, sie möchten nicht die letzte Verständigungsmöglichkeit abbrechen.

 

Lernpotential bieten DUHA-Aktivisten schon vorher – Ende August, als sie die Unterzeichnung eines Memorandums in Bayerisch Eisenstein stören. Die beiden Fachminister Josef Miller aus München und Milan Kuzvart aus Prag bekunden schriftlich eine Zusammenarbeit der beiden Nationalparke bei den Themen Luchs, Auerwild, Otter, Forschung, Informationsaustausch, auch beim Naturschutz, und konstituieren eine Arbeitsgruppe. Da platzen unerwartet und wirkungsvoll eine dröhnende Motorsäge, Transparente und Zwischenrufe in die feierliche Stunde, und die vielen Journalisten schreiben jetzt über das Wesentliche, über Naturschutz- und Kernzonen-Problematik im Šumava, das Presseecho wird enorm. Harscher Kommentar des verärgerten tschechischen Ministers, provoziert von fünf Demonstranten: "Wir lassen uns den Böhmerwald nicht vom Käfer kaputtmachen!"

 

Die beabsichtigten, um Übereinstimmung bemühten Gespräche in der fallweise einzuberufenden Runde sind ein winziger Schritt in der langen Entwicklung, somit kein unwichtiger. Entscheidend wird sein, wie sich die einzelnen Ergebnisse erarbeiten lassen, wie groß die Bereitschaft zu echtem Naturschutz bei den Beteiligten und Zuständigen ist, ob wissenschaftlich oder tradiert, langfristig, besonnen, effektiv oder ängstlich gearbeitet wird.

Jaromir Blaha erhält den Haas-Lechner-Naturschutzpreis von Hubert WeinzierlSehr hilfreich und eminent wirkungsvoll ist eine Demonstration, die zeitgleich am Lusen stattfindet. Dort wächst unter den abgestorbenen Bäumen der junge Wald, artenreich, stufig, angepasst, widerstandsfähig, eindrucksvoll, unaufhaltsam und überzeugend, ohne Maschinen, Kosten und Polizei, ohne Schönheitskriterien und ohne Naturverklärungszwang. Rechnerisch gesehen einen guten Millimeter pro Woche, seit vielen Jahren. Vielleicht ist das eigentliche Problem nicht der kleine, armselige Borkenkäfer sondern die Lernfähigkeit und ihr Gegenteil.

 

Am 03.10.2000 erhält die Hnuti DUHA den Haas-Lechner-Naturschutzpreis des Bund Naturschutz in Bayern von Hubert Weinzierl für ihr Engagement überreicht.