INHALT
Adalbert Stifter – sein Leben
Stifters Werk und der Böhmerwald
Karl oder Karel Klostermann – sein Leben
Die heutige Bedeutung Klostermanns und seiner literarischen Hinterlassenschaft




Karel Klostermann und Adalbert Stifter – Dichter der Wildnis
Von Gerold Dvorak.

Anlässlich einer Fachtagung der Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege vom 12.-14. Oktober in Winterberg / Vimperk

Karel Klostermann und Adalbert Stifter – Dichter der Wildnis
Einführung in Werk und Texte

Als Herr Dr. Heringer mich am Telefon fragte, ob ich bei dieser Fachtagung einen Vortrag zu dem Thema "Karel Klostermann und Adalbert Stifter – Dichter der Wildnis" halten könne, habe ich einfach sofort „Ja“ gesagt, aus lauter Freude darüber, dass der Name `Klostermann´ bereits auch bei der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege bekannt geworden ist. Aber "Dichter der Wildnis"? Beide, Klostermann wie Stifter, erzählen und schreiben von Ereignissen, die sich im Böhmerwald abgespielt haben, und dieser Böhmerwald war zur Zeit jener Autoren ja auch noch für die meisten Menschen eine nahezu unberührte, größtenteils unbekannte Wildnis, so dass man den Begriff "Wildnis" mit "Böhmerwald" gleichsetzen kann. Wie alle hier Anwesenden, Tschechischsprachige wie Deutschsprachige, wissen, hat Adalbert Stifter deshalb in der Literaturgeschichte auch folgerichtig den Beinamen "Dichter des Böhmerwaldes" erhalten. Und wie steht es mit Karel, bzw. Karl Klostermann? Von den hier anwesenden tschechischen Zuhörern wissen bestimmt alle, dass Karel Klostermann auch einen Beinamen erhalten hat, und das schon zu seinen Lebzeiten, von Václav Dresler, dem ersten Biographen Klostermanns. Dieser Beiname lautet: "Básnik `Sumavy", und das heißt auf Deutsch: "Dichter des Böhmerwaldes". Leider ist aber mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass dieser vorwiegend tschechisch schreibende Autor mit dem deutschen Familienname nur wenigen der anwesenden deutschsprachigen Teilnehmer näher oder gar in Einzelheiten bekannt ist. Aus diesem Grunde werde ich auf den allgemein bekannteren Adalbert Stifter und das, was von seinem Werk mit der Zielsetzung dieser Veranstaltung zu tun hat, weniger eingehen als auf den – wie ich schon im voraus verraten will – für die Anliegen dieser Fachtagung auch heute noch immer hochaktuellen Karl oder Karel Klostermann.

Adalbert Stifter – sein Leben


Zunächst zu Adalbert Stifter: Er wurde am 23. Oktober 1805 in Oberplan, dem heutigen Horni Planá, geboren. Als er zwölf Jahre alt war, verlor er den Vater, der von einem umstürzenden Wagen erschlagen worden war. Der Großvater mütterlicherseits setzte gegen Adalberts Lehrer, welcher den Jungen für unbegabt hielt, durch, dass Adalbert Stifter 1819 als Schüler im Gymnasium der Benediktiner in Kremsmünster / OÖ aufgenommen wurde. Der Junge fiel durch sein Zeichentalent auf, schaffte ohne Probleme sämtliche Klassen und die Matura (Reifeprüfung). Anschließend ging er nach Wien, um Naturwissenschaften zu studieren und Professor zu werden. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Privatlehrer und Landschaftsmaler. Sozusagen zum Privatvergnügen verfasste er auch Erzählungen – für die Schublade. 1840 wurde die Novelle "Der Condor" von Stifters Freund, dem Verleger Gustav Heckenast, gegen den Willen des Autors veröffentlicht. In dieser Erzählung geht es nicht um den Böhmerwald, sondern einerseits um eine nächtliche Ballonfahrt zweier englischer Wissenschaftler und einer jungen Wienerin und andererseits um deren Liebe zu einem jungen Maler. "Der Condor" kam bei den Lesern sehr gut an. Dieser Erfolg ermutigte Stifter weiter zu schreiben und führte schließlich dazu, dass Stifter die Malerei fast ganz aufgab und statt dessen schrieb. Zunächst veröffentlichte er in verschiedenen Zeitschriften und gab später, wieder mit Heckenast, Erzählungen wie "Abdias", "Brigitta", "Bergkristall", "Der Hochwald" und "Der beschriebene Tännling" in Sammelbänden heraus. Deren Titel "Die Mappe meines Urgroßbvaters", "Bunte Steine" und "Studien" sind Ihnen sicher allesamt noch bekannt. Im Jahre 1849 wurde Stifter, der bisher immer nur Privatlehrer gewesen war, zum Schulrat und Volksschulinspektor für Oberösterreich ernannt, woraufhin er von Wien nach Linz zog. Als Schulrat leistete er viel für den Ausbau des Naturkunde-Unterrichts an den Volksschulen und für das kulturelle Leben in Linz. Dafür wurde er zum kaiserlich-königlichen Hofrat ernannt. 1865 war seine Gesundheit derart angegriffen, dass er in den Ruhestand versetzt wurde – mit vollem Gehalt!! Eine Besserung seines Gesundheitszustandes, die er im böhmischen Bäderdreieck und am Fuße des Dreisessels im Bayerischen Wald, suchte, fand er immer nur vorübergehend. Am 28. Januar 1868 wurde er tot, an einem Schnitt mit dem Rasiermesser verblutet, im Badezimmer aufgefunden. Bis heute ist noch nicht einwandfrei geklärt, ob es Selbstmord oder ein fataler Unfall gewesen ist.

Stifters Werk und der Böhmerwald

Zwei Jahre lang, vom Tod seines Vaters bis zum Eintritt ins Gymnasium Kremsmünster, hat Stifter seinem Großvater in der Landwirtschaft – heute würde man sagen "Nebenerwerbslandwirtschaft" – helfen müssen und dabei die Bauernarbeit kennengelernt. Aber das war "unten", im Moldau-Tal, auf rund 700 bis 800 Metern Seehöhe, in einem auch damals schon recht gut erschlossenen Gebiet mit relativ wohlhabenden Bauern. Als "Wildnis" kannte er eigentlich nur – von Neu-Ofen, dem heutigen Nová Pec aus – das Plöckenstein-Dreisessel-Gebiet. Dort spielt bekanntlich die wohl meistgelesene Erzählung Stifters "Der Hochwald"! Und er kannte eine Reihe von wahren oder erdichteten Begebenheiten und Sagen, die sich in seiner Heimat zugetragen hatten und an den langen Abenden in der kälteren Jahreszeit überall in den Stuben erzählt wurden – ich erinnere hier nur an Episoden aus "Der beschriebene Tännling" oder "Witiko". Doch mit dem Schuleintritt in Kremsmünster wurden die Aufenthalte in Oberplan/Horni Planá und Umgebung immer seltener. Nach dem Scheitern seiner Liebe zu Fanny Greipel aus Friedberg, heute Frymburk verkümmerten sie zu kurzen Besuchen bei der Mutter. Dafür lernte er dann infolge seiner Krankheit und seiner Beziehungen zu dem Passauer Kaufmann Matthias Rosenberger von dessen Gut Lackenhäuser aus die bayerische Seite des Dreisessels näher kennen, wohl aber nicht als "Wildnis", denn in einem Brief an seine Frau nach Linz schrieb Stifter, dass eine Straße auf den Dreisessel hinauf führe, auf der eine Frau in Seidenschuhen zum Gipfel gehen könne. Und als er – schon im so genannten reiferen Mannesalter – zu schreiben begann und Stoffe bearbeitete, deren Rohgestalt er aus der Kinderzeit daheim in Erinnerung hatte, waren das natürlich "Geschichten aus dem Böhmerwald". Der Böhmerwald lieferte den Ort der Handlung, die Kulisse, wie sie der Maler Stifter sah, der diese Schauplätze und Rahmen möglichst wirklichkeitsgetreu wiedergeben wollte. Ich lese Ihnen dazu eine kurze Textprobe aus dem "Witiko". Witiko, die Hauptperson des gleichnamigen Romans, ist auf dem Weg von Passau aus in seine Heimat und nähert sich mit seinem Begleiter dem Hauptkamm des Böhmerwaldes.
"Ihre Wanderung dauerte in diesem Walde über zwei Stunden, und ihr Weg führte sie in der Richtung zwischen Mitternacht (Norden) und Morgen (Osten) immer sachte aufwärts. Es standen sehr dicke Stämme von Tannen in dem Boden, welcher feucht war, wenig Licht erhielt und teils Steine, teils Untergestrüpp, teils grüne Schattenpflanzen trug. Von diesen Stämmen war noch nie einer durch Menschenhände geschlagen worden, weil noch nicht die Not um Holz dazu getrieben hatte, mancher war aus Alter gefallen oder vom Blitze zerstört worden, eine andere Beschädigung war nicht sichtbar, weil auch Winde in die Tiefe dieses Waldes nicht eindringen konnten".
Ich will Sie, verehrte Zuhörer, jetzt nicht mit literarhistorischen Betrachtungen und Auswertungen dieser Textprobe strapazieren oder gar langweilen. Mit Bezug auf den Rahmen und die Ziele dieser Fachtagung genügt es für uns, folgendes festzuhalten:
Stifter beschreibt den Böhmerwald, wie er zur Zeit um 1850 herum aussah, auch wenn die Handlung, z.B. die des "Witiko", im frühen Mittelalter spielt.
Der Böhmerwald liefert für Stifters Erzählungen den Ort der Handlung, die Kulisse, den äußeren Rahmen, den er mit Maleraugen sieht und möglichst wirklichkeitsgetreu wiedergeben will.
Der Wald war damals – oder schien zumindest so – noch völlig heil und in Ordnung.
Von Gefahren für den Wald, sei’s von der Umwelt her oder von den Menschen ausgehend, war den Leuten zu Stifters Zeit noch nichts bewusst.
Die handelnden Personen in Stifters Böhmerwaldgeschichten sind keine echten Böhmerwäldler, sondern Verkörperungen von Stifters sittlich, moralischen Lebensidealen, beinahe klassisch, immer nach Goethes Forderung lebend und handelnd: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut".
Stifters Hauptverdienst im Sinne des heutigen Themas besteht darin, dass er den Böhmerwald literaturfähig gemacht hat

Karl oder Karel Klostermann – sein Leben

Die tschechischen Zuhörer im Publikum werden mir hoffentlich verzeihen, wenn ich jetzt Fakten und Zusammenhänge darstelle, die ihnen längst bekannt und vertraut sind, aber ich muss versuchen, das auf der deutschsprachigen Seite bestehende Informationsdefizit ein wenig auszugleichen.
Am 13. Februar 1848 – Stifter galt damals schon als erfolgreicher Erzähler – wurde Carl, geschrieben mit C, Faustin Klostermann im oberösterreichischen Haag im Innviertel geboren. Sein Vater, der Dr.med. Josef Klostermann, war der jüngste Sohn des kühnischen Freirichters von Rehberg/Srni, die Mutter war die letzte Abele-Enkelin aus der berühmten Glasmeisterdynastie von Hurkenthal/Húrka. Der junge Carl Faustin Klostermann war also fast "reinrassiger" Böhmerwäldler, und er war noch keine ganzen zwei Jahre alt, als der Vater mit der Familie in die geliebte Heimat, in den Böhmerwald, zurückkehren konnte. Dort wuchs der Junge – je nach den Wirkungsstätten des Vaters – mal im überwiegend deutschsprachigen, mal im tschechischsprachigen Böhmerwald auf. Sprachbegabt wie er war (als Erwachsener beherrschte er zwölf Fremdsprachen), erlernte er schon als Kind sowohl das Deutsche als auch das Tschechische. Als er zehn Jahre alt war, schickte ihn der Vater – nicht zuletzt zur Entlastung des Familienbudgets der inzwischen achtköpfig gewordenen Familie – in den Ferien nach Schlösselwald/Hrádky, das beinahe ausschließlich von Angehörigen der Klostermann-Verwandtschaft bewohnt war. An diesem Leben bei der bäuerlichen Verwandtschaft nahm der junge Klostermann wie eines der Bauernkinder teil und verliebte sich – so muss man es nennen – derart in den Böhmerwald und seine Bewohner, dass er fortan als Gymnasiast, als Student und als Professor für Französisch und Deutsch an der Deutschen Realschule in Pilsen stets den größten Teil seiner Ferien im zentralen Böhmerwald zwischen Bergreichenstein/Kasperské Hory und dem Pürstling am Lusen/Breznik verbrachte. Nach der Matura studierte er in Wien Medizin, als ältester Sohn sollte er nämlich später einmal die väterliche Praxis übernehmen. Nach zehn Semestern brach er aber das Studium ab, die Gründe dafür sind hier unerheblich, und wollte Journalist werden. Doch der Zeitungsverlag, für den er arbeitete, machte nach einem Jahr Pleite – nicht wegen Klostermann – und nach zwei Jahren als Hauslehrer bewarb er sich als Lehrer für Französisch in Pilsen, wurde angenommen und blieb dort bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1908. Als Lehrer war Klostermann sehr kümmerlich bezahlt, ein Bankangestellter am Schalter z. B. verdiente das Vierfache. Als er 1884 zufällig seinen ehemaligen Chef aus der Wiener Zeit als Redakteur der deutschsprachigen Prager Zeitung "Politik" traf und dieser Klostermann aufforderte, ihm ein paar Beiträge fürs Feuilleton zu liefern, fing Klostermann an, zur Aufbesserung seiner Finanzen für die "Politik" zu schreiben. Nach ein paar Einzeltexten begann er mit einer Serie von 33 Folgen unter dem Sammeltitel "Heiteres und Trauriges aus dem Böhmerwalde". Was er später im Vorwort zur 1. Auflage des Familienromans "Kam spéji déti" ("Was aus den Kindern wird") als sein Anliegen formulierte, gilt auch schon für seine Feuilletons, daher zitiere ich die entscheidenden Sätze bereits hier: "Ich beschreibe das Herzstück des Böhmerwaldes, dessen Natur und den harten Kampf, den der Mensch bestehen muss, welchen das Schicksal in diese Region hinein verpflanzt hat. Und dieser Mensch ist seiner Abstammung nach Deutscher, an dieser Tatsache ändere weder ich noch jemand anderer etwas. Ich selbst, ( .)liebe jenen Menschen, jene Leute, von denen ich abstamme, und schildere Dir, lieber Leser, diesen Menschen als Deinen Bruder." Klostermanns "Geschichten aus dem Böhmerwalde" kamen bei den Lesern der "Politik" sehr gut an, so dass er sich entschloss, die erste Hälfte der 33 Folgen als Buch herauszubringen, unter seinem richtigen Namen, mit dem Titel "Böhmerwaldskizzen". Damit Sie sich einen Eindruck verschaffen können, eine kurze Textprobe daraus. Zum Verständnis: Die Böhmerwaldbauern hatten damals noch das Recht, den Sommer über ihre Rinder in den fürstlichen Wäldern entlang des Grenzkammes zwischen Böhmen und Bayern weiden zu lassen. Die Tiere gediehen bei dem saftigen Futter ausgezeichnet, diese Art von Almwirtschaft war aber nicht ganz gefahrlos. Klostermann schildert diese Gefahren: "Der zweite Hauptfeind, der es auf die Herden abgesehen hat und der namentlich in letzter Zeit immer kühner wird und immer häufiger wiederkehrt, sind die Viehdiebe aus Bayern. ( .) Den Bayern zur Ehre soll hier gesagt werden, dass nicht alle Viehdiebe Kinder ihres Landes sind. Von der Hehlerei jedoch sind unsere lieben Nachbarn nicht freizusprechen. Einem Bauern aus Rehberg wurde ein Ochs gestohlen. Auf die ihm zugekommene diesbezügliche Meldung machte er sich auf den Weg, um nach den Tätern zu forschen, die untrügliche Spuren hinterlassen hatten. Diesen Spuren folgend, kam der Mann in ein bayerisches Grenzdorf, wo sich auch ein Gendarmerieposten befand. Der Bauer machte dem Kommandanten die Anzeige und begab sich mit einem Freunde, der ihn begleitete, in ein Wirtshaus. Dort saßen sie eben, ruhig ihr Glas Bier trinkend und ein frugales Mahl verzehrend, als der Wirt eintrat, mit einem langen Messer in der Hand. "Hörst, Böhm," redete er seinen Gast an, "Di hot da Satan einabrocht. Oostecha kunt i di, wiara Goaskitzl." Ganz betroffen blickte der Bauer den Wirt an, der ihm mir nichts, dir nichts so lockende Anerbietungen machte. "Schau mi nur oo, du Malfiz Hundsböhm, du!" fuhr dieser fort. "Zwe was host mi oftan b´n Schtantarn onzoigt? Bin i leicht a Diab? Hi muasst sei, du mistiga Hund, du!" Jetzt legte sich der Begleiter des Bedrohten ins Mittel. Er zog einen Revolver und legte auf den Wirt an. "Stich zua, wennst a Schneid host!" rief er, "zérscht oba moch dei Testament!"
Auf diese nicht misszuverstehende Drohung glitt der Wirt brummend aus der Stube, die beiden jedoch machten, dass sie fortkamen, und der Geschädigte ließ lieber seinen Ochsen im Stich, den er auch nie wiedersah. Wie er später erfuhr, hatten die Gendarmen bei dem Wirte eine Hausdurchsuchung vorgenommen, weil dieser ein bekannter Hehler war. Daher auch seine Wut. Hier war es, wie wir gesehen haben, bloß zum Austausch von Drohnoten und zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen gekommen. Mitunter jedoch ( .) werden sogar Schüsse und Messerstiche ohne vorhergehenden diplomatischen Notenwechsel getauscht."
Den Zeitungslesern hatten solche Geschichten gefallen, aber sie waren nicht nach dem Geschmack der Bücherleser. Diese maßen Klostermann nämlich an Stifter, und Klostermanns wahrheitsgetreu geschilderter Böhmerwald war kein heiliger Hain, in dem das "Sanfte Gesetz" waltete. Klosermanns Handlungsträger waren Menschen von Fleisch und Blut mit allen Schwächen und Fehlern, aber nicht Stifters Idealfiguren, und Klostermann ließ diese Menschen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, während bei Stifter auch der letzte Holzknecht ein vorbildliches Deutsch spricht. Kurzum, die erhoffte Anerkennung als Buchautor blieb aus, die Investition in den Selbstverlag kam nicht wieder herein, Klostermann war zutiefst enttäuscht.
Aber es gab auch Leser, welchen die "Böhmerwaldskizzen " gefallen hatten. Einer davon war Václav Vlcek, der Herausgeber der renommierten tschechischen Kulturzeitschrift "Osvèta". Der schrieb Klostermann folgenden Brief: "Sie sind ein hervorragender Kenner des alten Böhmerwaldes, dieser wunderbaren Gegend. ( .) In dieser Landschaft und bei diesen Leuten dort liegen die Wurzeln Ihres Lebens, Ihr Herz ist damit verwachsen ( .) Ich habe – das ist kein leeres Wort – den heißen Wunsch, dass Sie sich schnell an die Aufgabe machen, über den Böhmerwald, namentlich auch über den gewesenen, alles zu schreiben, was Sie davon gekannt haben.( .) Ihre Themen über den Böhmerwald Ihrer Jugendzeit strahlen eine seltene Originalität aus, und wenn Sie diese nicht bearbeiten, wären sie wohl leicht für immer verloren."
Vlcek erwartete natürlich, dass Klostermann tschechisch schreiben würde. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war es in Böhmen durchaus nicht unüblich, dass Deutsche tschechisch und Tschechen deutsch schrieben, im gebildeten Mittelstand beherrschte man damals beide im Lande beheimateten Sprachen mehr oder weniger gleich gut. Nur zwei Beispiele: Das Buch "Der Böhmerwald – Natur und Mensch" war 1860 in Prag erschienen und galt bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts als beste Darstellung des Böhmerwaldes. Verfasser war Jan Krejci, ein Tscheche. Der hatte deutsch geschrieben, weil er sich dadurch einen größeren Abnehmerkreis ausgerechnet hatte. Und die berühmte Verfasserin der "Babicka", Bozena Némcová, schrieb für eine tschechische Zeitung eine Reportage über den Further Drachenstich, in der sie lange Passagen vom Sprechtext der Darsteller im deutschen Originalwortlaut zitierte und unübersetzt ließ, weil "man" damals so etwas eben verstand.
Klostermann beantwortete Vlceks Brief mit der umfangreichen Erzählung "Rychtáruv syn" (= "Der Sohn des Freirichters"), in der er, verschlüsselt natürlich, den Verlust des Freibauernhofes schildert, von dem die Familie Klostermann herstammt. Vlcek druckte den Text unverändert in der "Osvéta" ab, und das tschechische Leserpublikum spendete dem Autor viel Beifall. Daraufhin schrieb Klostermann seinen ersten Roman "Ze svéta lesnich samot" (= "Aus der Welt der Waldeseinsamkeiten") auch tschechisch, und er, der Deutsche, der tschechisch geschrieben hatte, erhielt für sein Erstlingswerk auf Anhieb den Jahrespreis der Tschechischen Akademie, die höchstmögliche Auszeichnung für einen Autor in Böhmen. Und neben der Ehre war mit dem Jahrespreis auch noch eine Prämie von 300 Gulden verbunden, ein halbes Jahresgehalt für Klostermann. Ist es da verwunderlich, dass er weiterhin tschechisch schrieb? Im Laufe der Jahre erhielt er noch für vier weitere Werke den Preis der Tschechischen Akademie, und die Auflagenzahlen seiner Bücher zeigen, dass er sich richtig entschieden hatte:
"V srdci sumavských hvozdü" = "Im Herzen des Böhmerwaldes" (10 Auflagen)
"Sklán" = "Die Glasmeister" (12 Auflagen)
"V ráji sumavském" = "Im Böhmerwaldpardies" (15 Auflagen)
"Ze svéta lesnich samot" = "Aus der Welt der Waldeseinsamkeiten" (18 Auflagen)
Als er 1923 starb, umfasste sein Gesamtwerk 31 Bände, vier weitere gab sein Kollege, Freund und Biograph, Max Regal, posthum heraus. Die von Klostermann ursprünglich geplante Veröffentlichung der zweiten Hälfte der Serie "Heiteres und Trauriges aus dem Böhmerwalde" konnte ich aus Funden im Museum von Bergeichenstein/Kasperské Hory rekonstruieren und 1997 als 36. und letztes Buch Klostermanns mit Hilfe des Verlags Karl Stutz, Passau, herausbringen.
Bereits zu Lebzeiten genoss Karl Klostermann großes Ansehen. Die neun Ratsherren des Pilsner Magistrats. Der Fürst Windischgraetz gewährte ihm auf seinem Schloss Stéken Wohnrecht auf Lebenszeit, und nach seinem Tode richtete ihm die Stadt Pilsen ein Ehrenbegräbnis aus. Sein Grab existiert heute noch und wird gepflegt, ganz im Gegensatz zu den Gräbern vieler seiner deutschen Stammesgenossen.

Die heutige Bedeutung Klostermanns und seiner literarischen Hinterlassenschaft

Klostermanns Gesamtwerk besteht aus Romanen und Erzählungen. Für die breite Leserschaft gilt bei solchen Werken als wichtigster Wertmaßstab der reine Unterhaltungswert. Was den anbelangt, sprechen die Auflagenzahlen, die ich angeführt habe, wohl deutlich genug. Ich könnte Ihnen das auch leicht mit zahlreichen Text- und Leseproben beweisen, doch das würde den Rahmen dieses Referats sprengen. Nur einen Punkt muss ich hervorheben, weil dies ein Hauptunterscheidungsmerkmal zu Stifters Böhmerwaldgeschichten ist: Klostermann hat den Böhmerwald selbst zu einem Handlungsträger gemacht. Das gibt seine Schilderungen eine besondere Dynamik. Dazu eine Textprobe aus der noch nicht veröffentlichten Übersetzung der Familiensaga "Kam spéji déti" (= "Was aus den Kindern wird"). Der Antaaler Karl, eine der Hauptfiguren, in der Wirklichkeit ein Vetter ersten Grades von Klostermann, geht im Winter von Mader/Modrava nach Hause. "Es war Mitternacht. Aus dem Filz links von ihm stiegen Nebel hoch und türmten sich wie eine weißgraue Wand in die Höhe. Er schaute scharf hin, als ob ihn ein geheimer Befehl dazu gezwungen hätte, zu erkennen, was sich hinter dem düsteren Vorhang abspielte, der das Gewölbe des dunkelblauen Nachthimmels zu verschleiern begann. Er sah gar nichts, nur da und dort hob sich eine niedrige Fichte schwarz von der weißen Fläche ab, die sich auf einmal ins Unendliche zu erweitern schien, da der Nebel den dunklen Hintergrund der bewaldeten Höhen unsichtbar gemacht hatte. Ein entsetzliches Trugbild! Die weiße Ebene verschlang die Abhänge, die Wälder, die Berge ( .) machte sie zunichte. Und aus diesem reinen, leeren Nichts erscholl auf einmal das Heulen eines hungrigen Fuchses zu ihm her, genau so wie damals, vor Jahren, aus dem verlassenen Nachbardorf. Maßloses Grauen erfasste ihn, schnürte ihm die Kehle zu, nahm ihm den Atem. Getrieben vom Westwind, von der Kälte verdichtet, wälzte sich der Nebel langsam aber unausweichlich immer näher zu ihm hin; Baum um Baum verschwand darin; ihm war’s als ob ihn dieser Nebel jeden Augenblick verschlucken, zerquetschen und erwürgen würde. Er riss sich zusammen, hastete mit großen Schritten weiter, stürzte, rappelte sich wieder auf, hetzte vorwärts, ächzte, keuchte, rang pfeifend nach Luft. Und ununterbrochen jaulte der Fuchs sein Klagelied, durchdringend bis ins Mark. Schon umfing ihn der Nebel lautlos von hinten, auch von rechts. Er spürte, dass er verloren wäre, dass ihn das gespenstische Trugbild irreführen würde, wenn ihn der Nebel auch von vorn einschließen, ihm den Blick auf den Waldrand rauben würde, vor dem, kaum fünf- oder sechshundert Schritte entfernt, sein Anwesen stand. Und der Fuchs jaulte weiter, ganz nahe bei ihm; der Antaaler glaubte, den röchelnden Atem des Tieres zu hören, die phosphoreszierenden Lichter zu sehen, in dieser unheimlichen, alles verschlingenden Wildnis. Hie und da zog auch schon vor ihm ein gräulicher Nebelfetzen vorüber. Er raffte seine ganze Kraft zusammen, wie verrückt hetzte er den Hang hinauf ( .) war schon auf der mit Steinen gepflasterten Gred ( .) stürzte sich in die Diele, in die Stube." ("Kam spéji déti", 11.Kapitel)
Diesen Böhmerwald, seine Bewohner und deren Leben beschreibt Klostermann sehr eingehend und ausführlich. Zu einer bestimmten Zeit wurde ihm dies von Kritikern, die bloß auf die "action" achten, als oberlehrerhaftes Getue und unnötiges Verzögern der Weiterentwicklung eben dieser "action" vorgeworfen. Aber diesen Böhmerwald gibt es nicht mehr und wird ihn wegen der Vertreibung seiner deutschen Bewohner auch nie mehr wieder so geben. Und das verleiht dem Werk Klostermanns einen einmaligen Wert als unersetzliches Zeitzeugnis und historische Quelle. Zum Beweis lese ich ihnen einen Auszug aus so einer "oberlehrerhaften, schulmeisterischen" Passage: Zum Zusammenhang: Der Ihnen bereits bekannte Antaaler hat außer dem Wohn- und Stallgebäude alles verloren, aber betteln geht die Familie nicht. "( .) Seit einigen Wochen arbeiteten der Antaaler, seine zweite Tochter, die bis dahin in der Innergefilder Drechslerei gewesen war, die dritte Tochter, ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, und der zwölfjährige Sohn, für den die Eltern eine einstweilige Befreiung von der Pflicht zum regelmäßigen Schulbesuch erwirkt hatten, in einer Zündholzfabrik, welche ein fremder Israelit unweit von Winterberg aufgemacht hatte. Weil sie bis dorthin gute sechs Stunden zu gehen hatten, blieben sie die ganze Woche über dort; spät in der Nacht zum Sonntag kamen sie mit ihrem verdienten Geld zurück, und zeitig am Montag, zwei Stunden nach Mitternacht, machten sie sich wieder auf den Weg zur Arbeit. ( .) Den ganzen Tag, vom Morgen bis um sechs Uhr abends, standen sie in der Arbeit, der Vater an der Kreissäge, das ältere Mädchen an der Drehbank, und die zwei jüngeren Kinder füllten die fertigen Zündhölzer in Schächtelchen. Das war eine Arbeit von der allerschlimmsten Art, deren widerlicher Gestank sich überall festsetzte, in den Haaren, in der Kleidung, an sämtlichen Dingen, mit denen sie in Berührung kamen. ( .) Wenn sie am Montagmorgen vor Tagesanbruch weggingen, nahmen sie Schmalz mit und ein kleines Fässchen voll von der für den Winter zusammengeschütteten sauren Milch, schärfer als der allerschärfste Essig. Auch die Tschechen im Vorwald sagen dazu "Irschtmül", eine Verstümmelung des deutschen Namens "Herbstmilch", noch genauer, abgeleitet vom deutschen Dialekt, in dem es wie "Hirgstmüll" klingt. Die brauchen sie zum Kochen der unvermeidlichen sauren Suppe, und damit sparen sie. Ein Laib Brot täglich und ein bisschen Mehl, das ist auch schon alles, was gekauft werden muss. Zum Kochen wäre sowieso keine Zeit, bloß am Abend für diese Suppe – damit sie doch auch etwas Warmes bekommen. Der Fabrikherr ist nicht schlecht, er genehmigt ihnen einen Platz in irgendeinem Schuppen, in dem Kisten voller Streichhölzer gelagert werden, dort können sie umsonst übernachten. Er hat ihnen sogar Stroh aufschütten lassen und dicke, warme Pferdedecken gegeben. Gott soll ihn dafür belohnen und beschützen, den guten Herrn! In diesem Schuppen dürfen sie natürlich nicht kochen, aber das können sie in einer Gesindestube machen. Je länger sie dort arbeiten, desto besser werden sie sich einrichten. Sei gesegnet, goldene Hoffnung! Du grünst und blühst sogar in der entsetzlichen Atmosphäre einer Zündholzfabrik, im stickigen Schwefelgestank! ( .) Jede Woche kamen der Mann und die Kinder heim, brachten ihren Verdienst mit. Der Anblick des Geldes, das bei ihr abgegeben wurde, zerstreute für eine Zeitlang die schwermütigen Gedanken der Mutter. Doch sobald ihre prüfenden Augen die Kinder näher betrachteten, konnte ihnen nicht entgehen, dass die früher rotbackigen, runden Gesichter blass wurden, dass sich der Glanz in den Augen trübte, dass die rundlichen Arme und Hände abmagerten und eine Form und Farbe anzunehmen begannen, welche den wächsernen Händen ähnelte, die in der heiligen Kapelle vom Hauswald als Votivgaben aufgehängt wurden!“ ("Kam spéji déti", 25.Kapitel)
Stellen Sie sich vor, welche Freude ein Historiker, der über den Frühkapitalismus im Böhmerwald schreiben will, bei der Entdeckung eines solchen Textes empfinden muss! Und das war nur ein Beispiel von vielen. Als Stifter lebte und schrieb, war oder schien zumindest der Böhmerwald noch in Ordnung, so festgefügt und unerschütterlich wie die Jahrhunderte alten Tannen, Fichten und Buchen. Klostermann hingegen erlebte mit dem Orkan von 1870 und der darauf folgenden Borkenkäferpest eine Katastrophe, die nicht bloß die Wälder, sondern auch die Bewohner des Böhmerwaldes für viele, viele Jahre im Kern bedrohte. Zur Erklärung: In der Nacht vom 27. auf den 28. Oktober 1870 hatte ein Orkan innerhalb von rund sechs Stunden den gesamten Waldbestand zwischen Lusen und Falkenstein bis in die Bergreichensteiner Gegend hinein vernichtet. Trotzdem vor allem die adeligen Waldbesitzer, die Fürsten Schwarzenberg und Hohenzollern, die Grafen Kinsky und Thun, Scharen von Waldarbeitern aus Bayern, Österreich und Norditalien anwarben, konnten die Windbruchschäden nicht rasch genug aufgearbeitet werden, es gab ja damals weder Kettensägen noch motorisierte Zugmaschinen. Die sich explosionsartig vermehrenden Borkenkäfer gaben auch noch den Bäumen den Rest, die in geschützten Lagen vom Wüten des Orkans verschont geblieben waren. Die Forstverwaltungen sahen damals nur eine Lösungsmöglichkeit: Weg mit dem toten und dem kranken Baumbestand und rasche Wiederaufforstung durch Menschenhand.
Den Böhmerwäldlern brachte diese Notsituation zunächst einen ungeahnten Geldsegen, denn noch nie hatte man durch Waldarbeit und Holztransport so viel verdient wie in den so genannten "goldenen Käferljahren". Doch das Geld, welches bekanntlich auch den Charakter verderben kann, wurde nur wenigen zum Segen, den meisten aber zum Verhängnis, weil sie nicht richtig damit umgehen konnten. Plötzlich rauschte im Böhmerwald kein Wind mehr in den Baumwipfeln, was ihm im Tschechischen den Namen "Sumava", "die Rauschende", eingebracht hatte, sondern eisige Stürme fegten über das kahlgeschlagene Bergland, und Regengüsse und Schmelzwasser schwemmten die schutzlos daliegende Humusschicht ab. Was das alles für Folgen haben musste, kümmerte kaum jemanden von den Böhmerwäldlern, denn noch floss ja der Geldregen.
Einer der wenigen und allerersten, welche die Gefahren und Zusammenhänge erkannten, war Karl Klostermann, der in seinen als "oberlehrerhafte Besserwisserei" kritisierten Passagen seiner Romane und Erzählungen immer wieder darauf hinwies und warnte. Als eine der verschiedenen Konsequenzen daraus forderte er in seinem Traktat "Kulturni naléhavost" = "Ein dringendes kulturelles Anliegen" auch als Erster bereits 1919 die Schaffung eines Nationalparks Böhmerwald, um späteren Generationen wenigstens noch zeigen zu können, wie prachtvoll dieser Böhmerwald einst gewesen war. Ich zitiere den Schluss: "( .) Der verstorbene Fürst Johann von Schwarzenberg hatte in seinem Testament verfügt, dass der Rest des am südlichen Abhang des Kubani (heute: Boubin) erhalten gebliebenen Urwalds auf ewige Zeiten im Naturzustand belassen bleiben solle. Aber das Ausmaß dieses Reservates, welches dazu bestimmt ist, künftigen Generationen den Eindruck zu vermitteln, den die Urwälder des Böhmerwaldes geboten haben, ist viel zu klein, um irgendwann auch einmal Schutzgebiet für das dort lebende Wild werden zu können. Die Republik (gemeint ist die 1. Tschechoslowakische Republik von 1918-1939) beschlagnahmt Großgrundbesitz. Ich würde mir wünschen, dass die damit betrauten Organe erwägen könnten, irgendwo so ein allgemeines Schutzgebiet in der Größenordnung von etlichen hundert Hektar einzurichten. Ich bin überzeugt, dass dieses Naturschutzgebiet von einem zahlreichen Publikum besucht werden würde, und zwar nicht bloß von einheimischem, sondern auch von auswärtigem, und damit auch materiellen Nutzen brächte."
Mit Klostermanns Eintreten für eine heile Natur und Umwelt haben wir bereits einen Beleg für seine noch heute gültige Aktualität – schließlich gibt es wieder eine Borkenkäferpest und verschiedene Auffassungen, wie man dem Übel begegnen sollte.
Noch aktueller als in Bezug auf Ökologisches ist Klostermann aber in politischer Hinsicht. Wie bereits berichtet, schrieb der seiner Abstammung nach rein deutsche Klostermann überwiegend tschechisch. Weil er zweisprachig aufgewachsen war, hatte er auch mehr Verständnis für die jeweils andere Seite. Außerdem war er der Überzeugung, dass es in Böhmen innerhalb der letzten 800 bis 1000 Jahre allen Menschen immer dann gut gegangen war, wenn Deutsche, Tschechen und Juden friedlich miteinander zusammengelebt hatten. Klostermann glaubte fest daran, dass das so bleiben könnte und müsste. Aber – Klostermann lebte in einer Zeit, in der der Irrsinn eines übersteigerten Nationalismus entstand, wucherte und sich zu immer gefährlicheren Auswüchsen steigerte. Er, der seine deutsche Abstammung nie verleugnete, aber die Qualitäten der tschechischsprachigen Mitbewohner seines Heimatlandes genau so hoch schätzte, stand mit seiner Einstellung zwischen beiden Fronten, wurde von beiden Seiten angefeindet und attackiert. Tschechische nationalistisch eingestellte Kritiker warfen ihm vor, dass er nur den deutschen Böhmerwald und dessen deutsche Bewohner beschreibe. Sie bezeichneten ihn als "fremden Eindringling im tschechischen Parnass", in den er vom liberal eingestellten Leserpublikum schon längst erhoben worden war. Noch schlimmer trieben es die deutschen Nationalisten, weil sich der Erfolgsautor Klostermann nicht vor ihren Karren hatte spannen lassen. "Nestbeschmutzer", "Volksschädling", "Verräter der heiligen deutschen Sache" beschimpften sie ihn. Der krasseste Fall war folgender: In seinem Roman "Za stéstim" (= "Dem Glück hinterher") schilderte Klostermann, wie verarmte Tschechen nach Wien auswanderten, dort ihr Glück zu finden hofften und dabei allerhand Schwierigkeiten mit den Wienern hatten. Klostermann hatte die Geschichte glänzend erzählt und dafür wieder einmal den Preis der Tschechischen Akademie erhalten. Aber wegen eben dieses Buches leitete Klostermanns deutsch- nationaler Dienstvorgesetzter, der Landesschulrat für Westböhmen, ein Dienst-Straf- Entlassungs-Verfahren wegen Volksverhetzung ein. Klostermann hatte das Glück, dass im Wiener k.u.k. Kultusministerium ein paar vernünftige Leute saßen, die den Herrn Landesschulrat zurückpfiffen. Damit der Herr aber nicht sein Gesicht verlor, ermächtigten sie ihn, dem Herrn Professor Klostermann einen strengen dienstlichen Verweis zu erteilen. Wie bereits gesagt, die deutschen Nationalisten waren schlimmer als die tschechischen. Klostermann wurde von ihnen – leider mit Erfolg – totgeschwiegen und ins tschechische Lager abgedrängt. Wie Klostermann es 1908 in einem Offenen Brief in der Zeitung "Politik" selbst formuliert hat, ist er "durch die Verhältnisse zum Tschechen geworden." Aber allen Schikanen, Anfeindungen und Nachteilen für sich zum Trotz, Klostermann blieb seiner Auffassung treu und trat stets unbeirrt für ein friedliches Zusammenleben von Tschechen und Deutschen ein. Weil diese Einstellung auch heute noch hochaktuell und – wie ich glaube – die einzig richtige ist, wenn wir als Nachbarn in einem Vereinten Europa miteinander auskommen wollen, will ich mit einem Text schließen, den ich als "Klostermanns Glaubensbekenntnis" bezeichnen möchte:
"( .) Ich sehe nicht ein, warum man nur dann gut deutsch sein und sein deutsches Stammvolk lieben könnte, wenn man zugleich seinen slawischen Nachbarn hasst und verdächtigt, seinen Nachbarn, mit dem uns eine tausendjährige Geschichte, Bande des Blutes, gemeinsame Interessen, dieselben Begriffe von Recht und Ehre, kurz, alles verbindet, was den Begriff "Heimat" ausmacht. Der Streit, der uns heute trennt, ist ein Missverständnis. Wir sind einander entfremdet worden. Aber ich hoffe, dass die gleichen materiellen Ziele, die gleichen Bedürfnisse und die gleichen Leiden uns in Zukunft wieder zusammenführen, versöhnen und das künstlich erzeugte Misstrauen auslöschen werden."
(Zusammengesetzt aus dem "Epilog" zu "Heiteres und Trauriges aus dem Böhmerwalde" und aus dem Vorwort zu "Kam spéji déti")

Winterberg, den 13. Oktober 2000

Gerold Dvorak