INHALT
Adalbert Stifter sein Leben
Stifters Werk und der Böhmerwald
Karl oder Karel Klostermann sein Leben
Die heutige Bedeutung Klostermanns und seiner literarischen
Hinterlassenschaft
Zunächst zu Adalbert Stifter: Er wurde am 23. Oktober 1805
in Oberplan, dem heutigen Horni Planá, geboren. Als er
zwölf Jahre alt war, verlor er den Vater, der von einem umstürzenden
Wagen erschlagen worden war. Der Großvater mütterlicherseits
setzte gegen Adalberts Lehrer, welcher den Jungen für unbegabt
hielt, durch, dass Adalbert Stifter 1819 als Schüler im Gymnasium
der Benediktiner in Kremsmünster / OÖ aufgenommen wurde.
Der Junge fiel durch sein Zeichentalent auf, schaffte ohne Probleme
sämtliche Klassen und die Matura (Reifeprüfung). Anschließend
ging er nach Wien, um Naturwissenschaften zu studieren und Professor
zu werden. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich als Privatlehrer
und Landschaftsmaler. Sozusagen zum Privatvergnügen verfasste
er auch Erzählungen für die Schublade. 1840 wurde
die Novelle "Der Condor" von Stifters Freund, dem Verleger
Gustav Heckenast, gegen den Willen des Autors veröffentlicht.
In dieser Erzählung geht es nicht um den Böhmerwald,
sondern einerseits um eine nächtliche Ballonfahrt zweier
englischer Wissenschaftler und einer jungen Wienerin und andererseits
um deren Liebe zu einem jungen Maler. "Der Condor" kam
bei den Lesern sehr gut an. Dieser Erfolg ermutigte Stifter weiter
zu schreiben und führte schließlich dazu, dass Stifter
die Malerei fast ganz aufgab und statt dessen schrieb. Zunächst
veröffentlichte er in verschiedenen Zeitschriften und gab
später, wieder mit Heckenast, Erzählungen wie "Abdias",
"Brigitta", "Bergkristall", "Der Hochwald"
und "Der beschriebene Tännling" in Sammelbänden
heraus. Deren Titel "Die Mappe meines Urgroßbvaters",
"Bunte Steine" und "Studien" sind Ihnen sicher
allesamt noch bekannt. Im Jahre 1849 wurde Stifter, der bisher
immer nur Privatlehrer gewesen war, zum Schulrat und Volksschulinspektor
für Oberösterreich ernannt, woraufhin er von Wien nach
Linz zog. Als Schulrat leistete er viel für den Ausbau des
Naturkunde-Unterrichts an den Volksschulen und für das kulturelle
Leben in Linz. Dafür wurde er zum kaiserlich-königlichen
Hofrat ernannt. 1865 war seine Gesundheit derart angegriffen,
dass er in den Ruhestand versetzt wurde mit vollem Gehalt!!
Eine Besserung seines Gesundheitszustandes, die er im böhmischen
Bäderdreieck und am Fuße des Dreisessels im Bayerischen
Wald, suchte, fand er immer nur vorübergehend. Am 28. Januar
1868 wurde er tot, an einem Schnitt mit dem Rasiermesser verblutet,
im Badezimmer aufgefunden. Bis heute ist noch nicht einwandfrei
geklärt, ob es Selbstmord oder ein fataler Unfall gewesen
ist.
Stifters Werk und der Böhmerwald
Zwei Jahre lang, vom Tod seines Vaters bis zum Eintritt ins
Gymnasium Kremsmünster, hat Stifter seinem Großvater
in der Landwirtschaft heute würde man sagen "Nebenerwerbslandwirtschaft"
helfen müssen und dabei die Bauernarbeit kennengelernt.
Aber das war "unten", im Moldau-Tal, auf rund 700 bis
800 Metern Seehöhe, in einem auch damals schon recht gut
erschlossenen Gebiet mit relativ wohlhabenden Bauern. Als "Wildnis"
kannte er eigentlich nur von Neu-Ofen, dem heutigen Nová
Pec aus das Plöckenstein-Dreisessel-Gebiet. Dort spielt
bekanntlich die wohl meistgelesene Erzählung Stifters "Der
Hochwald"! Und er kannte eine Reihe von wahren oder erdichteten
Begebenheiten und Sagen, die sich in seiner Heimat zugetragen
hatten und an den langen Abenden in der kälteren Jahreszeit
überall in den Stuben erzählt wurden ich erinnere
hier nur an Episoden aus "Der beschriebene Tännling"
oder "Witiko". Doch mit dem Schuleintritt in Kremsmünster
wurden die Aufenthalte in Oberplan/Horni Planá und Umgebung
immer seltener. Nach dem Scheitern seiner Liebe zu Fanny Greipel
aus Friedberg, heute Frymburk verkümmerten sie zu kurzen
Besuchen bei der Mutter. Dafür lernte er dann infolge seiner
Krankheit und seiner Beziehungen zu dem Passauer Kaufmann Matthias
Rosenberger von dessen Gut Lackenhäuser aus die bayerische
Seite des Dreisessels näher kennen, wohl aber nicht als "Wildnis",
denn in einem Brief an seine Frau nach Linz schrieb Stifter, dass
eine Straße auf den Dreisessel hinauf führe, auf der
eine Frau in Seidenschuhen zum Gipfel gehen könne. Und als
er schon im so genannten reiferen Mannesalter zu
schreiben begann und Stoffe bearbeitete, deren Rohgestalt er aus
der Kinderzeit daheim in Erinnerung hatte, waren das natürlich
"Geschichten aus dem Böhmerwald". Der Böhmerwald
lieferte den Ort der Handlung, die Kulisse, wie sie der Maler
Stifter sah, der diese Schauplätze und Rahmen möglichst
wirklichkeitsgetreu wiedergeben wollte. Ich lese Ihnen dazu eine
kurze Textprobe aus dem "Witiko". Witiko, die Hauptperson
des gleichnamigen Romans, ist auf dem Weg von Passau aus in seine
Heimat und nähert sich mit seinem Begleiter dem Hauptkamm
des Böhmerwaldes.
"Ihre Wanderung dauerte in diesem Walde über zwei Stunden,
und ihr Weg führte sie in der Richtung zwischen Mitternacht
(Norden) und Morgen (Osten) immer sachte aufwärts. Es standen
sehr dicke Stämme von Tannen in dem Boden, welcher feucht
war, wenig Licht erhielt und teils Steine, teils Untergestrüpp,
teils grüne Schattenpflanzen trug. Von diesen Stämmen
war noch nie einer durch Menschenhände geschlagen worden,
weil noch nicht die Not um Holz dazu getrieben hatte, mancher
war aus Alter gefallen oder vom Blitze zerstört worden, eine
andere Beschädigung war nicht sichtbar, weil auch Winde in
die Tiefe dieses Waldes nicht eindringen konnten".
Ich will Sie, verehrte Zuhörer, jetzt nicht mit literarhistorischen
Betrachtungen und Auswertungen dieser Textprobe strapazieren oder
gar langweilen. Mit Bezug auf den Rahmen und die Ziele dieser
Fachtagung genügt es für uns, folgendes festzuhalten:
Stifter beschreibt den Böhmerwald, wie er zur Zeit um 1850
herum aussah, auch wenn die Handlung, z.B. die des "Witiko",
im frühen Mittelalter spielt.
Der Böhmerwald liefert für Stifters Erzählungen
den Ort der Handlung, die Kulisse, den äußeren Rahmen,
den er mit Maleraugen sieht und möglichst wirklichkeitsgetreu
wiedergeben will.
Der Wald war damals oder schien zumindest so noch
völlig heil und in Ordnung.
Von Gefahren für den Wald, seis von der Umwelt her
oder von den Menschen ausgehend, war den Leuten zu Stifters Zeit
noch nichts bewusst.
Die handelnden Personen in Stifters Böhmerwaldgeschichten
sind keine echten Böhmerwäldler, sondern Verkörperungen
von Stifters sittlich, moralischen Lebensidealen, beinahe klassisch,
immer nach Goethes Forderung lebend und handelnd: "Edel sei
der Mensch, hilfreich und gut".
Stifters Hauptverdienst im Sinne des heutigen Themas besteht darin,
dass er den Böhmerwald literaturfähig gemacht hat
Karl oder Karel Klostermann sein Leben
Die tschechischen Zuhörer im Publikum werden mir hoffentlich
verzeihen, wenn ich jetzt Fakten und Zusammenhänge darstelle,
die ihnen längst bekannt und vertraut sind, aber ich muss
versuchen, das auf der deutschsprachigen Seite bestehende Informationsdefizit
ein wenig auszugleichen.
Am 13. Februar 1848 Stifter galt damals schon als erfolgreicher
Erzähler wurde Carl, geschrieben mit C, Faustin Klostermann
im oberösterreichischen Haag im Innviertel geboren. Sein
Vater, der Dr.med. Josef Klostermann, war der jüngste Sohn
des kühnischen Freirichters von Rehberg/Srni, die Mutter
war die letzte Abele-Enkelin aus der berühmten Glasmeisterdynastie
von Hurkenthal/Húrka. Der junge Carl Faustin Klostermann
war also fast "reinrassiger" Böhmerwäldler,
und er war noch keine ganzen zwei Jahre alt, als der Vater mit
der Familie in die geliebte Heimat, in den Böhmerwald, zurückkehren
konnte. Dort wuchs der Junge je nach den Wirkungsstätten
des Vaters mal im überwiegend deutschsprachigen, mal
im tschechischsprachigen Böhmerwald auf. Sprachbegabt wie
er war (als Erwachsener beherrschte er zwölf Fremdsprachen),
erlernte er schon als Kind sowohl das Deutsche als auch das Tschechische.
Als er zehn Jahre alt war, schickte ihn der Vater nicht
zuletzt zur Entlastung des Familienbudgets der inzwischen achtköpfig
gewordenen Familie in den Ferien nach Schlösselwald/Hrádky,
das beinahe ausschließlich von Angehörigen der Klostermann-Verwandtschaft
bewohnt war. An diesem Leben bei der bäuerlichen Verwandtschaft
nahm der junge Klostermann wie eines der Bauernkinder teil und
verliebte sich so muss man es nennen derart in den
Böhmerwald und seine Bewohner, dass er fortan als Gymnasiast,
als Student und als Professor für Französisch und Deutsch
an der Deutschen Realschule in Pilsen stets den größten
Teil seiner Ferien im zentralen Böhmerwald zwischen Bergreichenstein/Kasperské
Hory und dem Pürstling am Lusen/Breznik verbrachte. Nach
der Matura studierte er in Wien Medizin, als ältester Sohn
sollte er nämlich später einmal die väterliche
Praxis übernehmen. Nach zehn Semestern brach er aber das
Studium ab, die Gründe dafür sind hier unerheblich,
und wollte Journalist werden. Doch der Zeitungsverlag, für
den er arbeitete, machte nach einem Jahr Pleite nicht wegen
Klostermann und nach zwei Jahren als Hauslehrer bewarb
er sich als Lehrer für Französisch in Pilsen, wurde
angenommen und blieb dort bis zu seiner Pensionierung im Jahre
1908. Als Lehrer war Klostermann sehr kümmerlich bezahlt,
ein Bankangestellter am Schalter z. B. verdiente das Vierfache.
Als er 1884 zufällig seinen ehemaligen Chef aus der Wiener
Zeit als Redakteur der deutschsprachigen Prager Zeitung "Politik"
traf und dieser Klostermann aufforderte, ihm ein paar Beiträge
fürs Feuilleton zu liefern, fing Klostermann an, zur Aufbesserung
seiner Finanzen für die "Politik" zu schreiben.
Nach ein paar Einzeltexten begann er mit einer Serie von 33 Folgen
unter dem Sammeltitel "Heiteres und Trauriges aus dem Böhmerwalde".
Was er später im Vorwort zur 1. Auflage des Familienromans
"Kam spéji déti" ("Was aus den Kindern
wird") als sein Anliegen formulierte, gilt auch schon für
seine Feuilletons, daher zitiere ich die entscheidenden Sätze
bereits hier: "Ich beschreibe das Herzstück des Böhmerwaldes,
dessen Natur und den harten Kampf, den der Mensch bestehen muss,
welchen das Schicksal in diese Region hinein verpflanzt hat. Und
dieser Mensch ist seiner Abstammung nach Deutscher, an dieser
Tatsache ändere weder ich noch jemand anderer etwas. Ich
selbst, ( .)liebe jenen Menschen, jene Leute, von denen ich abstamme,
und schildere Dir, lieber Leser, diesen Menschen als Deinen Bruder."
Klostermanns "Geschichten aus dem Böhmerwalde"
kamen bei den Lesern der "Politik" sehr gut an, so dass
er sich entschloss, die erste Hälfte der 33 Folgen als Buch
herauszubringen, unter seinem richtigen Namen, mit dem Titel "Böhmerwaldskizzen".
Damit Sie sich einen Eindruck verschaffen können, eine kurze
Textprobe daraus. Zum Verständnis: Die Böhmerwaldbauern
hatten damals noch das Recht, den Sommer über ihre Rinder
in den fürstlichen Wäldern entlang des Grenzkammes zwischen
Böhmen und Bayern weiden zu lassen. Die Tiere gediehen bei
dem saftigen Futter ausgezeichnet, diese Art von Almwirtschaft
war aber nicht ganz gefahrlos. Klostermann schildert diese Gefahren:
"Der zweite Hauptfeind, der es auf die Herden abgesehen hat
und der namentlich in letzter Zeit immer kühner wird und
immer häufiger wiederkehrt, sind die Viehdiebe aus Bayern.
( .) Den Bayern zur Ehre soll hier gesagt werden, dass nicht alle
Viehdiebe Kinder ihres Landes sind. Von der Hehlerei jedoch sind
unsere lieben Nachbarn nicht freizusprechen. Einem Bauern aus
Rehberg wurde ein Ochs gestohlen. Auf die ihm zugekommene diesbezügliche
Meldung machte er sich auf den Weg, um nach den Tätern zu
forschen, die untrügliche Spuren hinterlassen hatten. Diesen
Spuren folgend, kam der Mann in ein bayerisches Grenzdorf, wo
sich auch ein Gendarmerieposten befand. Der Bauer machte dem Kommandanten
die Anzeige und begab sich mit einem Freunde, der ihn begleitete,
in ein Wirtshaus. Dort saßen sie eben, ruhig ihr Glas Bier
trinkend und ein frugales Mahl verzehrend, als der Wirt eintrat,
mit einem langen Messer in der Hand. "Hörst, Böhm,"
redete er seinen Gast an, "Di hot da Satan einabrocht. Oostecha
kunt i di, wiara Goaskitzl." Ganz betroffen blickte der Bauer
den Wirt an, der ihm mir nichts, dir nichts so lockende Anerbietungen
machte. "Schau mi nur oo, du Malfiz Hundsböhm, du!"
fuhr dieser fort. "Zwe was host mi oftan b´n Schtantarn
onzoigt? Bin i leicht a Diab? Hi muasst sei, du mistiga Hund,
du!" Jetzt legte sich der Begleiter des Bedrohten ins Mittel.
Er zog einen Revolver und legte auf den Wirt an. "Stich zua,
wennst a Schneid host!" rief er, "zérscht oba
moch dei Testament!"
Auf diese nicht misszuverstehende Drohung glitt der Wirt brummend
aus der Stube, die beiden jedoch machten, dass sie fortkamen,
und der Geschädigte ließ lieber seinen Ochsen im Stich,
den er auch nie wiedersah. Wie er später erfuhr, hatten die
Gendarmen bei dem Wirte eine Hausdurchsuchung vorgenommen, weil
dieser ein bekannter Hehler war. Daher auch seine Wut. Hier war
es, wie wir gesehen haben, bloß zum Austausch von Drohnoten
und zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen gekommen. Mitunter
jedoch ( .) werden sogar Schüsse und Messerstiche ohne vorhergehenden
diplomatischen Notenwechsel getauscht."
Den Zeitungslesern hatten solche Geschichten gefallen, aber sie
waren nicht nach dem Geschmack der Bücherleser. Diese maßen
Klostermann nämlich an Stifter, und Klostermanns wahrheitsgetreu
geschilderter Böhmerwald war kein heiliger Hain, in dem das
"Sanfte Gesetz" waltete. Klosermanns Handlungsträger
waren Menschen von Fleisch und Blut mit allen Schwächen und
Fehlern, aber nicht Stifters Idealfiguren, und Klostermann ließ
diese Menschen sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen war,
während bei Stifter auch der letzte Holzknecht ein vorbildliches
Deutsch spricht. Kurzum, die erhoffte Anerkennung als Buchautor
blieb aus, die Investition in den Selbstverlag kam nicht wieder
herein, Klostermann war zutiefst enttäuscht.
Aber es gab auch Leser, welchen die "Böhmerwaldskizzen
" gefallen hatten. Einer davon war Václav Vlcek, der
Herausgeber der renommierten tschechischen Kulturzeitschrift "Osvèta".
Der schrieb Klostermann folgenden Brief: "Sie sind ein hervorragender
Kenner des alten Böhmerwaldes, dieser wunderbaren Gegend.
( .) In dieser Landschaft und bei diesen Leuten dort liegen die
Wurzeln Ihres Lebens, Ihr Herz ist damit verwachsen ( .) Ich habe
das ist kein leeres Wort den heißen Wunsch,
dass Sie sich schnell an die Aufgabe machen, über den Böhmerwald,
namentlich auch über den gewesenen, alles zu schreiben, was
Sie davon gekannt haben.( .) Ihre Themen über den Böhmerwald
Ihrer Jugendzeit strahlen eine seltene Originalität aus,
und wenn Sie diese nicht bearbeiten, wären sie wohl leicht
für immer verloren."
Vlcek erwartete natürlich, dass Klostermann tschechisch schreiben
würde. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts war es
in Böhmen durchaus nicht unüblich, dass Deutsche tschechisch
und Tschechen deutsch schrieben, im gebildeten Mittelstand beherrschte
man damals beide im Lande beheimateten Sprachen mehr oder weniger
gleich gut. Nur zwei Beispiele: Das Buch "Der Böhmerwald
Natur und Mensch" war 1860 in Prag erschienen und
galt bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts als beste Darstellung
des Böhmerwaldes. Verfasser war Jan Krejci, ein Tscheche.
Der hatte deutsch geschrieben, weil er sich dadurch einen größeren
Abnehmerkreis ausgerechnet hatte. Und die berühmte Verfasserin
der "Babicka", Bozena Némcová, schrieb
für eine tschechische Zeitung eine Reportage über den
Further Drachenstich, in der sie lange Passagen vom Sprechtext
der Darsteller im deutschen Originalwortlaut zitierte und unübersetzt
ließ, weil "man" damals so etwas eben verstand.
Klostermann beantwortete Vlceks Brief mit der umfangreichen Erzählung
"Rychtáruv syn" (= "Der Sohn des Freirichters"),
in der er, verschlüsselt natürlich, den Verlust des
Freibauernhofes schildert, von dem die Familie Klostermann herstammt.
Vlcek druckte den Text unverändert in der "Osvéta"
ab, und das tschechische Leserpublikum spendete dem Autor viel
Beifall. Daraufhin schrieb Klostermann seinen ersten Roman "Ze
svéta lesnich samot" (= "Aus der Welt der Waldeseinsamkeiten")
auch tschechisch, und er, der Deutsche, der tschechisch geschrieben
hatte, erhielt für sein Erstlingswerk auf Anhieb den Jahrespreis
der Tschechischen Akademie, die höchstmögliche Auszeichnung
für einen Autor in Böhmen. Und neben der Ehre war mit
dem Jahrespreis auch noch eine Prämie von 300 Gulden verbunden,
ein halbes Jahresgehalt für Klostermann. Ist es da verwunderlich,
dass er weiterhin tschechisch schrieb? Im Laufe der Jahre erhielt
er noch für vier weitere Werke den Preis der Tschechischen
Akademie, und die Auflagenzahlen seiner Bücher zeigen, dass
er sich richtig entschieden hatte:
"V srdci sumavských hvozdü" = "Im Herzen
des Böhmerwaldes" (10 Auflagen)
"Sklán" = "Die Glasmeister" (12 Auflagen)
"V ráji sumavském" = "Im Böhmerwaldpardies"
(15 Auflagen)
"Ze svéta lesnich samot" = "Aus der Welt
der Waldeseinsamkeiten" (18 Auflagen)
Als er 1923 starb, umfasste sein Gesamtwerk 31 Bände, vier
weitere gab sein Kollege, Freund und Biograph, Max Regal, posthum
heraus. Die von Klostermann ursprünglich geplante Veröffentlichung
der zweiten Hälfte der Serie "Heiteres und Trauriges
aus dem Böhmerwalde" konnte ich aus Funden im Museum
von Bergeichenstein/Kasperské Hory rekonstruieren und 1997
als 36. und letztes Buch Klostermanns mit Hilfe des Verlags Karl
Stutz, Passau, herausbringen.
Bereits zu Lebzeiten genoss Karl Klostermann großes Ansehen.
Die neun Ratsherren des Pilsner Magistrats. Der Fürst Windischgraetz
gewährte ihm auf seinem Schloss Stéken Wohnrecht auf
Lebenszeit, und nach seinem Tode richtete ihm die Stadt Pilsen
ein Ehrenbegräbnis aus. Sein Grab existiert heute noch und
wird gepflegt, ganz im Gegensatz zu den Gräbern vieler seiner
deutschen Stammesgenossen.
Die heutige Bedeutung Klostermanns und seiner
literarischen Hinterlassenschaft
Klostermanns Gesamtwerk besteht aus Romanen und Erzählungen.
Für die breite Leserschaft gilt bei solchen Werken als wichtigster
Wertmaßstab der reine Unterhaltungswert. Was den anbelangt,
sprechen die Auflagenzahlen, die ich angeführt habe, wohl
deutlich genug. Ich könnte Ihnen das auch leicht mit zahlreichen
Text- und Leseproben beweisen, doch das würde den Rahmen
dieses Referats sprengen. Nur einen Punkt muss ich hervorheben,
weil dies ein Hauptunterscheidungsmerkmal zu Stifters Böhmerwaldgeschichten
ist: Klostermann hat den Böhmerwald selbst zu einem Handlungsträger
gemacht. Das gibt seine Schilderungen eine besondere Dynamik.
Dazu eine Textprobe aus der noch nicht veröffentlichten Übersetzung
der Familiensaga "Kam spéji déti" (= "Was
aus den Kindern wird"). Der Antaaler Karl, eine der Hauptfiguren,
in der Wirklichkeit ein Vetter ersten Grades von Klostermann,
geht im Winter von Mader/Modrava nach Hause. "Es war Mitternacht.
Aus dem Filz links von ihm stiegen Nebel hoch und türmten
sich wie eine weißgraue Wand in die Höhe. Er schaute
scharf hin, als ob ihn ein geheimer Befehl dazu gezwungen hätte,
zu erkennen, was sich hinter dem düsteren Vorhang abspielte,
der das Gewölbe des dunkelblauen Nachthimmels zu verschleiern
begann. Er sah gar nichts, nur da und dort hob sich eine niedrige
Fichte schwarz von der weißen Fläche ab, die sich auf
einmal ins Unendliche zu erweitern schien, da der Nebel den dunklen
Hintergrund der bewaldeten Höhen unsichtbar gemacht hatte.
Ein entsetzliches Trugbild! Die weiße Ebene verschlang die
Abhänge, die Wälder, die Berge ( .) machte sie zunichte.
Und aus diesem reinen, leeren Nichts erscholl auf einmal das Heulen
eines hungrigen Fuchses zu ihm her, genau so wie damals, vor Jahren,
aus dem verlassenen Nachbardorf. Maßloses Grauen erfasste
ihn, schnürte ihm die Kehle zu, nahm ihm den Atem. Getrieben
vom Westwind, von der Kälte verdichtet, wälzte sich
der Nebel langsam aber unausweichlich immer näher zu ihm
hin; Baum um Baum verschwand darin; ihm wars als ob ihn
dieser Nebel jeden Augenblick verschlucken, zerquetschen und erwürgen
würde. Er riss sich zusammen, hastete mit großen Schritten
weiter, stürzte, rappelte sich wieder auf, hetzte vorwärts,
ächzte, keuchte, rang pfeifend nach Luft. Und ununterbrochen
jaulte der Fuchs sein Klagelied, durchdringend bis ins Mark. Schon
umfing ihn der Nebel lautlos von hinten, auch von rechts. Er spürte,
dass er verloren wäre, dass ihn das gespenstische Trugbild
irreführen würde, wenn ihn der Nebel auch von vorn einschließen,
ihm den Blick auf den Waldrand rauben würde, vor dem, kaum
fünf- oder sechshundert Schritte entfernt, sein Anwesen stand.
Und der Fuchs jaulte weiter, ganz nahe bei ihm; der Antaaler glaubte,
den röchelnden Atem des Tieres zu hören, die phosphoreszierenden
Lichter zu sehen, in dieser unheimlichen, alles verschlingenden
Wildnis. Hie und da zog auch schon vor ihm ein gräulicher
Nebelfetzen vorüber. Er raffte seine ganze Kraft zusammen,
wie verrückt hetzte er den Hang hinauf ( .) war schon auf
der mit Steinen gepflasterten Gred ( .) stürzte sich in die
Diele, in die Stube." ("Kam spéji déti",
11.Kapitel)
Diesen Böhmerwald, seine Bewohner und deren Leben beschreibt
Klostermann sehr eingehend und ausführlich. Zu einer bestimmten
Zeit wurde ihm dies von Kritikern, die bloß auf die "action"
achten, als oberlehrerhaftes Getue und unnötiges Verzögern
der Weiterentwicklung eben dieser "action" vorgeworfen.
Aber diesen Böhmerwald gibt es nicht mehr und wird ihn wegen
der Vertreibung seiner deutschen Bewohner auch nie mehr wieder
so geben. Und das verleiht dem Werk Klostermanns einen einmaligen
Wert als unersetzliches Zeitzeugnis und historische Quelle. Zum
Beweis lese ich ihnen einen Auszug aus so einer "oberlehrerhaften,
schulmeisterischen" Passage: Zum Zusammenhang: Der Ihnen
bereits bekannte Antaaler hat außer dem Wohn- und Stallgebäude
alles verloren, aber betteln geht die Familie nicht. "( .)
Seit einigen Wochen arbeiteten der Antaaler, seine zweite Tochter,
die bis dahin in der Innergefilder Drechslerei gewesen war, die
dritte Tochter, ein etwa vierzehnjähriges Mädchen, und
der zwölfjährige Sohn, für den die Eltern eine
einstweilige Befreiung von der Pflicht zum regelmäßigen
Schulbesuch erwirkt hatten, in einer Zündholzfabrik, welche
ein fremder Israelit unweit von Winterberg aufgemacht hatte. Weil
sie bis dorthin gute sechs Stunden zu gehen hatten, blieben sie
die ganze Woche über dort; spät in der Nacht zum Sonntag
kamen sie mit ihrem verdienten Geld zurück, und zeitig am
Montag, zwei Stunden nach Mitternacht, machten sie sich wieder
auf den Weg zur Arbeit. ( .) Den ganzen Tag, vom Morgen bis um
sechs Uhr abends, standen sie in der Arbeit, der Vater an der
Kreissäge, das ältere Mädchen an der Drehbank,
und die zwei jüngeren Kinder füllten die fertigen Zündhölzer
in Schächtelchen. Das war eine Arbeit von der allerschlimmsten
Art, deren widerlicher Gestank sich überall festsetzte, in
den Haaren, in der Kleidung, an sämtlichen Dingen, mit denen
sie in Berührung kamen. ( .) Wenn sie am Montagmorgen vor
Tagesanbruch weggingen, nahmen sie Schmalz mit und ein kleines
Fässchen voll von der für den Winter zusammengeschütteten
sauren Milch, schärfer als der allerschärfste Essig.
Auch die Tschechen im Vorwald sagen dazu "Irschtmül",
eine Verstümmelung des deutschen Namens "Herbstmilch",
noch genauer, abgeleitet vom deutschen Dialekt, in dem es wie
"Hirgstmüll" klingt. Die brauchen sie zum Kochen
der unvermeidlichen sauren Suppe, und damit sparen sie. Ein Laib
Brot täglich und ein bisschen Mehl, das ist auch schon alles,
was gekauft werden muss. Zum Kochen wäre sowieso keine Zeit,
bloß am Abend für diese Suppe damit sie doch
auch etwas Warmes bekommen. Der Fabrikherr ist nicht schlecht,
er genehmigt ihnen einen Platz in irgendeinem Schuppen, in dem
Kisten voller Streichhölzer gelagert werden, dort können
sie umsonst übernachten. Er hat ihnen sogar Stroh aufschütten
lassen und dicke, warme Pferdedecken gegeben. Gott soll ihn dafür
belohnen und beschützen, den guten Herrn! In diesem Schuppen
dürfen sie natürlich nicht kochen, aber das können
sie in einer Gesindestube machen. Je länger sie dort arbeiten,
desto besser werden sie sich einrichten. Sei gesegnet, goldene
Hoffnung! Du grünst und blühst sogar in der entsetzlichen
Atmosphäre einer Zündholzfabrik, im stickigen Schwefelgestank!
( .) Jede Woche kamen der Mann und die Kinder heim, brachten ihren
Verdienst mit. Der Anblick des Geldes, das bei ihr abgegeben wurde,
zerstreute für eine Zeitlang die schwermütigen Gedanken
der Mutter. Doch sobald ihre prüfenden Augen die Kinder näher
betrachteten, konnte ihnen nicht entgehen, dass die früher
rotbackigen, runden Gesichter blass wurden, dass sich der Glanz
in den Augen trübte, dass die rundlichen Arme und Hände
abmagerten und eine Form und Farbe anzunehmen begannen, welche
den wächsernen Händen ähnelte, die in der heiligen
Kapelle vom Hauswald als Votivgaben aufgehängt wurden!
("Kam spéji déti", 25.Kapitel)
Stellen Sie sich vor, welche Freude ein Historiker, der über
den Frühkapitalismus im Böhmerwald schreiben will, bei
der Entdeckung eines solchen Textes empfinden muss! Und das war
nur ein Beispiel von vielen. Als Stifter lebte und schrieb, war
oder schien zumindest der Böhmerwald noch in Ordnung, so
festgefügt und unerschütterlich wie die Jahrhunderte
alten Tannen, Fichten und Buchen. Klostermann hingegen erlebte
mit dem Orkan von 1870 und der darauf folgenden Borkenkäferpest
eine Katastrophe, die nicht bloß die Wälder, sondern
auch die Bewohner des Böhmerwaldes für viele, viele
Jahre im Kern bedrohte. Zur Erklärung: In der Nacht vom 27.
auf den 28. Oktober 1870 hatte ein Orkan innerhalb von rund sechs
Stunden den gesamten Waldbestand zwischen Lusen und Falkenstein
bis in die Bergreichensteiner Gegend hinein vernichtet. Trotzdem
vor allem die adeligen Waldbesitzer, die Fürsten Schwarzenberg
und Hohenzollern, die Grafen Kinsky und Thun, Scharen von Waldarbeitern
aus Bayern, Österreich und Norditalien anwarben, konnten
die Windbruchschäden nicht rasch genug aufgearbeitet werden,
es gab ja damals weder Kettensägen noch motorisierte Zugmaschinen.
Die sich explosionsartig vermehrenden Borkenkäfer gaben auch
noch den Bäumen den Rest, die in geschützten Lagen vom
Wüten des Orkans verschont geblieben waren. Die Forstverwaltungen
sahen damals nur eine Lösungsmöglichkeit: Weg mit dem
toten und dem kranken Baumbestand und rasche Wiederaufforstung
durch Menschenhand.
Den Böhmerwäldlern brachte diese Notsituation zunächst
einen ungeahnten Geldsegen, denn noch nie hatte man durch Waldarbeit
und Holztransport so viel verdient wie in den so genannten "goldenen
Käferljahren". Doch das Geld, welches bekanntlich auch
den Charakter verderben kann, wurde nur wenigen zum Segen, den
meisten aber zum Verhängnis, weil sie nicht richtig damit
umgehen konnten. Plötzlich rauschte im Böhmerwald kein
Wind mehr in den Baumwipfeln, was ihm im Tschechischen den Namen
"Sumava", "die Rauschende", eingebracht hatte,
sondern eisige Stürme fegten über das kahlgeschlagene
Bergland, und Regengüsse und Schmelzwasser schwemmten die
schutzlos daliegende Humusschicht ab. Was das alles für Folgen
haben musste, kümmerte kaum jemanden von den Böhmerwäldlern,
denn noch floss ja der Geldregen.
Einer der wenigen und allerersten, welche die Gefahren und Zusammenhänge
erkannten, war Karl Klostermann, der in seinen als "oberlehrerhafte
Besserwisserei" kritisierten Passagen seiner Romane und Erzählungen
immer wieder darauf hinwies und warnte. Als eine der verschiedenen
Konsequenzen daraus forderte er in seinem Traktat "Kulturni
naléhavost" = "Ein dringendes kulturelles Anliegen"
auch als Erster bereits 1919 die Schaffung eines Nationalparks
Böhmerwald, um späteren Generationen wenigstens noch
zeigen zu können, wie prachtvoll dieser Böhmerwald einst
gewesen war. Ich zitiere den Schluss: "( .) Der verstorbene
Fürst Johann von Schwarzenberg hatte in seinem Testament
verfügt, dass der Rest des am südlichen Abhang des Kubani
(heute: Boubin) erhalten gebliebenen Urwalds auf ewige Zeiten
im Naturzustand belassen bleiben solle. Aber das Ausmaß
dieses Reservates, welches dazu bestimmt ist, künftigen Generationen
den Eindruck zu vermitteln, den die Urwälder des Böhmerwaldes
geboten haben, ist viel zu klein, um irgendwann auch einmal Schutzgebiet
für das dort lebende Wild werden zu können. Die Republik
(gemeint ist die 1. Tschechoslowakische Republik von 1918-1939)
beschlagnahmt Großgrundbesitz. Ich würde mir wünschen,
dass die damit betrauten Organe erwägen könnten, irgendwo
so ein allgemeines Schutzgebiet in der Größenordnung
von etlichen hundert Hektar einzurichten. Ich bin überzeugt,
dass dieses Naturschutzgebiet von einem zahlreichen Publikum besucht
werden würde, und zwar nicht bloß von einheimischem,
sondern auch von auswärtigem, und damit auch materiellen
Nutzen brächte."
Mit Klostermanns Eintreten für eine heile Natur und Umwelt
haben wir bereits einen Beleg für seine noch heute gültige
Aktualität schließlich gibt es wieder eine Borkenkäferpest
und verschiedene Auffassungen, wie man dem Übel begegnen
sollte.
Noch aktueller als in Bezug auf Ökologisches ist Klostermann
aber in politischer Hinsicht. Wie bereits berichtet, schrieb der
seiner Abstammung nach rein deutsche Klostermann überwiegend
tschechisch. Weil er zweisprachig aufgewachsen war, hatte er auch
mehr Verständnis für die jeweils andere Seite. Außerdem
war er der Überzeugung, dass es in Böhmen innerhalb
der letzten 800 bis 1000 Jahre allen Menschen immer dann gut gegangen
war, wenn Deutsche, Tschechen und Juden friedlich miteinander
zusammengelebt hatten. Klostermann glaubte fest daran, dass das
so bleiben könnte und müsste. Aber Klostermann
lebte in einer Zeit, in der der Irrsinn eines übersteigerten
Nationalismus entstand, wucherte und sich zu immer gefährlicheren
Auswüchsen steigerte. Er, der seine deutsche Abstammung nie
verleugnete, aber die Qualitäten der tschechischsprachigen
Mitbewohner seines Heimatlandes genau so hoch schätzte, stand
mit seiner Einstellung zwischen beiden Fronten, wurde von beiden
Seiten angefeindet und attackiert. Tschechische nationalistisch
eingestellte Kritiker warfen ihm vor, dass er nur den deutschen
Böhmerwald und dessen deutsche Bewohner beschreibe. Sie bezeichneten
ihn als "fremden Eindringling im tschechischen Parnass",
in den er vom liberal eingestellten Leserpublikum schon längst
erhoben worden war. Noch schlimmer trieben es die deutschen Nationalisten,
weil sich der Erfolgsautor Klostermann nicht vor ihren Karren
hatte spannen lassen. "Nestbeschmutzer", "Volksschädling",
"Verräter der heiligen deutschen Sache" beschimpften
sie ihn. Der krasseste Fall war folgender: In seinem Roman "Za
stéstim" (= "Dem Glück hinterher")
schilderte Klostermann, wie verarmte Tschechen nach Wien auswanderten,
dort ihr Glück zu finden hofften und dabei allerhand Schwierigkeiten
mit den Wienern hatten. Klostermann hatte die Geschichte glänzend
erzählt und dafür wieder einmal den Preis der Tschechischen
Akademie erhalten. Aber wegen eben dieses Buches leitete Klostermanns
deutsch- nationaler Dienstvorgesetzter, der Landesschulrat für
Westböhmen, ein Dienst-Straf- Entlassungs-Verfahren wegen
Volksverhetzung ein. Klostermann hatte das Glück, dass im
Wiener k.u.k. Kultusministerium ein paar vernünftige Leute
saßen, die den Herrn Landesschulrat zurückpfiffen.
Damit der Herr aber nicht sein Gesicht verlor, ermächtigten
sie ihn, dem Herrn Professor Klostermann einen strengen dienstlichen
Verweis zu erteilen. Wie bereits gesagt, die deutschen Nationalisten
waren schlimmer als die tschechischen. Klostermann wurde von ihnen
leider mit Erfolg totgeschwiegen und ins tschechische
Lager abgedrängt. Wie Klostermann es 1908 in einem Offenen
Brief in der Zeitung "Politik" selbst formuliert hat,
ist er "durch die Verhältnisse zum Tschechen geworden."
Aber allen Schikanen, Anfeindungen und Nachteilen für sich
zum Trotz, Klostermann blieb seiner Auffassung treu und trat stets
unbeirrt für ein friedliches Zusammenleben von Tschechen
und Deutschen ein. Weil diese Einstellung auch heute noch hochaktuell
und wie ich glaube die einzig richtige ist, wenn
wir als Nachbarn in einem Vereinten Europa miteinander auskommen
wollen, will ich mit einem Text schließen, den ich als "Klostermanns
Glaubensbekenntnis" bezeichnen möchte:
"( .) Ich sehe nicht ein, warum man nur dann gut deutsch
sein und sein deutsches Stammvolk lieben könnte, wenn man
zugleich seinen slawischen Nachbarn hasst und verdächtigt,
seinen Nachbarn, mit dem uns eine tausendjährige Geschichte,
Bande des Blutes, gemeinsame Interessen, dieselben Begriffe von
Recht und Ehre, kurz, alles verbindet, was den Begriff "Heimat"
ausmacht. Der Streit, der uns heute trennt, ist ein Missverständnis.
Wir sind einander entfremdet worden. Aber ich hoffe, dass die
gleichen materiellen Ziele, die gleichen Bedürfnisse und
die gleichen Leiden uns in Zukunft wieder zusammenführen,
versöhnen und das künstlich erzeugte Misstrauen auslöschen
werden."
(Zusammengesetzt aus dem "Epilog" zu "Heiteres
und Trauriges aus dem Böhmerwalde" und aus dem Vorwort
zu "Kam spéji déti")
Winterberg, den 13. Oktober 2000
Gerold Dvorak