Streiflichter durch die Landwirtschaft des Inneren Bayerischen Waldes im 19. Jahrhundert
von Helmut Bitsch
"Der bayerische Bauer, wenn er auf seinem fetten Acker hinter dem Pfluge einherschlendert, sieht kopfschüttelnd auf die hohen, waldesdunklen Berge hinüber, von denen ihn nur das Silberband der Donau trennt. Es beschleicht ihn, den im Schoße des Überflusses Lebenden, eine Anwandlung von Mitleid, wenn er denkt, dass in jenen dichten, rauhen Forsten auch Leute wohnen, und erwägt, mit welcher Mühe und Anstrengung sie dem unebenen, spröden Boden die spärliche Ernte abgewinnen müssen."
Die Schilderung von Grueber und Müller aus dem Jahr 1846 mutet wie eine Zusammenfassung der landwirtschaftlichen Grundprobleme des Inneren Bayerischen Waldes an.
Es handelt sich dabei um die Region nordöstlich der Linie Kötzting, Regen, Freyung, Wegscheid bis hin nach Tschechien. Im Nordosten grenzt das Gebiet an den Oberpfälzer Wald, im Süden an Österreich. Der Innere Bayerische Wald weist hinsichtlich seiner natürlichen Ressourcen und Hindernisse sowie der Entwicklung seiner Wirtschafts- und Sozialstruktur große Gemeinsamkeiten auf. Er unterscheidet sich deutlich vom klimatisch, geologisch sowie infrastrukturell günstigeren Vorderen Bayerischen Wald, dem sanften Vorgebirge entlang der Donau. Aufgrund seiner anderen Struktur wird er hier nicht berücksichtigt. Der Einfachheit halber wird das Gebiet des Inneren Bayerischen Waldes im Folgenden als Bayerischer Wald bezeichnet.
Der Bayerische Wald ist eine großflächig bewaldete, hügelige Mittelgebirgslandschaft mit wenig günstigen geologischen und klimatischen Voraussetzungen für intensive, ertragreiche Landwirtschaft. Bereits Leythäuser stellte fest, dass die Rodungen im Bayerischen Wald z. T. auf Flächen ausgedehnt wurden, die besser dem Wald verblieben wären als sie landwirtschaftlich zu nutzen.
Neben den allgegenwärtigen Hanglagen und der oftmals schlechten Wasserführung der Äcker verhindern die flachgründigen und vor allem kalkarmen Urgesteinsverwitterungsböden einen ertragreichen Landbau. Felsen und Steine tun ein übriges. "Überall nichts als lose Steine, die von Zeit zu Zeit die Spitzen der Gebirge abschütteln. Sie müssen mühsam weggeschafft werden, um sich Felder zu bilden."
Zu der durchwegs schlechten Beschaffenheit der Böden kommt als weiteres Hemmnis das rauhe Mittelgebirgsklima. Die häufig regnerischen, kühlen Sommer und sehr kalten, langen und schneereichen Winter haben sich schon sprichwörtlich für die Region festgeschrieben: Dreivierteljahr Winter, Vierteljahr kalt - Bayerischer Wald. Die Durchschnittstemperatur ist hier sogar bis zu 2°C niedriger als in gleicher Höhenlage in den Alpen. Sie erreicht z.B. in Finsterau (998 m) im Jahresmittel gerade mal 4,7°C. In den Hochlagen liegt durchschnittlich an 150 Tagen im Jahr Schnee. Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb Hazzi über das Landgericht Zwiesel: "Das Klima ist rauh; beinahe unaufhörlich braust der Nordwind, selbst in den heißen Sommermonaten verdrängen noch Schneelagen jeden angenehmen Eindruck des holdesten Tages.(...) Kaum sind die paar Sommermonate vorüber, so tritt schon wieder ein sehr nasser feuchtkalter Herbst ein."
Denkbar schlechte Voraussetzungen also für eine ertragreiche Landwirtschaft! Kein Wunder, wenn im Bayerischen Wald zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Hälfte, in manchen Bezirken wie z.B. Kötzting oder Regen nur ein Viertel des Bodens landwirtschaftlich genutzt wurde.
Gleichwohl aufgrund der schlechten Bodenqualität in Teilen des Bayerischen Waldes die Grünlandwirtschaft überwog und speziell Ochsen aus dem "Wald" ein begehrter Handelsartikel waren, galt das bäuerliche Interesse zuerst dem Brotgetreide - der Basis für die Ernährung. In den klimatisch rauhen Gebieten baute man bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich anspruchslosen Roggen. In den Hochlagen betrug die Ernte teilweise nur das Drei- bis Vierfache der Aussaatmenge und damit einen Bruchteil der Erträge im Gäuboden. Hier ernteten die Bauern bis zum 24-fachen. Während sich gegen Ende des letzten Jahrhunderts dort bereits die ersten Mähmaschinen durch die Weizenfelder fraßen oder Kolonnen von Sensenmähern, schnitt man im Bayerischen Wald das Getreide noch mit der Sichel, weil dabei der Körnerverlust am geringsten war. Die zweite Hauptgetreideart war der Hafer, der hier so gut gedieh, dass er zum Teil sogar ausgeführt wurde.
Allgemein verbreitet war der Anbau von Kraut, als einem Hauptnahrungsmittel, sowie Rüben und Flachs. Ähnlich wie in anderen Gebieten mit ertragsarmer Landwirtschaft erfuhr die Kartoffel im Bayerischen Wald eine frühe Verbreitung. Die Anfänge reichen in den Landgerichten Viechtach und Kötzting ins 18. Jahrhundert zurück. Der Landrichter von Kötzting konstatierte: "Kartoffeln, dieses einzige Produkt Amerikas, welches für Europa realen Wert hat, werden im Landgericht Kötzting in sehr großer Menge gebaut, nähren den größeren Bauern mit seinen Leuten zur Hälfte, die ärmere Klasse beinahe ganz, und werden überdies noch als Viehfutter und zur Mästung verbraucht." In manchen Gebieten wurde auch Topinambur angebaut. Diese als "russische Kartoffel" bezeichnete Knollenfrucht wurde als Viehfutter verwendet ebenso wie die weitverbreitete "Lins" - ein Gemisch aus Hafer, Wicken oder Erbsen.
Erstaunlicherweise wurde im Bayerischen Wald bereits früh ausgedehnter Kleeanbau in allen Spielarten betrieben. Im Allgemeinen galt Kleeanbau damals als Indiz für eine moderne, rationelle Landwirtschaft, wobei diese Attribute für die Hochlagen des Bayerischen Waldes in keiner Weise zutrafen. Wie Nußhart in seiner Beschreibung des "Fürstenthums Passau" 1804 schrieb, soll die frühe Einführung von Klee auf den Passauer Fürstbischof Maria Thun zurückzuführen sein, der Samenmaterial von einer Romreise mitgebracht hatte.
Ungewöhnlich fortschrittlich erwiesen sich viele Bayerwaldbauern in der Kultivierung ihrer Feuchtwiesen. Während die allgemeine Verbreitung der Drainage - also der geregelten Entwässerung - in Bayern erst 1851 mit der Einführung der Tonröhrenpresse begann, entwässerten Landwirte speziell im südlichen Teil des Bayerischen Waldes bereits im 18. Jahrhundert ihre Wiesen mit offenen und abgedeckten Grabensystemen.
Wenig aufgeschlossen zeigte man sich bei der Übernahme rationeller Bodennutzungsformen, wie der Thaer´schen Fruchtwechselwirtschaft, bei der aufgrund einer ausgeklügelten Fruchtfolge der Boden sich auch ohne Brache regenerieren konnte. Bis ins 20. Jahrhundert hielt man im Bayerischen Wald weitgehend an der mittelalterlichen Dreifelderwirtschaft fest, wenngleich man das Brachfeld zunehmend mit Kraut, Rüben oder Klee bebaute. Daneben praktizierte man mit der Birkenberg- und Schachtenwirtschaft zwei Bodennutzungsformen, die anderenorts vielfach bereits aufgegeben worden waren.
Bei den Schachten handelte es sich um siedlungsferne Weideplätze in den Hochlagen der Wälder um Arber, Falkenstein, Rachel und Lusen. Die seit dem frühen 17. Jahrhundert angelegten kleinen Rodungsinseln dienten als Nachtweide für die den Sommer über aufgetriebenen Ochsen und Jungrinder. Die Hirten hatten hier ihre einfachen Hütten. Von den Schachten als den zentralen Standorten nutzte man die umliegenden Wälder als Weideflächen. Im Forstamt Bodenmais gab es 1831 22 Schachten mit 65 ha Wiesen, im Forstamt Zwiesel 40 mit 179 ha. Obwohl man im 19. Jahrhundert pro Weidestier - so die landläufige Bezeichnung dieser Tiere - eine Waldfläche von 10 bis 16 ha forderte, um den Boden nicht übermäßig zu schädigen, war der Auftrieb oft wesentlich höher. Im Bereich Waldhäuser z.B. hatte die Stadt Grafenau einen Weidedistrikt von 422 ha, der mit rund 80 Tieren beschickt wurde. Bewirtschaftete Schachten gibt es heute nur noch im Bereich Bodenmais.
Bis ins 20. Jahrhundert hielten sich auch Reste der Birkenbergwirtschaft, ein Feld-Wald-Wechselsystem, das im Schwarzwald unter dem Namen Reutberge, im Siegerland unter dem Namen Hauberge bekannt war. Ein Birkenberg war dabei in verschiedene sogenannte "Reuten" unterteilt, von denen jedes Jahr einige zur Nutzung kamen. Das stärkere Holz wurde geschlagen und als Wagner-, Licht- oder Brennholz verwertet, der Rest vor Ort verbrannt. Pro Tagwerk ließ man einige Birken als Samenbäume stehen. Felsen und Wurzelstöcke verblieben im Boden. Zwei Jahre lang wurde auf der Fläche nun Roggen angebaut, wenn es die Bodengüte zuließ im dritten Jahr Kartoffeln. Dann überließ man das Feld wieder der Natur. Je nach klimatischen Verhältnissen und Höhenlage wartete man bis zu 48 Jahre bis zur nächsten Nutzung als Acker. Nach rund 10 Jahren schlug man die Nadelholzbestände heraus und begann in dem verbleibenden Birkenwald mit der Weide- und Streunutzung. Das Sammeln von Waldstreu (Birkenlaub und Nadeln) war von großer Bedeutung, da Stroh im Winter als Viehfutter und nicht wie später als Streu diente.
Die Birkenbergwirtschaft wurde hauptsächlich von den bäuerlichen Unterschichten wie Häuslern, Hirten und Inwohnern betrieben. Angesichts der ungünstigen landwirtschaftlichen Ertragslage in den Hochlagen war sie wegen der Vierfachnutzung - Feldbau, Holz, Streu, Weide - für die Existenzsicherung von großer Bedeutung. Um 1860 wurde trotz heftigen Widerstands der Forstverwaltungen Birkenbergwirtschaft noch auf über 90.000 Tagwerk Land betrieben. Das Zentrum bildeten die Höhenzüge um Regen, Zwiesel, Viechtach und Kötzting.
Obwohl der Bayerische Wald starke Abwanderungstendenzen aufwies und zur Jahrhundertwende hin die Anzahl gewerblicher und industrieller Arbeitsplätze langsam anstieg - speziell im Bezirksamt Regen - stützten nahezu zwei Drittel der Bevölkerung Ende des 19. Jahrhunderts ihre wirtschaftliche Grundversorgung noch auf die Landwirtschaft.
Mit einer Durchschnittsgröße von 6,9 ha landwirtschaftlicher Nutzfläche lagen 1890 die Betriebe im Bayerischen Wald deutlich hinter dem niederbayerischen Durchschnitt von 8,19 ha zurück. Um vergleichbare Erträge wie in den begünstigteren niederbayerischen Ackerbauregionen zu erzielen, hätten die Höfe eine zwei- bis viermal größere Flächenausstattung benötigt. Wie Lidl 1865 schrieb, "beträgt die Größe der meisten Höfe (Anm. d. Verf.: Vollerwerbshöfe) im Walde 50 bis 80 Tagw., und eben dieses scheint in Anbetracht der klimatischen und ökonomischen Verhältnisse die für die vollkommene Beschäftigung und den Unterhalt einer Familie entsprechende Fläche zu sein. Übrigens hat der Wald auch eine sehr große Anzahl von Kleinbegüterten, aus deren Familien sehr viele Tagelöhner und Dienstboten hervorgehen, deren die Forstverwaltung und die Großbegüterten so sehr bedürfen."
Der landwirtschaftliche Grundbesitz verteilte sich für das Untersuchungsgebiet um 1890 wie folgt:
18,75 % kleinste Betriebe mit weniger als 1 ha
56,14 % kleine Betriebe mit 1 bis 10 ha
25,04 % mittlere Betriebe mit 10 bis 100 ha
00,07 % Großbetriebe mit über 100 ha
Setzt man die für den Vollerwerb genannten 50 bis 80 Tagwerk (17 bis 27 ha) in Beziehung zur landwirtschaftlichen Grundbesitzverteilung, so ergibt sich daraus, dass im Bayerischen Wald Ende des 19. Jahrhunderts mehr als drei Viertel aller Höfe weit unterhalb der Rentabilitätsgrenze bewirtschaftet wurden. Die Menschen waren also auf außerlandwirtschaftlichen Zuerwerb zwingend angewiesen. Eine Alternative zum bescheidenen Zusatzeinkommen als Tagelöhner, Saison- oder Heimarbeiter in der Glas-, Stein-, Textil- oder Holzindustrie bot im Winter die Forstwirtschaft.
Neben den Waldarbeiterfamilien, die in erster Linie ihre Existenz durch Lohnarbeit in fremden Forstbetrieben sicherten, "bildet diese Betätigung auch für die hauptberuflich selbstständigen Landwirte und ihre Familienangehörigen eine notwendige Nebenverdienstquelle, weil dieselben von dem kümmerlichen Ertrag ihrer eigenen Wirtschaft nicht leben können und daher eine Nebenerwerbsquelle zur geldwirtschaftlichen Ergänzung ihres Einkommens brauchen. (...) Übrigens reichen die Einnahmen aus dieser Lohnarbeit zur Deckung der Bedürfnisse der meist mit vielen Kindern gesegneten Kleingütler nicht vollständig aus, da die Beschäftigung nicht den ganzen Winter hindurch dauert und zeitweilig unterbrochen wird. Die Familien sind daher in der stillen Winterzeit noch auf andere Verdienste angewiesen und finden solche in der Industrie und in der hausgewerblichen Betätigung. Letztere ist allerdings sehr schlecht bezahlt und mit mancherlei sozialen Schäden verbunden."
Im Sog der Bauernbefreiung verbesserte sich durch effizientere Anbaumethoden und Arrondierung, durch Melioration der Wiesen, durch den zaghaften Einsatz neuer technischer Hilfsmittel, durch neue Fruchtsorten u. a. zwar punktuell der Anteil an intensiv genutzter Landwirtschaftsfläche und damit auch die Ertragslage. Eine ähnliche Progression der landwirtschaftlichen Intensität, wie sie für das niederbayerische Flachland gegen Ende des 19. Jahrhunderts festzustellen war, gab es im Bayerischen Wald aber noch nicht.
Proportional zur landwirtschaftlichen Fläche lag der Personaleinsatz hier deutlich über dem im restlichen Bayern. Mit ein Grund dafür war die noch immer weitgehende Parzellierung der Äcker und ein sehr geringer Mechanisierungsgrad aufgrund fehlenden Kapitals.
Natürlich spielten auch die große Zahl von Kleinlandwirten und eine ausgeprägte bäuerliche Unterschicht eine wesentliche Rolle. Gerade ihre Situation formte mit entscheidend das Bild vom "Armenhaus Bayerischer Wald".
Über den ‚Wohlstand', die soziale Lage und die oftmals schwierige Existenzsicherung der Bewohner geben die von den Landgerichtsärzten seit Mitte des 19. Jahrhunderts verfassten Physikatsberichte Zeugnis. Sie dokumentieren, trotz der manchmal aufklärerischen Ambitionen, welchen Entbehrungen und Nöten die Menschen ausgesetzt waren und wie sie sich mit den Gegebenheiten arrangierten.
Über die Bevölkerung im Landgericht Regen berichtete der Landgerichtsarzt Dr. Brunner 1860: "Im Allgemeinen ist der Wohlstand des hiesigen Bezirkes ein armer zu nennen, wiewohl Jedermann, der arbeiten will, sein Durchkommen findet, indem der Wäldler von früher Jugend auf an Erdäpfel, Sauerkraut und schlecht gekochte Mehlspeisen gewöhnt ist, und bei nur einiger Arbeitsamkeit er sich so viel verdient, was er zu seinem nothdürftigen Fortkommen braucht. Die bäuerlichen als auch gewerblichen Anwesen des kgl. Landgerichtsbezirkes Regen sind in der Regel mehr oder minder stark mit Hypothekschulden belastet, ohne der Correntschulden zu erwähnen. Nur wenige gewerbliche und bäuerliche Anwesen sind schuldenfrei und können mitunter auch bar Geld aufweisen."
Die schwierige soziale Lage speziell für die Angehörigen der Unterschicht fand in der Ausformung des für den Bayerischen Wald typischen Inwohnerwesens ihren Niederschlag. Bereits ab 10 ha Wirtschaftsfläche war ein Hof auf außerfamiliäre Arbeitskräfte angewiesen. Da die Anstellung von Dienstboten oft zu kostenintensiv war, nahmen die Bauern sogenannte Inwohner oder Inleute auf. Diese waren sozial am schlechtesten gestellt. Meist blieben die Inleute nur für ein Jahr am selben Platz, dann mussten sie weiterziehen. Mit dieser Handhabung stellte man ihre soziale Isolierung sicher.
"Die Inwohner sind im Walde sehr verbreitet und in manchen Gegenden so zahlreich, dass sich bei einem Drittel oder Viertel der vorhandenen Bauernhöfe solche befinden."
Sie "sind in der Regel verheirathet, manche auch ledig, und gleichsam die Lehensleute der Bauern. Gegen Überlassung einzelner Grundstücke und dieses hölzernen Häuschens, wo sie eine Kuh nähren, einiges Getreide und Flachs, und ihren Bedarf an Erdäpfeln bauen können, müssen sie zu jeder Stunde dem Bauer auf die Arbeit gehen. Dafür erhalten sie Kost und einen Taglohn von 3 bis 4 Kreuzern. Die ihnen überlassenen Grundstücke können sie erst dann bearbeiten, wenn die Arbeit des Bauern geschehen ist."
Das Inwohnerverhältnis brachte zwar wenigstens minimalen Rückhalt, dafür aber absolute Abhängigkeit.
Nach den Aufzeichnungen des Landrichters von Kötzting soll es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im dortigen Gebiet doppelt so viele Inwohner als Hausbesitzer gegeben haben. In einer Reihe von Gemeinden lag der Prozentsatz der unbehausten Personen, wobei hier nicht nur die Inwohner, sondern auch die Austragsbauern und Tagelöhner mitgezählt wurden, bei über 40 %, in der 367 Seelen-Gemeinde Rittsteig sogar bei 75 %. Insgesamt dürfte der Anteil der Inwohnerfamilien im 19. Jahrhundert im Bayerischen Wald zwischen 20 und 30 % der Bevölkerung betragen haben.
Nicht nur in der Bavaria wurden die Inhäuser als "gewöhnlich im schlimmsten baulichen Zustande" geschildert. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts berichteten Gewährspersonen von schadhaften Dächern, Fenstern und Öfen sowie von häufig feuchten und schimmeligen Räumen. Der schlechte Bauzustand wirkte sich um so gravierender aus, als die Inwohner unter ständigem Brennholzmangel litten. Der Zustand der Inhäuser oder der Bauerhalt schien für die Bauern von keinerlei Interesse gewesen zu sein. Wurden sie völlig unbewohnbar, hat man sie abgerissen und gegebenenfalls durch neue ersetzt. Nur wenn eine Hofübergabe ins Haus stand, wurde das Inhaus für die Austrägler renoviert oder durch einen Neubau ersetzt.
Der Wohnraum der Inwohnerfamilien war auf das Äußerste beschränkt, speziell die Multifunktionalität der Stube gegenüber bäuerlichen Anwesen wesentlich erhöht. "Bei ärmeren Leuten wird oft ein Stück Kleinvieh, ein Schweinchen o.dgl., im strengen Winter auch noch Hühnervolk in solch einer Stube untergebracht, wo es von Kindern nur zu oft wimmelte, die aus den feuchten, kalten Kammern ihr Lager dann auf die ‚Ofenbänke' oder die Bank daneben verlegen. In solchen Gemächern ist dann wenig Ordnung und Reinlichkeit zu erwarten und man kann unter den Inhäusln und Hütten der ärmeren Innerwäldler menschliche Wohnungen finden, die kaum für solche angesehen werden können."
Die Tatsache, dass die Inwohner zwingend auf Zuerwerb angewiesen waren und dieser oft in den Stuben erfolgte, belastete die Wohnsituation zusätzlich. "Der Inwohner ist nicht nur landwirtschaftlicher Arbeiter. Er ist in den meisten Fällen zugleich Handwerker, von dem man jedoch kaum sagen kann, ob Handwerk oder Landarbeit als Nebenerwerb zu bezeichnen ist, da keines von beiden und auch nicht beides vereint, ihn und seine, meist sehr große Familie, zu ernähren vermag. Seine Lage ist demnach die in jeder Hinsicht schlechteste aller Schichten und Stände der Zeit."
Nicht nur Inwohnerfamilien, auch viele kleinbäuerliche Betriebe waren im Bayerischen Wald auf Zuerwerb in der Hausindustrie angewiesen. Wie Leythäuser ausführte, waren an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert rund 600 Haushaltungen mit der Herstellung von landwirtschaftlichen Arbeits- und Küchengeräten etc. beschäftigt.
Zur örtlichen Verbreitung führte Brehm aus: "Die Hausindustrie zieht vom weißen Regentale, wo sie sehr verbreitet ist, durch das Zeller Tal über Bodenmais und Zwiesel, einem alten Industrieorte. Von da aus streicht sie den Staatswald entlang und besetzt den ganzen bayerisch-böhmischen Grenzzug bis Neureichenau. Ihre Ausläufer sendet sie gegen Grafenau, Freyung, Waldkirchen."
Die Waldlerhütten waren damals quasi Werkstätten für die verschiedensten Gewerbezweige. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert entwickelten sich die höhergelegenen Siedlungen im südlichen Teil des Bayerischen Waldes zu einem Schwerpunkt der Holzverarbeitung. Ihre Blütezeit erlebte sie Mitte des 19. Jahrhunderts, als hochwertige Produkte wie Resonanzkörper bis nach Wien und Paris exportiert wurden und den Produzenten ein vergleichsweise gutes Auskommen sicherten.
Eine Denkschrift von 1890 führt 123 verschiedene Erzeugnisse und Betriebszweige der Hausindustrie in Bayern auf. Der Schwerpunkt lag im Bayerischen Wald. Rund ein Drittel der Nebenerwerbszweige fallen auf die Fertigung einfacher Holzwaren wie Dauben, Drechslerwaren, Drischel, Heugabeln, Holzschüsseln, Holzschuhe, Holzspäne, Holzteller, aber auch Jalosiebrettchen, Kochlöffel, Nistkästen, Rechen, Scheffel bis hin zu Holzdraht und Zündholzschachteln.
Noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts bezifferte Leythäuser die Zahl der mit der Herstellung von Holzdraht Beschäftigten mit 120 bis 150 Personen, die Zahl der Haushaltungen, die Schaufeln produzieren mit 30. 25.000 Heugabeln, 65.000 Stück verschiedener Rechen und ebenso viele Sensenknittel sollen damals pro Jahr im Bayerischen Wald gefertigt worden
sein. Die Mehrzahl der über 600 Haushaltungen, die sich mit Hausindustrie ein zusätzliches Standbein schufen, lag in den ertragsarmen Dörfern des südlichen Teils.
Neben der holzverarbeitenden Hausindustrie war v.a. die Flachsverarbeitung eine wichtige Einkommensquelle. Besonders in der Gegend um Wolfstein, Wegscheid, Grafenau und Viechtach war die Hausweberei seit Mitte des 19. Jahrhunderts so weit verbreitet, dass es hieß, "der ganze bayerische Wald (sei) eine große Leinwandfabrick." Über den Flachsanbau und die Leinenweberei im Bayerischen Wald wird in einer ‚Wirtschaftlichen Reisenotiz' von 1861 vermerkt: "... die Umgebung von Grafenau (erzeugt) immerhin gegen 20.000 Centner Rohflachs jährlich (...), sohin den größten Theil ihres Ackerlandes der Leincultur zuwendet, und hieraus vorwiegend die Mittel zu ihrer Existenz zu entnehmen pflegt."
Die Hausweberei als zusätzliche Erwerbsquelle für einen Großteil der Bevölkerung im Bayerischen Wald konnte aber dem Konkurrenzdruck der aufkommenden Textilindustrie mit ihrem Schwerpunkt auf Baumwollprodukten nicht standhalten. So herrschte gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch hier das sprichwörtliche Weberelend. "Die Lage der Weber besonders im Bezirke Wegscheid ist denn auch eine sehr traurige. (...) Man kann hier überall, wo man das Geräusch des Webstuhls hört, gewiss sein, der nackten Armut auf Schritt und Tritt zu begegnen."
Die Hoffnungen der Staatsbeamten, "die der landwirtschaftlichen Bevölkerung innewohnende Geschicklichkeit zu den verschiedensten Beschäftigungsarten so ausgiebig verwerthet zu sehen, daß wenigstens allerwärts, wo der Landwirthschaftsbetrieb genügend Lebensexistenz nicht bieten will, eine blühende Hausindustrie als Helferin in der Noth sich einbürgert," sollte sich zumindest für den Bayerischen Wald nicht erfüllen, weder für die Leinwand- noch für die Holzwarenproduktion.
Die Überlebensstrategien, die darauf abzielten, neben einer oft nur minimalen Grundversorgung durch die eigene kleine Landwirtschaft die Existenz mit einer Vielzahl zusätzlichen Erwerbsmöglichkeiten zu sichern, geriet gegen Ende des 19. Jahrhunderts speziell in den abgeschiedenen grenznahen Bezirken Wolfstein, Wegscheid und Grafenau immer stärker in Bedrängnis. Traditionelle Zuerwerbsmöglichkeiten in der Hausindustrie, der saisonalen Wanderarbeit, verschiedenen kleingewerblichen Arbeiten der Holzarbeit in den Forsten etc. entwickelten sich zurück oder verschwanden ganz. Eine kalkulierbare Wirtschafts- und Haushaltsführung wurde für viele kleinbäuerliche Familien zunehmend schwieriger und nicht mehr realisierbar. Zwangsversteigerung, Verarmung, Ab- und Auswanderung waren die Folgen.
"Zusammenfassend ist zu bemerken, dass der Bayer. Wald trotz seiner vielgestaltigen Naturschätze und Naturkräfte seiner Bevölkerung im großen und ganzen nur ein kümmerliches Brot zu bieten vermag. Entbehrungen, (...) Überanstrengung der Mütter und Kinder mit harter Arbeit und große Säuglingssterblichkeit sind im allgemeinen unverkennbare Merkmale der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Waldbevölkerung."
Anmerkungen:
1 Grueber, Bernhard / Müller, Adalbert v.: Der Bayerische Wald (Böhmerwald). Regensburg 1846, S.2.
2 Leythäuser, L.: Wirtschaftliche und industrielle Rundschau im Gebiet des inneren bayerischen Waldes. Passau 1906, S.7.
3 Hazzi, Josef v.: Gekrönte Preisschrift über Güter-Arrondierung. München 1818, S.332f.
4 Hazzi, Josef v.: Statistische Aufschlüsse über das Herzogtum Baiern, Bd. IV. Nürnberg 1808, S. 102.
5 Zitiert nach: Borchardt, Christoph: Fruchtfolgesystem und Marktorientierung. Saarbrücken 1960, S.23.
6 Lidl, Max: Landwirthschaftliche Reise durch den bayerischen Wald. Regensburg 1865, S.57.
7 Seyfert, Ingeborg: Die Schachten des Bayerischen Waldes. Grafenau 1975, S.37ff.
8 Lippert, Heinrich: Vegetationskundliche Anmerkungen zur Birkenbergwirtschaft im Bayerischen Wald. In: Der Bayerwald 4/84, S.202-215, 203f.
9 Lidl, Max: Landwirthschaftliche Reise ..., a.a.O., S.12.
10 Die Landwirtschaft in Bayern. Denkschrift nach amtlichen Quellen. München 1890, S.127ff.
11 Schmitt, Oskar: Denkschrift über die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Erschließung des Bayerischen Waldes. Landshut 1926, S28.
12 Haller, Reinhard: Ethnographische Beschreibung der Landgerichte Viechtach und Regen aus den Jahren 1858-1860. In: Der Landkreis Regen. Grafenau 1982, S.277-310, hier S.301.
13 Lidl, Max: Landwirthschaftliche Reise ..., a.a.O., S.128.
14 Haller, Reinhard: Ethnographische Beschreibung ... a.a.O., S.279.
15 Nösselt, Anneliese: Die Bevölkerungs- und Wanderbewegung der Landkreise Cham und Kötzting in der Bayerischen Ostmark. Regensburg 1942, S.47ff.
16 Bavaria Bd. 1. München 1860, S.989.
17 Ebd. S.988.
18 Nösselt, Anneliese: Die Bevölkerungs- und Wanderbewegung ...a.a.O., S.46.
19 Leythäuser, L.: Wirtschaftliche und industrielle Rundschau ... a.a.O., S.58.
20 Brehm, Nikolaus: Die Hausindustrie im bayerischen Wald. München 1908, S.35.
21 Die Landwirtschaft in Bayern. a.a.O., S.514f.
22 Leythäuser, L.: Wirtschaftliche und industrielle Rundschau ... a.a.O., S.57ff.
23 Grueber, Bernhard / Müller, Adalbert v.: Der Bayerische Wald ... a.a.O., S79.
24 Leythäuser, L.: Wirtschaftliche und industrielle Rundschau ... a.a.O., S.78.
25 Die Landwirtschaft in Bayern. a.a.O., S.516.
26 Schmitt, Oskar: Denkschrift ... a.a.O., S.29.