Zur Akzeptanz von Totalreservaten in der ÖffentlichkeitErfahrungen aus dem Nationalpark Bayerischer Waldvon Heinrich Rall, Nationalpark Bayerischer Wald
Geschichte der Nationalpark-Akzeptanz Der Nationalpark Bayerischer Wald wurde im Oktober 1970 als erster deutscher Nationalpark gegründet. Begriff und Ziele dieses Schutzgebietstyps waren in der Öffentlichkeit zu dieser Zeit weitgehend unklar. Die heute von sehr vielen anerkannte Priorität des Naturschutzes für ein Gebiet mit Namen "Nationalpark" war damals nur wenigen bekannt. Bezeichnenderweise kam das Wort "Naturschutz" im Gründungsbeschluß des Bayerischen Landtags von Juni 1969 überhaupt nicht vor. Gesetze mit einer Definition des Schutzgebiets "Nationalpark" gab es in Deutschland noch nicht. Erst 1973 wurde mit Zielangaben zum Nationalpark das Bayerische Naturschutzgesetz verabschiedet, 1976 als Rahmengesetz das Bundesnaturschutzgesetz. Mit der Einrichtung eines Nationalparks wollte man den Tourismus ankurbeln und der abgelegenen, am Eisernen Vorhang angrenzenden, auch "Armenhaus Deutschlands" genannten Region neue Entwicklungschancen geben und Einkommensverbesserungen für die Bevölkerung erzielen. "Waidler" fuhren 1969 mit Bussen in die Landeshauptstadt München, um dort für die Einrichtung eines Nationalparks im "Hinteren" bzw. Inneren Bayerischen Wald zu demonstrieren. Für ein "Totalreservat" hatte man damals wie auch heute kein Verständnis. Nach den 1969 gegebenen Empfehlungen der internationalen Naturschutzorganisation IUCN, die 1972 und 1994 konkretisiert wurden, stellt ein Nationalpark auch kein Totalreservat wie eine "Wilderness area" dar, sondern bildet eine eigene Schutzkategorie. Danach ist nach dem Naturschutz die Erschließung des Schutzgebiets für Bildung und Erholung der Bevölkerung sowie Forschung ein wichtiges Nationalpark-Ziel. Seit 1994 ist durch die IUCN für Nationalparke festgelegt, daß mindestens 75 % der ausgewiesenen Schutzflächen nicht genutzt werden sollen. Für neu ausgewiesene oder erweiterte Gebiete gelten Übergangsregelungen. Von der Zielstellung her gehören also Nationalparke nicht zu Totalreservaten, die Umsetzung der dennoch strengen Schutzbestimmungen kann aber zu großen Akzeptanzproblemen führen, wie die 28jährige Geschichte des Nationalparks Bayerischer Wald zeigt. Doch was ist Akzeptanz? Akzeptanz wird im folgenden als die positive bis wertneutrale Einstellung gegenüber einem Vorhaben verstanden. Sie ist das Ergebnis eines Wahrnehmungs- und Bewertungsprozesses. Im Idealfall stellt die völlige Identifikation mit einem Vorhaben oder Ziel das Maximum an Akzeptanz dar. Bei bereits bestehenden Konflikten ist jedoch das Erreichen einer neutralen Haltung bereits als Erfolg zu werten. Das Gegenteil von Akzeptanz ist Ablehnung. In den ersten zwölf Jahren nach Nationalpark-Gründung waren die Ziele des Nationalparks auch unter den Führungskräften der Nationalparkleitung stark umstritten. Hier ging es vor allem um die Frage, wieviel Holz in Zukunft noch genutzt werden dürfe. Der Streit wurde seit 1974 in die Öffentlichkeit getragen. Mittel dazu war die Herausgabe einer neuen Zeitschrift "Nationalpark" unter Federführung des bekannten Journalisten Horst Stern. 1976 veröffentlichte Professor Plochmann von der Forstwissenschaftlichen Fakultät der Universität München in dieser Zeitschrift einen Artikel mit der Überschrift "Nationalpark Bayerischer Wald am Scheideweg" (PLOCHMANN 1976). Im Vorspann zu diesem Artikel war zu lesen: "Was ist hier anders als sonst in Bayerns Wäldern?... Hier wird nicht gejagt, kein Holz geschlagen und keine Straße gebaut, und die Menschen müssen auf den Wegen bleiben! Sind das naive Phantasien, oder offenbart sich darin nicht vielmehr die Hoffnung auf einen letzten Rest wirklich geschützter Natur in unserem dicht besiedelten Land?" Plochmann berief sich dabei auf die Empfehlungen der IUCN von 1969, in denen es heißt: "Ein Nationalpark ist ein relativ großes Gebiet, wo die oberste zuständige Behörde des Landes Maßnahmen getroffen hat, um im ganzen Gebiet baldmöglichst die Nutzung oder Inanspruchnahme zu verhindern oder zu beseitigen." In der allgemeinen Öffentlichkeit fand dieser Artikel in der Fachzeitschrift mit nur geringer Verbreitung keine große Resonanz. Nur Fachleute wie Forstleute und Naturschützer und die von der Verminderung des Holzeinschlags betroffenen Sägewerke und die Holzindustrie diskutierten leidenschaftlich darüber. Nach der Erinnerung von Befragten vor Ort wurden erst bei der Grundsteinlegung des Hans-Eisenmann-Hauses 1979 die Ziele eines Nationalparks der ortsansässigen Bevölkerung erstmals öffentlich verkündet. Die ungestörte, natürliche Waldentwicklung stehe in einem Nationalpark im Vordergrund, und die forstliche Nutzung müsse eingestellt werden. Die große Änderung gegenüber einer reduzierten Forstwirtschaft brachte erst ein großer Gewittersturm am 1. August 1983 und ein weiterer Sturm im November desselben Jahres. Etwa 70.000 Festmeter Holz lagen am Boden. Nach einer Besichtigung vor Ort entschied der zuständige Fachminister Dr. Hans Eisenmann mutig und zukunftsweisend, 30.000 Festmeter liegen zu lassen. Sein Ausspruch "Ein Urwald für unsere Kinder und Kindeskinder!" war Wegweiser für die künftige Entwicklung. Zum ersten Mal wurde auch in der Natur deutlich, was es heißt, Natur sich selbst überlassen. Zu dieser Zeit lehnten laut einer Akzeptanzuntersuchung zwei Drittel der Befragten in den unmittelbaren Nachbargemeinden den Nationalpark ab (RENTSCH 1988). Doch schon in Gemeinden, die nur fünf Kilometer davon entfernt liegen, hatte nach dieser Studie nur noch ein Drittel der Befragten eine negative Einstellung zum Nationalpark. 1987 führte die Verabschiedung einer Verordnung über das eingeschränkte Betretungsrecht im Nationalpark zu einer weiteren Akzeptanzverschlechterung bei der örtlichen Bevölkerung. Durch die Nationalparkverordnung von 1992 wurden schließlich die Verbote, Maßnahmen und Einschränkungen für das gesamte Gebiet schriftlich festgelegt. Dies löste erhebliche Proteste aus. Die bei weitem größte Ablehnung des Nationalparks gab es aber nach Bekanntwerden der Erweiterungsabsicht im Winter 1995. Das während der Erweiterungsdiskussion gleichzeitige exponentielle Anwachsen des Borkenkäferbefalls schürte den Widerstand gegen den Nationalpark und seine Verwaltung. Dieser hält in großem Umfang bis heute an. 1 Formen der öffentlichen Pro- und Contra-Bewegungen zum Nationalpark Bayerischer Wald Die Formen der Protestbewegung gegen die Erweiterung des Nationalparks und gegen das Nationalpark-Motto "Natur Natur sein lassen" waren vielfältig. Demonstrationen Anläßlich hoher Politiker-Besuche im Vorfeld und zur Feier des 25jährigen Gründungsjubiläums wurden im Bayerischen Wald bisher so gut wie unbekannte Straßendemonstrationen veranstaltet (s.Abb.1). Bürgerinitiativen Vor und nach der Nationalpark-Erweiterung gründete man Bürgerinitiativen, die heute als eingetragene Vereine weiter ihre Ziele verfolgen. Sowohl für das alte Nationalparkgebiet als auch für das Erweiterungsgebiet bildeten sich je eine Contra- und eine Pro-Bewegung. Neuerdings gibt es auch eine Initiative, die sich "Waldwildnis" nennt. Insgesamt gibt es damit zwei Contra- und drei Pro-Bewegungen. Abstimmungsinstrument "Bürgerentscheid" Die in Bayern für Kommunen neu geschaffene Abstimmungsmöglichkeit via Bürgerentscheid wurde in der Gemeinde Frauenau sofort genutzt. Bei einer Wahlbeteiligung von knapp über 51 Prozent stimmten 83,7 Prozent der Bürger gegen eine Nationalpark-Erweiterung. Vorträge und Exkursionen, "Feste" Sowohl Contra- wie Pro-Bewegungen laden für öffentliche Vorträge Referenten ein, die für die jeweiligen Zielvorstellungen werben. Für Exkursionen versucht man orts- und fachkundige Führer zu gewinnen. Neuerdings sieht man in der Veranstaltung von Sommerfesten die Möglichkeit, die jeweiligen Ideen spielerisch und unterhaltsam unter das Volk zu bringen. Beteiligung von Medien Für eine möglichst große Breitenwirkung werden zu den vorher genannten Veranstaltungen zumeist Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen eingeladen. Die meisten Veranstaltungen finden in der lokalen Presse ihren Niederschlag. Sehr beliebt sind Leserbriefe. Manchmal tragen auch Vertreter von größeren Organisationen (z. B. Bund Naturschutz) mit Artikeln akzentuiert zur Meinungsbildung bei. Selbstverständlich werden die Medien auch von sich aus aktiv. Den meisten dürfte noch die ZDF-Sendung "Frontal" mit einem Nationalpark-Verriß oder der STERN-Artikel mit der Überschrift "Kaputtgeschützt" in Erinnerung sein. Studenten der Universität München analysierten das Pressearchiv der Nationalparkverwaltung von 1995 bis 1997 (drei gefüllte große Ordner) (KOSTER ET AL. 1998). Aus der zeitlichen Verteilung der erschienenen Artikel stechen die Juli-Monate hervor. Die Artikel pro bzw. contra Nationalpark-Erweiterung hielten sich von der Anzahl her ungefähr die Waage (s. Tab.1)
Tab.1 Verteilung der Presseartikel mit unterschiedlicher Haltung zur Erweiterung des Nationalparks Bayerischer Wald. Nach KÖSTER ET AL. (1998). Einschaltung von Politikern Gerne werden zur Durchsetzung von Interessen Politiker aus Gemeinden, aus dem Kreistag (s. Abb. 2), aus dem Landtag, ja sogar Minister eingeschaltet. In Zeiten vor der Wahl machen Politiker selbstverständlich von sich aus Anliegen von Bürgern zu ihrem Thema. Auch Nachwuchsorganisationen von politischen Parteien erhoffen sich auf diese Weise Einfluß zu gewinnen (s. Abb. 3). Der Gang vor Gericht In einem Sonderfall ging eine Waldbesitzerin vor Gericht, weil sie glaubt, daß durch die neue Nationalparkverordnung ihr Wald in Gefahr gerät, vom Borkenkäfer befallen zu werden. Sie erhob Normenkontroll-Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof.
Gründe für den Widerstand gegen Nationalpark-Ziele Emotionale Gründe Das derzeit weithin sichtbare Bild toter Baumskelette ruft bei den meisten Betrachtern emotionale Betroffenheit hervor. Der Anblick ist ungewohnt und in dieser Größe in Mitteleuropa einmalig (2148 ha, Stand Juli 1998). Lediglich einige Bestände im Nationalpark Harz erinnern an diese Situation im Bayerischen Wald. Bei einer Vergleichsstudie von STELZIG (1997) wurden die häufigsten negativen Empfindungen von Nationalparkbesuchern beim Anblick toter Bäume zusammengefaßt (s. Tab. 2).
Trotz der überwiegend negativen Empfindungen war nach einer ähnlichen Studie von SUDA & PAULI (1997) im Nationalpark Bayerischer Wald für nur 2,6 Prozent von befragten Touristen die Wahrnehmung der Situation so intensiv, daß sie darin einen Grund für eine Schmälerung ihres Urlaubsgenusses sahen. Die Akzeptanz von liegendem Totholz ist übrigens viel höher als diejenige bei stehenden toten Bäumen (s. Abb. 4). Dies ist ein Ergebnis der Studie von STELZIG (1997). Durch Verwitterung, Einwirkung von Pilzen und nachfolgende Stürme beträgt die Zeit bis zum Umbrechen stehender Bäume nur wenige Jahre. Von Einheimischen wird in Zusammenhang mit dem Anteil toter Bäume sehr oft der Verlust der Heimat ins Feld geführt. Vor allem ältere Menschen - und das sind die Wortführer - können sich nicht mit dem veränderten Zustand des Waldes zurechtfinden. Ihre Ordnungsliebe möchte sie gerne beim "Chaos Natur" aufräumen lassen. Während im Forstwirtschaftsbetrieb durch Entfernen kranker Bäume und durch Aufforstung von Lücken die Illusion einer heilen Natur gewahrt wird, glauben Einheimische, im Nationalpark vollziehe sich vor ihren Augen der Zusammenbruch des Waldes. 3.2 Furcht vor wirtschaftlichen Einbußen Leichter nachvollziehbar sind Befürchtungen von Einheimischen, sie könnten durch die Verwirklichung der Nationalparkidee wirtschaftliche Einbußen erleiden. Durch die Aufgabe der Forstwirtschaft im Erweiterungsgebiet, so glauben manche, gehen Arbeitsplätze verloren. Es hat sich jedoch im alten Nationalparkgebiet gezeigt, daß durch Hinzukommen neuer Funktionen, beim Nationalpark-Management (z. B. Nationalparkwacht, Betriebshof) mehr Arbeitsplätze benötigt werden. Weit größer ist die Sorge von angrenzenden Privatwaldbesitzern, ihre Fichten-Wälder würden durch Borkenkäferschwärme aus dem Nationalpark vernichtet. Dieser ernstzunehmenden Sorge wurde in letzter Zeit verstärkt Rechnung getragen, indem die Bekämpfungszone im Nationalpark über 500 Meter hinaus, teilweise auf über tausend Meter erweitert wurde. Trotzdem wurde die Borkenkäferfrage in den letzten drei Jahren (einhergehend mit der Massenvermehrung) zum größten Akzeptanz-Problem. 3.3 Unverständnis über den Prozeß des Zielwandels zur ungestörten, natürlichen Entwicklung - Informationsdefizite (oder Nicht-verstehen-Wollen?) Wie eingangs dargestellt, herrschte bis zum Windwurf 1983 bei Politik und Nationalparkverwaltung keine einheitliche Vorstellung, welches Generalziel der Nationalpark anzusteuern hätte. Ein großer Teil der örtlichen Bevölkerung vertritt die Ansicht, daß Verbote und Maßnahmen, die zur Ansteuerung einer natürlichen Entwicklung nach 1983 getroffen wurden (z. B. 1987 Verordnung über eingeschränktes Betretungsrecht) bewußt vorher zurückgehalten und nur zögerlich öffentlich bekannt gemacht wurden. Oft hörte man den Vorwurf der "Salamitaktik". Die große Entscheidungssouveränität der Nationalparkverwaltung vor Novellierung der Nationalparkverordnung von 1997 war vielen ein Dorn im Auge. Das fehlende Mitspracherecht, z. B. bei einem von der Nationalparkverwaltung kurzfristig angekündigten Straßenrückbau, vermittelte manchem das Gefühl der Ohnmacht. Durch die neue Nationalparkverordnung von 1997 wurde zwar durch die Einrichtung eines Kommunalen Planungsausschusses die Information und das Mitspracherecht der Kommunen verbessert. Trotzdem kritisieren Gemeinden, daß sie nach wie vor kein Abstimmungsrecht bei Entscheidungen haben. Bewertung der Situation und Lösungsansätze Als Nationalpark-Angehöriger und sozusagen Befangener möchte ich die Bewertung der Situation Außenstehenden überlassen. Ich zitiere deshalb aus jüngeren Arbeiten von Lehrstühlen der TU und der Universität München, die im vergangenen Winter fertiggestellt wurden. Einmal aus der Seminararbeit von HOHENESTER ET AL. (1998) am Lehrstuhl für Vegetationsökologie (Prof. Pfadenhauer) der TU München: "Die Schwierigkeiten bei der Zielentwicklung und die damit verbundenen Akzeptanzprobleme hängen mit Defiziten in der Öffentlichkeitsarbeit zusammen, denn bis vor drei Jahren fehlte eine wirksame Aufklärungs- und Pressearbeit für die lokale Bevölkerung von Seiten der Nationalparkverwaltung (Interviews, 1997). Man verwandte zwar viel Energie darauf, "den letzten Urlauber" von der Nationalparkidee zu überzeugen, es wurde jedoch zuwenig daran gesetzt, die Einheimischen auf mögliche Entwicklungen vorzubereiten (Interviews, 1997). So verbreiteten sich falsche Informationen und Gerüchte, z. B. daß "wilde Tiere wie Luchse, Bären und Wölfe im Nationalparkgebiet ausgesetzt werden sollen" (Interviews, 1997). Den Gemeinderäten wurden zwar die Bedeutung und die Konsequenzen des Nationalparks erklärt, sie konnten jedoch von der Nationalparkidee nicht richtig überzeugt werden. Deshalb verstanden sie es nicht, die Information an die einheimische Bevölkerung weiterzugeben, eine Breitenwirkung der Öffentlichkeitsarbeit war nicht zu erkennen... Die unzureichende Informationspolitik der Nationalparkverwaltung zeigte sich auch bei der Borkenkäfer-Problematik (Interviews, 1997). Erst seit jedem das Problem der Borkenkäfermassenvermehrung augenscheinlich ist, nimmt die Nationalparkverwaltung öffentlich dazu Stellung, obwohl schon Jahre zuvor über die Möglichkeit einer solchen Entwicklung hätte aufgeklärt werden müssen." Es folgt ein Zitat aus einer Studie des Forstpolitikers Prof. SUDA, Universität München (SUDA & PAULI 1997): "Die teilweise sehr heftigen und emotional geführten Diskussionen zum Thema Nationalparkerweiterung und Borkenkäferbekämpfung zeigen, daß die einheimische Bevölkerung sich mit dem Park kaum identifizieren kann. Die Menschen sind häufig der Meinung, man hätte ihnen den Wald einfach weggenommen und sie ausgesperrt. Entscheidungen, die "ihren Wald betreffen", würden einfach von "oben herab" getroffen, ohne die "Waldler" zu fragen. Berücksichtigt man den hohen Stellenwert, den die Wälder traditionell für die einheimische Bevölkerung haben, so ist klar, daß Handlungsbedarf besteht. Die Sorgen und Bedürfnisse der Menschen müssen in Zukunft sehr viel stärker berücksichtigt, die Politik vor Ort in die entscheidenden Gremien eingebunden werden. Auf der Basis eines empirisch belegten Kommunikationskonzepts kann zukünftig ein intensiver und dauerhafter Dialog zwischen Nationalparkverwaltung und den Einheimischen herbeigeführt werden." Speziell zur besseren Akzeptanz durch Einheimische wurde in letzter Zeit verstärkt begonnen, derartige Lösungen umzusetzen - zwar ziemlich spät, aber in der Hoffnung, daß durch ständige Kontaktaufnahme mit der örtlichen Bevölkerung das Verständnis für die Nationalparkidee entscheidend verbessert wird. Ziel ist es, ein "Wir-Gefühl" zu entwickeln, und daß die Einheimischen letztendlich von "ihrem" Park sprechen. Wichtig sind in diesem Zusammenhang offene Gespräche über künftige Planungen (Nationalparkplan) im Kommunalen Planungsausschuß (Vertreter der Landkreise und der Anliegergemeinden), Gespräche und Führungen mit den zahlreichen Vermietern von Zimmern und Ferienwohnungen. Busfahrten mit dem Fremdenverkehrsverein sind willkommen und versetzen Vermieter in die Lage, sich abends fachkundig mit ihren Gästen über Nationalparkerlebnisse zu unterhalten, was letztlich auch ihrem Geschäft als Vermieter zugute kommt. Druckerzeugnisse wie das neue Informationsblatt "Unser wilder Wald" unterstützen dieses Ziel. Das Blatt erscheint als Beilage zur örtlichen Tageszeitung (Regionalausgabe der "Passauer Neuen Presse"). Andere gedruckte Informationen der Nationalparkverwaltung wie Faltblätter oder den neuen Sonderprospekt "Wald-Wildnis" kann jedermann erhalten. Erste Erfolge stellten sich vor kurzem ein: Elf Anliegergemeinden des erweiterten Nationalparks haben die Anziehungskraft des Nationalparks erkannt und wollen für die Nationalpark-Region künftig gemeinsam werben (s. Abb. 6). Hier möchte ich schließen, nicht jedoch ohne auf ein neues Akzeptanzproblem aufmerksam zu machen, das vorletzte Woche öffentlich wurde: Unser neuer Nationalpark-Leiter, K.F. Sinner, erhielt von der Zeitschrift "NATUR" den "Hammer des Monats" (NATUR 10/98, S. 18). Ich halte dies für einen ungerechtfertigten Angriff. Die konsequente Borkenkäferbekämpfung in der 25 %-Randzone des Nationalparks, die hier angeprangert wird, ist Voraussetzung für die Akzeptanz bei den Einheimischen und Voraussetzung für den Natur-Chaos-Schutz auf der übrigen Fläche, d. h. auf einem Dreiviertel der Nationalparkfläche. Hier haben Naturschutz-Eiferer unüberlegt dem Naturschutz einen Bärendienst erwiesen.
Literatur HOHENESTER, M., JESCHOR, C., HÖRAUF M. & A. ZELLHUBER (1998): Akzeptanz von Naturschutzvorhaben, untersucht am Beispiel Nationalpark Bayerischer Wald. Seminararbeit am Lehrstuhl für Vegetationsökologie der TU München (Freising-Weihenstephan), Betreuer: J. Pfadenhauer, 31 S. KÖSTER, D., SCHUBOTZ, U. & C. WIDMER (1998): Die Erweiterung des Nationalparks im Spiegel der lokalen Presse. In: POPP & KAGERMEIER (Betreuer, 1998): Akzeptanz der Erweiterung des Nationalparks Bayerischer Wald, Projektseminar am Institut für Geographie der TU München. PLOCHMANN, R. (1976): Bayerischer Wald am Scheideweg. Nationalpark 2/76: 6ff. RENTSCH, G. (1986): Die Akzeptanz des Nationalparks Bayerischer Wald durch die lokale Bevölkerung, Diplomarbeit am Geographischen Institut der TU München, 122 S. STELZIG, I. (1997): Akzeptanz von Totholz in ausgewählten deutschen Wald-Nationalparken, Wissenschaftl. Hausarbeit am Inst. für Didaktik der Biologie, Uni Frankfurt/M., 112 S. SUDA, M. & B. PAULI (1997): Wahrnehmung und Bewertung großflächig abgestorbener Bestände im Nationalpark Bayerischer Wald. Projektstudienbericht des Lehrstuhls für Forstpolitik und Forstgeschichte der LMU München, 40 S. |