Aufgewühlt

 

von Karl-Heinz Reimeier, Grafenau, zu Ausstellung und Buch "Aufbricht zu neuem Leben", von Josef Fruth und Gunther Fruth.

Dass sich unsere Wege, die des Künstlers Gunther Fruth und die meinen, kreuzten, liegt an den Themen Wald und Leben, Wald und Sterben. Eine besonders große Rolle spielte dabei – ehrlich gesagt – das Gefühl, die emotionale Ergriffenheit. Die tiefgreifenden Ereignisse der letzten Jahre in Sachen "Waldsterben", "Borkenkäfer", "Borkenkäferbekämpfung"... haben uns durch-, auf- und wachgerüttelt. Die lauten und leisen Diskussionen – ob sachlich oder nicht – sind uns "unter die Haut" gegangen, ein Denkprozess hat stattgefunden, der noch nicht abgeschlossen ist. Ergebnisse daraus haben in den Fotos von Gunther Fruth allmählich greifbare und sichtbare Formen angenommen und er wagte es, in mehreren Ausstellungen sowohl in Kirchen wie auch in öffentlichen Räumen und nun auch mit diesem Buch, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Wer, so meine ich, sollte sonst den Mut aufbringen als gerade der Künstler, um aktuelle, brisante und konträre Themen der Zeit anzupacken und dadurch mitzuhelfen bei der öffentlichen Meinungsfindung und Meinungsbildung!

Die Auseinandersetzung mit der Natur geschieht in der Familie Fruth bereits seit den siebziger Jahren, wo der Vater Josef Fruth immer wieder intensiv in vielen seiner Arbeiten graphisch wie auch lyrisch auf die Folgen des unverantwortlichen Raubbaues an der Natur hinwies.

Beide – Vater Josef wie auch Sohn Gunther – wollen in erster Linie eines: die Menschen sensibilisieren, die Seele der Menschen auftauen und empfänglich machen, Anstöße geben, harte Herzen und starre Geister aufbrechen und offen machen für neue Fragen, für neues Denken – beide wollen anregen zum Nachdenken, vielleicht sogar zum Umdenken.

Ich möchte Sie, liebe Leser dieser Zeilen, zu einer Wanderung einladen, einer geistigen Zeitwanderung rückwärts, ein paar Jahre, ein paar Jahrzehnte vielleicht. Dabei treten wir ein in den Wald, den wir kennen aus Prospekten, aus der Werbung mit dunklen Waldwogen, Urwaldriesen, rauschenden Wassern, grünen Baumwipfeln, klaren Bergseen und gesunder Luft. Adalbert Stifter war es, der diese Wälder beschrieb, und viele andere Dichter versuchten dasselbe immer wieder. Die Bilder vom "schönen" Wald setzten sich fest.

Plötzlich ist alles anders – plötzlich wird diskutiert, plötzlich wird der Wald zum Streitgegenstand. Emotionen steigen hoch, Freundschaften gehen in die Brüche, neue Freundschaften entstehen, Gleichgesinnte suchen zusammen: Waldsterben – Borkenkäfer – Totengräber – Massenmörder!

Wir wandern auf den Lusenberg. Oben angekommen atmen wir tief durch und schauen uns um: Entsetzen – vor uns steht der Tod. Direkt und greifbar, soweit das Auge reicht – Tod! Bäume als Gerippe, durchsichtiger Wald! Der Schrecken fährt in meine Glieder: Das ist nicht mein Wald! Wo ist mein Wald? Die abgefieselten Knochen der Fichten geben keine Antwort.

Ich schließe die Augen – die gewohnten, liebgewonnenen, vertrauten Waldbilder schieben sich vor das dürre Waldgerippe, möchten die Wirklichkeit verdrängen. Das Waldlerherz blutet, Entsetzen pur – das eigene Leben steht sterbend vor mir.

Ich warte – ich warte lange. Allmählich nur kehrt etwas zurück, etwas, was sich wie Leben anfühlt. Ich verspüre dieses Leben – diesmal mit all seinen Konsequenzen. Der Baum – das bin ich, die Bäume, das sind wir. Und – wir sterben. Das macht uns unruhig – der Spiegel vor unserem Gesicht lacht hämisch.

Gleichzeitig geht etwas Seltsames vor sich: Ich lege meine Hand ans Ohr – ich höre kein Rauschen mehr in den Wipfeln – "Wo rauschen die Wälder am Lusenhang", ein Heimatlied, ein ausgeblutetes Heimatlied. Meine Unruhe wächst. Da passiert etwas, was ich nicht (be)greifen kann, da passiert etwas, worauf ich keinen Einfluss habe. Da geschieht etwas ohne mich Mensch. In mir brechen Welten zusammen. So wie eine Hochwaldfichte stürzt, so stürzen Anschauungen und Bilder in sich zusammen. Es fällt der rauschende Wald, es fallen die Bilder uriger Holzhauer, ebenso die Bilder vom winterlichen Holzzug, es fallen die Lieder, es fallen die Erzählungen – es stürzt die Romantik. Gleichzeitig purzeln aber auch andere Begriffe wie Monokultur, Anpflanzung, Pflanzkolonne, Wirtschaftswald, Gewinnstreben und, und, und... Ich suche Halt, suche nach festem Stand – wo kann ich ihn finden?

Wer trägt die Schuld an diesem Zustand? Diese Frage drängt sich unweigerlich auf. Liegt die Schuld beim Menschen, bei dem anderen Menschen, oder bei gewissen Umweltfaktoren oder irgendwo im Unfassbaren, irgendwo in der Masse des Ungreifbaren? Oder sind wir gar in der Lage, die Schuld bei uns selbst zu suchen? Sind wir in der Lage, nachzudenken, nach Ursachen zu forschen? Schaffen wir den Sprung, uns selbst mit einzubeziehen in das gesamte Schöpfungsgefüge, sind wir bereit, um Rat und um Hilfe zu bitten? Wollen wir ihn wirklich, den Umgang mit dieser schmerzlichen Problematik?

Als aufgewühlter Mensch stehe ich nun da, lange, sehr lange. Hin- und hergerissen wie die morschen Baumleichen im Wind. Nur langsam, kaum spürbar, wandert mein Denken weg vom Ich, vom Jetzt, vom Heute, von der Gegenwart. Nur zögernd wenden sich meine Gedanken nach vorne in Richtung Zukunft. Neues Gedankengut durchschwirrt meinen Kopf. Was überwiegt in diesem, unserem Schöpfungsgefüge: Der Mensch und das, was er sich von seinem Lebensraum vorstellt oder die Natur, die nach ihren eigenen Gesetzen existieren darf?

Was wir heute denken, kann Grundlage sein für die Zukunft. Wir haben heute die Chance – dank mutiger und selbstloser Menschen – einen bestimmten Lebensraum sich selbst überlassen zu können. "Natur Natur sein lassen" – ein Spruch als Spinnerei oder Hirngespinst von Künstlern, Wissenschaftlern, Schriftstellern oder Dichtern?

Natur in Vollendung – Natur aus der Natur – wilde Natur ohne Eingriff des Menschen. Folgenreiche Worte! Dabei muss man Wagnisse eingehen für sich und für die Natur. Wer diesem Grundsatz "Natur Natur sein lassen" zustimmt, der muss heute riskieren, nicht mehr zu der Masse zu gehören, in der man untertauchen kann: "Lasst’s mir mei Ruah!" Und plötzlich merkt man, dass schon eine ganze Reihe von Grundprinzipien des menschlichen Zusammenlebens verlorengegangen sind: der Glaube an die Schöpfung, das Vertrauen in diese Schöpfung – und man hat auch vergessen, dass sich dahinter etwas verbirgt, was über dem Menschen steht und das der Mensch "Gott" nennt.

Gewohnheiten halten uns Menschen häufig gefangen und manchmal verstricken wir uns sogar in ihnen. Jetzt ist es an der Zeit, aus so manchem "Eingeschliffenen", aus Klischees auszusteigen und andere als nur die vom Menschen geprägten Werte anzuerkennen: Die Schöpfung hat ihre eigenen, vielleicht besseren Werte.

Der Wald wird sich verändern, er wird sich gewaltig verändern und es wird nie mehr den Wald geben, den wir seit Generationen kennen. Die Veränderungen werden sich ausweiten: gewohnte Bilder werden verschwinden und aus der gesamten Veränderung wird sich der Mensch auf Dauer nicht herausstehlen können.

Beinahe zeitgleich mit der Veränderung in der Natur, vielleicht mit etwas Verzögerung, hat sich auch eine allmähliche Veränderung des Menschen vollzogen. In der relativ kurzen Zeit von drei Jahrzehnten ist der "Urwaldler" seiner Tradition entstiegen und hat sich zum Unternehmer entwickelt – zum Unternehmer in Sachen "Fremdenverkehr". Der Lebensstandard ist deutlich angestiegen. Nun, in der veränderten, klischeefreien Situation werden die Fremdenverkehrsprospekte und die Werbung sich dieser Veränderung nicht entziehen können, vorausgesetzt, sie wollen ehrlich bleiben. Der Maler und der Fotograf wird ganz von selbst neue Blickwinkel finden – und ich hoffe, nein, ich glaube fest daran, dass das, was dann auf den Abbildungen zu sehen sein wird, sich auf natürliche Weise und dadurch vielfältiger darstellen wird. Die Natur wird sich für ihre wiedergewonnene Freiheit bedanken, Pflanzen werden sich hervorwagen, die sich vor dem Menschen bereits zurückgezogen, versteckt haben. Und wer weiß, vielleicht werden wir Menschen irgendwann einmal doch Freude an einer solchen Art von Natur erleben können. Vielleicht wird die neu entstehende Artenvielfalt uns sogar guttun!

Wir – und ist das nicht ein Privileg ? – dürfen heute miterleben, wie Evolution funktioniert. Wir können Wunder schauen – wir alle können dies verspüren, wir müssen nur bereit sein, an die entsprechenden Orte und Plätze hinzugehen und genau zu schauen. Lächerlich die Sätze, die diesbezüglich entstehen: "Heut’ muasst auf d’Knia geh, wenns d’ vom Woid na wos sehng möchst!" – Doch vielleicht ist dieser Ausspruch gar nicht so lächerlich, denn wer in die Knie geht, der nimmt eine dienende Haltung ein. Und der, der dienen kann, kann auch in rechtem Maße mit der Natur umgehen.

Pflanzen brauchen ihre Zeit, um zu wachsen. Das ist nicht anders wie bei uns Menschen auch. Nur müssen wir ihnen die Zeit dafür geben. Während dieser Zeit des Wartens haben wir allerdings die Möglichkeit, unser Blickfeld ein wenig anders auszurichten: Geht der Blick nach oben, dann sehen wir das Sterben, das Ende von Leben, das Abschiednehmen. Geht der Blick nach unten, finden wir das Leben, junges Leben. Erleichterung kommt auf und Hoffnung. Nur müssen wir jetzt versuchen, diesem jungen Leben Zeit zu lassen. Die Bitte um Geduld, diese so strapazierte Tugend, sei hier vehement vorgebracht! Es wird eine Natur entstehen, die uns Menschen eigentlich überhaupt nicht braucht, außer zu dem einzigen Zweck, dass wir sie bewundern und dass wir uns an ihr erfreuen. Gerade dieses Wachsen aus dem Gestorbenen ist eines der hoffnungsvollsten Bilder, die Gunther Fruth immer wieder in seinen Fotografien zeigt.

Geduld – beinahe ist es ein Fremdwort geworden. Die Natur selbst kann uns die Tugend wieder lehren, wenn wir nur bereit sind dazu. Wir müssen der Natur unsere Ungeduld nicht aufbürden, indem wir nur noch schnell wachsende Bäume zulassen! Je schneller, desto wertvoller. Diese Aussage hat natürlich ihre Berechtigung dann, wenn ganz andere Grundgedanken hinterlegt werden, wenn nicht die Natur im Vordergrund steht, sondern der Nutzen, den man dieser Natur abzwingen kann. Der Schritt vom "Naturnutzen" hin zum "Naturausbeuten" ist ein winzig kleiner.

Gunther Fruth, seit Jahren als Mensch und als Künstler mit dem Thema intensivst befasst, hat Wege gesucht, diese Materie greifbar und sichtbar zu machen. Sterben, Vergänglichkeit, Verzweiflung auf der einen Seite, Leben, Gedeihen, Hoffen auf der anderen Seite. Dies alles dokumentiert durch zeitaufwendiges Arbeiten in und mit der Natur.

 

Gunther Fruth versucht mit seinen Bildern, den Menschen die Wirklichkeit vor Augen zu führen. Er tut dies auf seine Weise, auf seine ehrliche Weise. Er zeigt den Tod erbarmungslos, hart, niederschmetternd und deprimierend. Doch er gibt nicht auf, er sucht, er will Hoffnung finden für sich und für alle, die an die Natur glauben. Bilder der Hoffnung – ich selbst habe sie gesehen, draußen in der Natur ebenso wie drinnen im Atelier. Ich habe niedergeschlagene Menschen erlebt, deren Hoffnung mit ansteigendem Gipfel immer geringer wurde, und ich habe überzeugte Menschen erlebt, deren Hoffnung mit sehendem und suchendem Auge immer größer wurde. Gott sei Dank! Und diese Hoffnung ist da und diese Hoffnung ist auch die Triebfeder, die dieses Buch zustande kommen ließ. Gunther Fruth gibt mit seinem Enthusiasmus für die Sache dem schockierten Menschen Vertrauen in die Schöpfung zurück.