Karg
von Bernhard Setzwein

In Hinterbayern gibt es ein Dorf namens Karg. Die wenigen Häuser des Weilers hängen oft lange Wochen, in denen es gar nicht hell und ein wenig warm werden mag, an Rauchschnüren vom bleigrauen Himmel herunter. Ganz schwarzgeräuchert sind die Holzwände der alten Bauernhäuser schon, und doch nimmt sie niemand heraus aus dem Rauchfang dieses Tales, aus dem die Nebelschwaden nur selten abziehen.

Die Karger sind wenn auch keine glücklichen so doch zufriedene Menschen. Sie leben von dem, was auf ihrem eigenen Mist wächst, der knöcheltief als stinkende Lache auf ihren Feldern liegt. Mögen sie woanders ruhig im Reichtum schwimmen!

In Karg gibt es nur ein Wirtshaus, und in dem wird einmal in der Woche aufgekocht, am Sonntag, es steht dann ein Gericht auf der Speiskart'n. Es ist die vollkommene Eintönigkeit, die die Karger tagein tagaus leben, da bringt sie wenigstens nichts draus aus ihrem mühsam einstudierten Leben. Manchmal geschehen unerwartete Dinge, zum Beispiel daß eine Kuh ein Kalb mit zwei Köpfen aus sich herauspreßt. Aber auch das beunruhigt die Dörfler nicht sonderlich, sie scheinen längst alle Monstrositäten zu kennen, die dieses Leben nicht nur für Karger bereithält.

Woher sie in ihrer hinterbayerischen Abgeschiedenheit von alldem, was zwischen Erde und Himmel so passieren kann, wissen, bleibt ihr Geheimnis. Ob sie die versalzene Weltsupp'n stoisch aus jener Schüssel löffeln, die sich der ein oder andere Karger schon an den Hausgiebel montiert hat? In die hinein bekommen sie allabendlich einen ordentlichen Schöpfer voll von jener Schlachtplatte aufgetischt, die man gar nicht einmal so weit entfernt von Karg angerichtet hat.

Der einzige aber, der solche Bilder kommentiert, ist der Opa, der hat ja auch Zeit, sich alles drei-, viermal anzuschauen, bis ihm langsam eine Meinung dazu dämmert. "Das sieht ihm ähnlich, das macht der Stalin grad extra", meint er, vorm Fernsehapparat sitzend, und aus seiner Salem-ohne-Rauchwolke heraus sieht er alles noch ganz deutlich, die Winter in Rußland und alles, was dann folgte. "Der Stalin ist doch längst hin, Opa", gibt die Schwiegertochter zu bedenken, aber manchmal hat man den Eindruck, solche Neuigkeiten sind in Karg nicht weiter wichtig.

In Karg kann man das Gras ächzen hören, wenn es sich im Auswärts durch einen dicken Odelteppich werkeln muß, und man hört die Frösche ihre abenteuerlichen Geschichten erzählen vom Auszug ins gelobte Laichland. Man hört die Schweine jämmerlich um Gnade flehen auf ihrem Weg zum Schlachthaus und die Fichten und Tannen, wie sie sich zuflüstern, der Beamte vom Forstamt sei wieder unterwegs, der mit der Spraydose. In der Nacht hört man den großen Wagen übers Firmament holpern, beladen mit Säcken voller zusammengeklaubter Sternschnuppen, und wie die Fliegenpilze draußen im Wald ihre Schirme aufspannen mit einem Schnalzer, das hört man auch.

Manchmal lebt ganz Karg im Bauch eines Bierfasses, an Kirchweih oder an den Festtagen der Heimat, dann hört sich die ganze Welt irgendwie dumpf an, als ob man so Ohrenschützer aufhätte, wie sie der Opa noch immer trägt. Sehen aus wie die Kopfhörer der Wehrmachtsfunker, und wenn der Opa damit durch das Dorf läuft, fragt sich jeder, welchen geheimen Äthernachrichten er heute wieder lauscht, weil er gar so grantig dreinschaut.

Dann wieder gibt es Tage, eisig kalte Tage im Winter, da hört man einfach alles, stechend genau und klar wie die Eisblume am Fenster. Das Röcheln der Nachbarin zum Beispiel oder das Ächzen im Holz der Küchenkredenz, ja sogar die Gangschaltung vom Gust seinem Moped hört man, wenn er im Nachbardorf die Kurve schneidet.

Ganz in der Ferne kommen manchmal auch noch andere Geräusch, man weiß nicht genau, was es ist, wie wenn jemand Kies schaufelt, vielleicht ist es aber auch die Weltachse, die man in Karg in ihrem trockenen Kugellager knirschen hört, der Gruberbauer hätt' noch eine Wagenschmier in seiner Garage. Man hört ein Tosen in Karg, wenn der Herbstwind das Laub von den Ästen reißt und eine Million kleiner Welten wie Hagelkörner einem am Kopf vorbei zur Erde sausen. Dann aber kann es plötzlich wieder ganz friedlich sein in Karg, und man hört höchstens eine Wiese ihr Grün aufschütteln, nachdem der Winter endlich aus seiner Bettstatt aufgekommen ist. Und schließlich in einer Spätsommernacht, wenn es ganz ganz still ist, hört man in Karg sogar dem Wolferl sein letztes Klarinettenkonzert, aber nur den zweiten Satz.

Die alten Karger sagen zu alldem: Ist das bei uns nicht eine herrliche Ruhe! Die jungen aber halten diese Stille nicht aus und gehen von hier weg, weit weg.

Karg heißt nur so. Für den, der hören kann, ist Karg eine Symphonie. Und für den, der sehen kann, ein Gemälde. Wie eines von Hieronymus Bosch – bei dem lebt auch immer alles, selbst ein gebratenes Gigerl fliegt da noch durch die Luft. In Karg zum Beispiel haben die Äpfel Gesichter, in die man besser nicht hineinschaut, eh sie eimerweise in den Trichter der Obstpresse gekippt werden. Der Most schmeckt ihnen aber dennoch, den meist ahnungslosen Kargern.

Durch die Luft fliegen an warmen Tagen zu Fesselballons aufgeblähte Schweinsblasen, aber die Karger sehen meist nur die Werbeaufschriften wie "AGFA" oder "OBI Baumarkt". Igel und Kröten tragen die Abdrücke von Reifenprofilen auf ihrem Rücken durch die Gegend, und im Wirtshaus sah man schon manchen sitzen, der hatte den Schweinskopf nicht vor sich auf dem Teller, sondern auf dem eigenen Hals.

In Karg haben die Birn- und Zwetschgenbäume die Gestalt gebückter Menschen, und wenn der alte Gust über den Feldweg dahergeschlurft kommt, könnte man ihn fast mit der Trauerweide am Bach verwechseln. Auch hat man schon Erdäpfel gesehen, die sich auf kasig-weißen, dürren Beinchen aus der Miete davongestohlen haben, wie überhaupt, wer richtig hinsieht, bemerken wird, daß in Karg ein jedes Ding sein Eigenleben führt.

Von allem, wo ein Strom drin herumsaust, meinen die Karger eh, daß es lebendig ist, weshalb die Dörfler in ihren Wohnstuben mit dem Fernsehgerät ein ähnlich karges Gespräch führen wie mit dem Vieh im Stall. Meist wird es eh nur angeraunzt, wenn es nicht so tut, wie es soll. Das alte Röhrenradio, das schaut einen auch immer mit seinem langsam aufleuchtenden grünen Auge so bettelnd an, und der laubgrüne Lanz drüben im Stall springt ohne gutes Zureden schon gleich gar nicht an.

Ist den zufällig Vorbeikommenden schon einmal aufgefallen, daß der Karger mit seinem Moped genauso redet wie mit der Motorsäge und dem Heuwender? Warum benutzt der Karger zwanzig, dreißig Jahre lang immer dasselbe metallene Benzinfeuerzeug, und warum baut er an besonders kalten Wintertagen die Autobatterie aus seinem alten Opel aus, um sie, eingewickelt in eine Pferdedecke, oben auf die Küchenkredenz zu stellen?

Wer genau hinsieht, kann den alten Heurechen, dem auch schon ein paar Zähne fehlen, dabei erwischen, wie er sich nach einem langen, heißen Augusttag kurz einmal an die Hauswand anlehnt, um sich auszurasten, und das schwarze, vom Gelenkrheumatismus schon ganz verbogene Fahrrad der Bäuerin steht jeden Morgen wieder im warmen, trockenen Fletz, sooft man es auch am Abend vor die Tür stellt. Ja, in Karg, da finden sich halt alle unter dem niedrigen, schützenden Schindeldach ein, Tier, Mensch und Moped, dem das Benzin im Tank schon leicht sülzt.