Heimat - Ein Modewort
von Hubert Weinzierl


Ein neues Modewort macht sich seit einiger Zeit in den Landtagen und auf Festveranstaltungen breit. Der Herr Bundeskanzler hat es parlamentsfähig gemacht. Und es ist zum Pflichtwort einer jeden Ministerrede geworden: die Heimat! Vor soviel Heimatliebe habe ich Angst; Angst dass ausgerechnet jene den Heimatbegriff vereinnahmen, welche gleichzeitig derselben Heimat die Lebensadern abgraben. Deshalb wollen wir darauf hinweisen, dass der Begriff 'Heimat' nicht verwechselt werden darf mit jener unerträglichen Bayerntümelei aus Bierdunst, Trachtenkapellen, Weißwürsten und Almabtrieb, die uns allmählich auf die Nerven geht. Und ich hoffe auch, dass die Kehrseite unserer Heimat, der sterbende Wald, die Autobahn, das Kernkraftwerk, der Großangriff auf Böden und Trinkwasser und der brutale Krieg gegen die Schöpfung bei dieser emotionalen Betrachtung nicht vergessen werden. Zur Kehrseite unserer Heimat zählen eben auch die Chemiegiganten, die Tierfabriken, die Großflughäfen, der Siedlungsbrei um die Ballungsräume, die Einkaufszentren und der Verkehrsstau, die Neuen Medien, die Samstagsarbeit, die Sonntagswerbung und die sterilen Hausgärten des deutschen Saubermanns, nach dem Motto 'Wer Moos zwischen den Gartenplatten duldet, der lässt eines Tages auch Asylanten ins Dorf!'
Diese Heimat wollen wir eben nicht. Heimat ist nicht jener Vorgarten mit einer Chemiedichte, hinter der jeder Maisacker verblasst; unsere Heimat ist der Hausgarten, in dem auch die Mönchsgrasmücke und der Igel Platz haben. Heimat, das ist die Dorflinde und das Dorfwirtshaus, das ist unser eigenes Trinkwasser, die efeuumrankte Friedhofsmauer und der Duft vom Hollerbusch. Heimat, das ist kein geographischer, sondern ein religiöser Zustand. Und deshalb ist es unredlich, mit dem Heimatgedanken auf Bierdeckeln, auf Käsepackungen und auf Parteikundgebungen zu werben, aber die Basis dessen zu verhunzen, was den Begriff Heimat erst mit Inhalt erfüllt. Wir wollen, dass der Kuckuck, der da aus dem Wald ruft und das Männlein, das da im Walde steht, nicht mehr nur in Kinderliedern existieren. Wir wollen, dass die Linde vor dem Tore nicht nur im Volkslied vorkommt und die Brunnen vor dem Tore nicht nitratverseucht sind und das Tor selbst nicht vom Steinfraß zerfressen wird. Wir wollen nicht von den Quellen schwärmen, sondern aus den Quellen trinken; wir wollen die Blumen, die Vögel und die Schmetterlinge nicht in immer aufwendigeren Bildbänden, sondern ganz persönlich kennenlernen, und wir wollen Lüfte einatmen und Früchte genießen, die uns nicht krank machen. Darum stellen wir uns auch vor Bäume und Bäche, vor unsere Wälder und unsere Landschaften, weil von ihnen letztlich unsere Kultur herrührt. Deshalb beinhaltet 'Heimat' aber auch eine immerwährende Verteidigung; nicht mit Waffen, sondern mit dem Herzen. Und es besteht die Pflicht zum Widerstand gegen jegliche Heimatverhunzung, damit wir nicht zu den Heimatvertriebenen unserer Tage werden.
Die im Dritten Reich hingerichtete Biologiestudentin Sophie Scholl schrieb in ihrem Tagebuch über einen Apfelbaum: "Ich drücke mein Gesicht an seine dunkle, warme Rinde und spüre Heimat - und bin so unsäglich dankbar in diesem Augenblick."
Wenn wir über Heimat reden, müssen wir auch darüber nachdenken, was Wohlstand und Reichtum eigentlich bedeuten. Reich sind wir an dreißigtausend Megawatt Atomstrom, an Raketen und Panzern; aber arm sind wir bei knapp dreißig Weißstorchpaaren, die derzeit noch bei uns brüten; zur Zeit unserer Großeltern waren es noch dreitausend! Sechzig Millionen Deutsche haben sich die Natur aufgeteilt. Den Platz für den Parkplatz und den Golfplatz haben sie dabei berücksichtigt. Aber den Spielplatz für unsere Seele haben sie vergessen. Für Schwester Linde, für den kleinen Bruder Biber und für das Sonnenröschen haben sie keinen Platz. Wir haben zwar den Mond erobert, aber stehen wie hilflose Kinder vor den sterbenden Wäldern, hinter denen er aufgeht. Nicht nach den Raketen, sondern nach den Wäldern wird uns aber die nächste Generation fragen. Weil Heimat eben etwas ganz anderes ist!
Heimat, das ist die Lust, die Veilchen zu riechen und den warmen Regen zu spüren. Heimat, das ist die Lust, Gänseblümchen zu pflücken. Heimat, das ist die Lust, zwischen Teichrosen zu schwimmen und mit Libellen zu träumen. Heimat, das ist die Lust, in angstfreie Augen von Menschen und auf eine weise, sanfte Obrigkeit schauen zu können. Die Lust nach Freiheit von Gift und Strahlen. Die Lust nach Liebe. Nach einem gewaltlosen Tod. Nach Heimat.