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  Ähnliche Grenzüberschreitungen
sensibler Psyche erlebt man wieder bei Arnulf
Rainer und Karl Schleinkofer.
Auch der Österreicher Manfred
Hebenstreit hat zur umgebenden Natur - wobei das nicht immer
der Wald sein muss - eine tiefe unmittelbare Beziehung.
 Die in der ersten Hälfte
des 20.Jahrhunderts noch lebendige Volkskunst und die Mythen
des Waldes, in Erzählungen und Märchen weitergegeben,
lieferten intensive Anregungen für Maler wie Hermann
Erbe-Vogel, oder Bob Biendl.
Geschichten von Hexen und Druden werden überliefert, die
Wilde Jagd und die Rauhnächte finden noch heute statt. Gretel Eisch und Hermann Erbe-Vogel
haben sie in Frauenau wieder aufleben lassen.
Nach dem Krieg gründete sich die
Gruppe S.P.U.R , die zwar in München ihr Unwesen
trieb, aber ihre Wurzeln letztlich in den bayerischen Wäldern
hatte. Heimrad Prem, Helmut Sturm und Erwin
Eisch, der als Gründungsmitglied dabei war, kommen aus
Roding, Furth und Frauenau, Lothar Fischer ist in Neumarkt
in der Oberpfalz aufgewachsen. Sie alle haben den Wald als anarchisches
Element im Gemüt und machten in der bayerischen Metropole
erst mal Schluss mit der Gemütlichkeit. Was sie dort in
der Schwabinger Szene aufmischten, genügte, um sie zu Haus
zu lange Zeit unerwünschten Enfant terribles zu machen.
Inzwischen schmückt sich die Provinz mit ihren berühmten
Söhnen, in Cham wurde das S.P.U.R-Museum ins Leben
gerufen und nicht zuletzt die künstlerische Leistung Erwin
Eischs hat den kleinen Glasmacherort Frauenau international bekannt
gemacht. Die ebenfalls von Eisch initiierte Studio-Glas-Bewegung
und die regelmäßig statt findenden Glas-Symposien
haben den Ort nach außen geöffnet und prägen
ihn auf ganz besondere Weise.
   Der
in Regensburg lebende Maler Rupert
D.Preißl ist noch dem alten Alfred Kubin begegnet und
hatte Kontakt mit Reinhold Koeppel und Kurt
von Unruh. Kurt von Unruh, Willi
Ulfig und Otto Baumann
bildeten ein Dreigestirn, das den Vorwald ins Visier nahm. Gerade
Rupert D. Preißl hat auch nach der Grenzöffnung als
einer der ersten die Kontakte zu Böhmen geknüpft und
auch dort Seelenverwandtschaften gesucht. Viele Bilder sind Zeugen
dieser Begegnungen, die in den ersten Jahren nach der Öffnung
der Grenzen besonders wichtig waren.
Es scheint so, dass der Wald und die kreativen Geister sich anziehen.
Irgendwie steckt der Wald in allen, die mit ihm zu tun haben,
selbst wenn sie ihn verlassen haben - oder sie haben mit ihm
zu tun, weil sie ihn suchen, als Ort der Inspiration, als Ort
der Meditation und der Ruhe.
Wie etwa der junge Valentin
Eisch der in der Frauenauer Galerie einen Meditationsraum
als Rückzugspunkt zur Ruhe und inneren Sammlung geschaffen
hat. Als Gegenpol zur Unruhe der Städte und in Entsprechung
zum Naturraum hat er einen Kunstraum gesetzt, der die Ruhe des
Waldes vermittelt.
Von vielen Künstlern wird Natur vor allem als eine Kraft
gesehen, die es zu ergründen, zu analysieren, zu beschreiben
gilt. Vom romantischen Bild einer Sehnsucht nach der  Natur und von der geschönten
Idylle hat sich die Sichtweise längst wieder weg bewegt.
Wie faszinierend Natur für die Künstler ist und wie
sich die Auseinandersetzung mit ihr in ihrer Arbeit niederschlägt,
kann man besonders auch an den Werken von Bildhauern sehen wie
Johannes Bludau
oder Toni Scheubeck
Und dann gibt es da noch die Sammler, Künstler,
die Altes bewahren und die Qualitäten und die Ausstrahlung
bewährter Dinge und Positionen in der Zeit verständlich
machen wollen. Der Begriff des "Spurensammlers" wird
hier bewusst vermieden, da mehr als das Sammeln von Spuren hinter
diesen Arbeiten steckt. Es ist eine Ehrfurcht vor den Dingen,
die diese Künstler treibt, und es hat auch etwas mit einer
gewissen Anverwandlung zu tun, mit der man sich diese Dinge zu
eigen macht, nicht zuletzt auch, um auf den Wert hinzuweisen,
den sie in ihnen finden und den sie auch als Wert vermitteln
wollen.
 Wenn
Walter Zacharias Installationen
baut oder alte Türen mit seinen persönlichen Zeichen
versieht, macht er sie zu Reliquien unserer Kultur. Wenn Wigg Bäuml seine Räume
einrichtet, werden sie zu Andachtsräumen. Und schließlich
wird auch etwas von dem Leben, von den nicht materiellen Werten
derer inventarisiert, in deren Besitz die Dinge einst waren.
Das alles sind Aktionen zur Bewusstmachung von Kultur. Sie weisen
auf etwas hin, machen Umstände deutlich, zeigen Verluste
auf, bewahren die Dinge, konkret oder auch im übertragenen
Sinne. Sie weisen über Grenzen hinaus, suchen unbegangene
Wege in wenig bekanntes Gelände. Durch diese Möglichkeit
der kulturellen Verständigung mit den Mitteln der Kunst
wird unser Lebensraum beschrieben und definiert, und in dieser
Definition von Kultur wird Natur bewusst gemacht. Natur ist notwendiger
Raum für die freie Entwicklung freier Menschen und wirkt
als notwendiger Katalysator. Und Natur bleibt nur das freie Natur,
wo sie unangegriffen vom Menschen bestehen bleiben darf. Das
zu akzeptieren, ist ein Stück Freiheit im Denken.
Für die meisten Künstler, gleich ob sie im Wald Zuflucht
gesucht haben oder ob sie sich nur manchmal zu ihm hin flüchten
gilt wohl das, was Heinz Theuerjahr über sein Leben in Waldhäuser
gesagt hat:
Über Waldhäuser
"Waldhäuser, das ist für mich: die stille Zeit
der Arbeit im Atelier, der weite Blick über die schönen
Berge, der ein Gefühl von Ruhe und Freiheit vermittelt.
Das ist das Geborgensein im Kreis der Familie und der Freunde
- das sind die lauten Feste -. Das sind die weiten Wege durch
den alten, stillen Wald mit den Gedanken bei der morgigen Arbeit
- die Begegnung mit Menschen, die das sagen, was sie denken und
die sich zu den Dingen, die sie sagen, eigene Gedanken gemacht
haben. Das ist glitzernder Schnee ohne Spur und heulender Sturm,
der die Bäume bricht. Geschütztes Land, dem Zugriff
der Zivilisation entzogen, mit Tieren, die in diese Landschaft
gehören und nicht fremde in ihr sind.- Das ist Ruhe, Arbeit,
Geborgensein".
Aus: Heinz Theuerjahr, Bildhauer, Maler, Graphiker. Eine Annäherung
mit Beiträgen von Reiner Kunze, Toni Pongratz, Volker Probst
und Heinz Theuerjahr. Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 1995.
S. 52
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