Genius loci - der Wald als Ort der Inspiration
von Ines Kohl

Was mag viele Künstler wie Literaten im vorigen Jahrhundert dazu veranlasst haben, sich im Bayerischen Wald, weitab von größeren Städten niederzulassen? Von der "wilden Natur" ist die Rede, von der Waldeinsamkeit und der Abgeschiedenheit an der Grenze, von der Ruhe in der Tiefe der Wälder und der Inspiration durch den Mythos Wald, vom entbehrungsreichen Leben gemeinsam mit den "Waldlern", ein Begriff, der wohl im 19.Jahrhundert, in der Zeit der Industrialisierung, als Verkörperung der Sehnsucht nach Natur und dem einfachen Leben entstanden ist und dessen Klischee sich als heimattümelnde Bezeichnung für die Bewohner des bayerischen Waldes bis heute erhalten hat.
Egon Schiele, FreundschaftEgon Schiele, Kniender Halbakt nach links gebeugt, Schwarze Kreide und Deckfarben, Größe 29,8 x 45,7 cm, Jahr 1917Nicht alle Künstler hat es in die Tiefe der Wälder gezogen. Viele lebten und leben heute in den umgebenden Städten, doch ihre Affinität zur Natur, ihr Hang zum unabhängigeren Leben in weniger zivilisationsgestresstem Umfeld schlägt sich im Werk nieder. Was allerdings Egon Schiele 1911 aus dem umtriebigen Wien in das böhmische Städtchen Krummau getrieben hat, - abgesehen davon, dass es die Heimatstadt seiner Mutter war -, ist nicht ganz nachzuvollziehen. Er hat dem Ort ein Denkmal gesetzt in vielen bezaubernden Bildern; den Krummauer Spießbürgern aber war sein Lebensstil ein Dorn im Auge genau so wie die Tatsache, dass er für seine Aktzeichnungen häufig recht junge Mädchen Modell sitzen ließ. So sah er sich nach nur kurzer Zeit gezwungen, die Stadt wieder zu verlassen und ging zurück nach Wien.

Heinz Theuerjahr, Alter Pavian, Kohle, Pastell, Größe 39,5 x 62 cm, Jahr 1988 Heinz Theuerjahr, Liegendes Tier Es waren Sonderlinge wie Alfred Kubin oder extreme Individualisten wie Heinz Theuerjahr,die sich in den Bayerischen Wald zurückzogen, oder es handelte sich, wie bei der Donau-Wald-Gruppe um eine Zweckgemeinschaft, die nach dem Krieg aus dem Wunsch nach Zusammengehörigkeit entstand. Also waren es mehr oder weniger äußere oder innere Beweggründe, immer aber gewissermaßen Fluchten, die in die Wälder führten. Die einen fanden Möglichkeiten, sich nach Kriegsende wieder eine Existenz aufzubauen und konnten hier, wenn auch oft in recht ärmlichen Verhältnissen, leben und ihrer künstlerischen Arbeit nachgehen. Die anderen fanden, was sie mit ihrer Seele suchten, den Zauber des Waldes, seinen Mythos, seine Geheimnisse und die erhoffte Inspirationen. Von Traumlandschaften und Geheimnissen ist die Rede bei Reinhold Koeppel und Alfred Kubins Visionen nährten sich aus dem Erlebnis des Waldes und dem Mysterium einer Grenzüberschreitung, die bei ihm zwischen Tag und Traum stattfand.

Arnulf Rainer, Selbstdarstellung, Öl/Tusche/Ölkreide/Graphit auf Photographien, Größe ca. 60 x 50 cmManfred Hebenstreit, Einhalt, Malerei auf Holz, 250 x 125 cm, 1999Karl SchleinkoferÄhnliche Grenzüberschreitungen sensibler Psyche erlebt man wieder bei Arnulf Rainer und Karl Schleinkofer.
Auch der Österreicher Manfred Hebenstreit hat zur umgebenden Natur - wobei das nicht immer der Wald sein muss - eine tiefe unmittelbare Beziehung.

Hermann Erbe-Vogel, Frauenau, Öl-Tempera, Größe 50 x 96 cmBob Biendl, Mischtechnik auf LeinwandDie in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts noch lebendige Volkskunst und die Mythen des Waldes, in Erzählungen und Märchen weitergegeben, lieferten intensive Anregungen für Maler wie Hermann Erbe-Vogel, oder Bob Biendl. Geschichten von Hexen und Druden werden überliefert, die Wilde Jagd und die Rauhnächte finden noch heute statt. Gretel Eisch und Hermann Erbe-Vogel haben sie in Frauenau wieder aufleben lassen.

Gretel Eisch, PfingstenNach dem Krieg gründete sich die Gruppe S.P.U.R , die zwar in München ihr Unwesen trieb, aber ihre Wurzeln letztlich in den bayerischen Wäldern hatte. Heimrad Prem, Helmut Sturm und Erwin Eisch, der als Gründungsmitglied dabei war, kommen aus Roding, Furth und Frauenau, Lothar Fischer ist in Neumarkt in der Oberpfalz aufgewachsen. Sie alle haben den Wald als anarchisches Element im Gemüt und machten in der bayerischen Metropole erst mal Schluss mit der Gemütlichkeit. Was sie dort in der Schwabinger Szene aufmischten, genügte, um sie zu Haus zu lange Zeit unerwünschten Enfant terribles zu machen. Inzwischen schmückt sich die Provinz mit ihren berühmten Söhnen, in Cham wurde das S.P.U.R-Museum ins Leben gerufen und nicht zuletzt die künstlerische Leistung Erwin Eischs hat den kleinen Glasmacherort Frauenau international bekannt gemacht. Die ebenfalls von Eisch initiierte Studio-Glas-Bewegung und die regelmäßig statt findenden Glas-Symposien haben den Ort nach außen geöffnet und prägen ihn auf ganz besondere Weise.

Rupert D.Preißl, Sinnenfrohes Böhmen, Öl auf Papier, 100 x 80 cm, (9 Einzelblätter), 1994Kurt von Unruh, Waldinneres, Aquarell, Größe 48,6 x 62,2 cm, Jahr 1962Willi Ulfig, Flusslandschaft, Aquarell, Größe 48,1 x 65,7 cm, Jahr 1970Otto Baumann, Wintermondnacht, Holzschnitt, blau gedruckt, Größe 33 x 48,7 cm, Jahr 1937Der in Regensburg lebende Maler Rupert D.Preißl ist noch dem alten Alfred Kubin begegnet und hatte Kontakt mit Reinhold Koeppel und Kurt von Unruh. Kurt von Unruh, Willi Ulfig und Otto Baumann bildeten ein Dreigestirn, das den Vorwald ins Visier nahm. Gerade Rupert D. Preißl hat auch nach der Grenzöffnung als einer der ersten die Kontakte zu Böhmen geknüpft und auch dort Seelenverwandtschaften gesucht. Viele Bilder sind Zeugen dieser Begegnungen, die in den ersten Jahren nach der Öffnung der Grenzen besonders wichtig waren.
Es scheint so, dass der Wald und die kreativen Geister sich anziehen. Irgendwie steckt der Wald in allen, die mit ihm zu tun haben, selbst wenn sie ihn verlassen haben - oder sie haben mit ihm zu tun, weil sie ihn suchen, als Ort der Inspiration, als Ort der Meditation und der Ruhe.

Valentin EischWie etwa der junge Valentin Eisch der in der Frauenauer Galerie einen Meditationsraum als Rückzugspunkt zur Ruhe und inneren Sammlung geschaffen hat. Als Gegenpol zur Unruhe der Städte und in Entsprechung zum Naturraum hat er einen Kunstraum gesetzt, der die Ruhe des Waldes vermittelt.
Von vielen Künstlern wird Natur vor allem als eine Kraft gesehen, die es zu ergründen, zu analysieren, zu beschreiben gilt. Vom romantischen Bild einer Sehnsucht nach der Johannes Bludau, 3 Pappeln, je ca. 45 cm im Durchmesser, Bildhauersymposium Arnbruck, Grenzgänger 9, 1999>oder Toni Scheubeck</a><a href=Toni Scheubeck, Hohler Birnbaum, 1997Natur und von der geschönten Idylle hat sich die Sichtweise längst wieder weg bewegt. Wie faszinierend Natur für die Künstler ist und wie sich die Auseinandersetzung mit ihr in ihrer Arbeit niederschlägt, kann man besonders auch an den Werken von Bildhauern sehen wie Johannes Bludau oder Toni Scheubeck


Und dann gibt es da noch die Sammler, Künstler, die Altes bewahren und die Qualitäten und die Ausstrahlung bewährter Dinge und Positionen in der Zeit verständlich machen wollen. Der Begriff des "Spurensammlers" wird hier bewusst vermieden, da mehr als das Sammeln von Spuren hinter diesen Arbeiten steckt. Es ist eine Ehrfurcht vor den Dingen, die diese Künstler treibt, und es hat auch etwas mit einer gewissen Anverwandlung zu tun, mit der man sich diese Dinge zu eigen macht, nicht zuletzt auch, um auf den Wert hinzuweisen, den sie in ihnen finden und den sie auch als Wert vermitteln wollen.
Walter Zacharias, Tür, Fundstücke, Holz, Metall, bemalt, 165 x 88 cm, 1990Wigg Bäuml, Aus dem Arbeitszyklus Wenn Walter Zacharias Installationen baut oder alte Türen mit seinen persönlichen Zeichen versieht, macht er sie zu Reliquien unserer Kultur. Wenn Wigg Bäuml seine Räume einrichtet, werden sie zu Andachtsräumen. Und schließlich wird auch etwas von dem Leben, von den nicht materiellen Werten derer inventarisiert, in deren Besitz die Dinge einst waren.
Das alles sind Aktionen zur Bewusstmachung von Kultur. Sie weisen auf etwas hin, machen Umstände deutlich, zeigen Verluste auf, bewahren die Dinge, konkret oder auch im übertragenen Sinne. Sie weisen über Grenzen hinaus, suchen unbegangene Wege in wenig bekanntes Gelände. Durch diese Möglichkeit der kulturellen Verständigung mit den Mitteln der Kunst wird unser Lebensraum beschrieben und definiert, und in dieser Definition von Kultur wird Natur bewusst gemacht. Natur ist notwendiger Raum für die freie Entwicklung freier Menschen und wirkt als notwendiger Katalysator. Und Natur bleibt nur das freie Natur, wo sie unangegriffen vom Menschen bestehen bleiben darf. Das zu akzeptieren, ist ein Stück Freiheit im Denken.

Für die meisten Künstler, gleich ob sie im Wald Zuflucht gesucht haben oder ob sie sich nur manchmal zu ihm hin flüchten gilt wohl das, was Heinz Theuerjahr über sein Leben in Waldhäuser gesagt hat:

Über Waldhäuser
"Waldhäuser, das ist für mich: die stille Zeit der Arbeit im Atelier, der weite Blick über die schönen Berge, der ein Gefühl von Ruhe und Freiheit vermittelt. Das ist das Geborgensein im Kreis der Familie und der Freunde - das sind die lauten Feste -. Das sind die weiten Wege durch den alten, stillen Wald mit den Gedanken bei der morgigen Arbeit - die Begegnung mit Menschen, die das sagen, was sie denken und die sich zu den Dingen, die sie sagen, eigene Gedanken gemacht haben. Das ist glitzernder Schnee ohne Spur und heulender Sturm, der die Bäume bricht. Geschütztes Land, dem Zugriff der Zivilisation entzogen, mit Tieren, die in diese Landschaft gehören und nicht fremde in ihr sind.- Das ist Ruhe, Arbeit, Geborgensein".
Aus: Heinz Theuerjahr, Bildhauer, Maler, Graphiker. Eine Annäherung mit Beiträgen von Reiner Kunze, Toni Pongratz, Volker Probst und Heinz Theuerjahr. Edition Toni Pongratz, Hauzenberg 1995. S. 52