Der wilde Wald braucht Größe, Ruhe und Freunde
Als 1995 die Diskussion über den Nationalpark im Bayerischen
Wald beginnt, grundsätzlich, vehement
und emotional, ist der Park schon 25 Jahre alt. Weitgehend unbemerkt
von der lokalen Öffentlichkeit wuchs das Großschutzgebiet
in seine Dimension, in die eines Wildnisgebietes, in einem von
Nutzung und Pflege weitgehend befreiten Wald. Die seither anhaltende
Diskussion reibt sich überwiegend an den dramatischen Veränderungen
des Bergfichtenwaldes. Er stirbt flächig ab, ihm wird nicht
geholfen, aber ein neuer, junger, anderer Wald wächst langsam
wieder heran, für die meisten zu langsam.
 
Der Konflikt muß angenommen, die Diskussion geführt
werden, diese Präsentation soll Material dafür in unterhaltsamer,
informativer und wissenschaftlicher Weise zur Verfügung
stellen.
Wir wollen den Nationalpark und seine Philosophie ebenso vorzustellen,
wie die Vorbehalte gegen ihn.
Wer Nationalparke und Naturschutz gründlich diskutiert,
stößt zwangsläufig auf die Theorie der "Wildnis".
Sie ist der Schlüssel für das Verständnis von
Naturschutz. Für Nationalparke bedeutet es die Rücknahme
menschlicher Einflüße und die Respektierung der natürlichen
Entwicklung mit all ihren Erscheinungsformen, die wir nicht selten
als Katastrophen einstufen.
 Wildnis
ist auch das Hinterfragen der gewohnten Bilder, Rituale und Grenzen.
In diesem Verständnis hat sie neben der ökologischen
auch eine ethische Bedeutung. Sie ist Bewegung und Zweifel und
fordert damit tradierte Werte und Ordnungen, das was landläufig
auch unter Heimat verstanden wird, heraus.
Wald speziell, Landschaft allgemein, ist seit jeher auch Thema
von Künstlern. Wir dokumentieren eine große Kunst-Aktion,
wir zeigen den Nationalpark als Förderer von Kultur und
wir stellen Künstler der Region und ihre Arbeiten zum Thema
Wald vor.
Durch die Verlinkung mit einer Fülle von Aspekten in
Ostbayern, im umava und im Mühlviertel versteht sich
diese Präsentation auch als Teil einer Vernetzung, die nicht
nur virtuell geschehen möge. Mit der Beschäftigung
mit dem Nachbarn entsteht das erste Aufeinanderzugehen, entsteht
Vertrauen.
Im
Zentrum der Präsentation steht der Nationalpark mit seinen
einzelnen Bereichen, seiner Geschichte, seinen Einrichtungen
und mit seinen Schönheiten und Besonderheiten. Ebenso werden
seine Aufgaben vorgestellt: Naturschutz, Forschung, Erholung,
Regionalentwicklung und Umweltbildung. Dies wird verstärkt
durch zwei neue Projekte, das "Wildniscamp am Falkenstein"
und das "Haus der Wildnis", beide im Zwieseler Winkel.
Die Akzeptanz eines Nationalpark muß langfristig über
die Tolerierung hinausreichen, sie soll Verständnis und
Begeisterung werden und der Park ein Teil der regionalen Identität
und Normalität.
Eine Voraussetzung ist ein gestaltender, ökologischer ausgerichteter,
vorausschauender, großräumiger Heimatbegriff anstelle
des reflektierenden, kleinräumigen. "Wildnis"
kann helfen, diese neue Sichtweise mitzuentwickeln. Sie kann
zur Besinnung beitragen, zum Akzeptieren von Vergänglichkeit
und Veränderung und zum Erkennen von Vitalität und
Vielfalt, die durch das Loslassen entsteht, sie lehrt uns Ruhe
und Gelassenheit, Staunen und Einfachheit. Auch deshalb ist ein
Nationalpark so wertvoll.
 Die
planmäßige Besiedlung des Bayerischen Waldes beginnt
vor über 1000 Jahren, sie ist zuerst die Sicherung der ersten
Handelswege und der Grenze nach Osten. Es folgen die verschiedenen
Epochen der Klöster, der Glashütten, der Holzwirtschaft,
seit der Jahrhundertwende die der Industrie, seit den 60er Jahren
des Tourismus. Es entstanden Traditionen, typische Sprach-, Denk-
und Lebensformen, eine spezielle Architektur und Musik, eigene
Geschichten und Mythen und ein ganz spezifisches Verhältnis
zur Natur, zum Wald, der vor allem eines war und ist: Rohstoff
für eine Vielzahl von Nutzungen. Wald ist auch seine Verherrlichung
in Büchern, Liedern, Bildern, Erzählungen und Meinungen.
Dieser Tradition der Nutzung und Verklärung von Wald fühlen
sich die meisten Einheimischen zutiefst verpflichtet. Dieses
Festhalten alter Werte und Symbole, stellt sich weitgehend als
Hülle, als Klischee dar, weil sie oft längst verlorengegangen
sind. Heimat entbehrt so häufig nicht der Lächerlichkeit
oder der Orientierungslosigkeit.
Das Festhalten an diesen alten Bildern und Sichtweisen, der alten
Heimat, ist der Kern des Konfliktes um den Sinn des Nationalparks.
Erst durch die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung,
durch ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts und durch
Zugeständnisse an die Kritiker konnte der Park in der bestehenden
Form gesichert werden.
 
 
Der Nationalpark wird weiterhin Problemen ausgesetzt sein,
besonders den erheblichen Erwartungen der Freizeit-Industrie
und der Unvorhersagbarkeit seiner natürlichen Entwicklung.
Ein großer, binationaler Nationalpark und sein wildwerdender
Wald ist ein weit in die Zukunft reichendes Zeichen. Es gilt,
ihn zu wollen und als Teil der Heimat und als Teil Europas zu
verstehen.

Wir danken den vielen Förderern für ihre Unterstützung,
den öffentlichen und den privaten, auch jenen, die sich
noch beteiligen werden und vor allem den vielen Autoren, Künstlern,
Journalisten, Programmierern, Naturschützern und anderen
Kulturschaffenden, die häufig unentgeltlich und immer mit
großem Entgegenkommen mitgearbeitet oder Beiträge
zur Verfügung gestellt haben.
Herbert Pöhnl und Ludwig Rahm
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