In den Nationalparkwäldern

Der wilde Wald braucht Größe, Ruhe und Freunde

Als 1995 die Diskussion über den Nationalpark im Bayerischen Wald beginnt, grundsätzlich, In den Nationalparkwäldernvehement und emotional, ist der Park schon 25 Jahre alt. Weitgehend unbemerkt von der lokalen Öffentlichkeit wuchs das Großschutzgebiet in seine Dimension, in die eines Wildnisgebietes, in einem von Nutzung und Pflege weitgehend befreiten Wald. Die seither anhaltende Diskussion reibt sich überwiegend an den dramatischen Veränderungen des Bergfichtenwaldes. Er stirbt flächig ab, ihm wird nicht geholfen, aber ein neuer, junger, anderer Wald wächst langsam wieder heran, für die meisten zu langsam.

Nationalpark-Freunde in St.Oswald, 1997Nationalpark-Gegner in St.Oswald, 1997
Der Konflikt muß angenommen, die Diskussion geführt werden, diese Präsentation soll Material dafür in unterhaltsamer, informativer und wissenschaftlicher Weise zur Verfügung stellen.
Wir wollen den Nationalpark und seine Philosophie ebenso vorzustellen, wie die Vorbehalte gegen ihn.

Wer Nationalparke und Naturschutz gründlich diskutiert, stößt zwangsläufig auf die Theorie der "Wildnis". Sie ist der Schlüssel für das Verständnis von Naturschutz. Für Nationalparke bedeutet es die Rücknahme menschlicher Einflüße und die Respektierung der natürlichen Entwicklung mit all ihren Erscheinungsformen, die wir nicht selten als Katastrophen einstufen.

Gretl EischImpression aus Ceský CrumlovWildnis ist auch das Hinterfragen der gewohnten Bilder, Rituale und Grenzen. In diesem Verständnis hat sie neben der ökologischen auch eine ethische Bedeutung. Sie ist Bewegung und Zweifel und fordert damit tradierte Werte und Ordnungen, das was landläufig auch unter Heimat verstanden wird, heraus.

Wald speziell, Landschaft allgemein, ist seit jeher auch Thema von Künstlern. Wir dokumentieren eine große Kunst-Aktion, wir zeigen den Nationalpark als Förderer von Kultur und wir stellen Künstler der Region und ihre Arbeiten zum Thema Wald vor.

Durch die Verlinkung mit einer Fülle von Aspekten in Ostbayern, im Šumava und im Mühlviertel versteht sich diese Präsentation auch als Teil einer Vernetzung, die nicht nur virtuell geschehen möge. Mit der Beschäftigung mit dem Nachbarn entsteht das erste Aufeinanderzugehen, entsteht Vertrauen.

Spatenstich für das "WildnisCamp am Falkenstein" mit Landwirtschaftsminister J. MillerIm Zentrum der Präsentation steht der Nationalpark mit seinen einzelnen Bereichen, seiner Geschichte, seinen Einrichtungen und mit seinen Schönheiten und Besonderheiten. Ebenso werden seine Aufgaben vorgestellt: Naturschutz, Forschung, Erholung, Regionalentwicklung und Umweltbildung. Dies wird verstärkt durch zwei neue Projekte, das "Wildniscamp am Falkenstein" und das "Haus der Wildnis", beide im Zwieseler Winkel.
Die Akzeptanz eines Nationalpark muß langfristig über die Tolerierung hinausreichen, sie soll Verständnis und Begeisterung werden und der Park ein Teil der regionalen Identität und Normalität.
Eine Voraussetzung ist ein gestaltender, ökologischer ausgerichteter, vorausschauender, großräumiger Heimatbegriff anstelle des reflektierenden, kleinräumigen. "Wildnis" kann helfen, diese neue Sichtweise mitzuentwickeln. Sie kann zur Besinnung beitragen, zum Akzeptieren von Vergänglichkeit und Veränderung und zum Erkennen von Vitalität und Vielfalt, die durch das Loslassen entsteht, sie lehrt uns Ruhe und Gelassenheit, Staunen und Einfachheit. Auch deshalb ist ein Nationalpark so wertvoll.

Trift auf der Buchberger LeiteHeimat - Die IdylleDie planmäßige Besiedlung des Bayerischen Waldes beginnt vor über 1000 Jahren, sie ist zuerst die Sicherung der ersten Handelswege und der Grenze nach Osten. Es folgen die verschiedenen Epochen der Klöster, der Glashütten, der Holzwirtschaft, seit der Jahrhundertwende die der Industrie, seit den 60er Jahren des Tourismus. Es entstanden Traditionen, typische Sprach-, Denk- und Lebensformen, eine spezielle Architektur und Musik, eigene Geschichten und Mythen und ein ganz spezifisches Verhältnis zur Natur, zum Wald, der vor allem eines war und ist: Rohstoff für eine Vielzahl von Nutzungen. Wald ist auch seine Verherrlichung in Büchern, Liedern, Bildern, Erzählungen und Meinungen. Dieser Tradition der Nutzung und Verklärung von Wald fühlen sich die meisten Einheimischen zutiefst verpflichtet. Dieses Festhalten alter Werte und Symbole, stellt sich weitgehend als Hülle, als Klischee dar, weil sie oft längst verlorengegangen sind. Heimat entbehrt so häufig nicht der Lächerlichkeit oder der Orientierungslosigkeit.

Das Festhalten an diesen alten Bildern und Sichtweisen, der alten Heimat, ist der Kern des Konfliktes um den Sinn des Nationalparks. Erst durch die Entscheidung der Bayerischen Staatsregierung, durch ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichts und durch Zugeständnisse an die Kritiker konnte der Park in der bestehenden Form gesichert werden.Die 'betroffenen' Landräte Urban und Wölfl (Pressegespräch)
Bundespräsident Herzog in Finsterau 1995 plädiert für die Nationalpark-IdeePressegespräch 1995 in Regen mit Ministerpräsident Stoiber

In Finsterau 1995, v.l.: Dr. H. Bibelriether, Ministerpräsident Stoiber, Landwirtschaftsminister BockletObjekt von Erwin Eisch

Der Nationalpark wird weiterhin Problemen ausgesetzt sein, besonders den erheblichen Erwartungen der Freizeit-Industrie und der Unvorhersagbarkeit seiner natürlichen Entwicklung.

Ein großer, binationaler Nationalpark und sein wildwerdender Wald ist ein weit in die Zukunft reichendes Zeichen. Es gilt, ihn zu wollen und als Teil der Heimat und als Teil Europas zu verstehen.

Die Herausgeber v.l: H.Pöhnl, L.Rahm




Wir danken den vielen Förderern für ihre Unterstützung, den öffentlichen und den privaten, auch jenen, die sich noch beteiligen werden und vor allem den vielen Autoren, Künstlern, Journalisten, Programmierern, Naturschützern und anderen Kulturschaffenden, die häufig unentgeltlich und immer mit großem Entgegenkommen mitgearbeitet oder Beiträge zur Verfügung gestellt haben.

Herbert Pöhnl und Ludwig Rahm