Chronik und Inventur des Nationalparks Bayerischer Wald

Der Nationalpark Bayerischer Wald ist 24.250 Hektar groß. Er erstreckt sich entlang der Staatsgrenze zur Tschechischen Republik von Bayerisch Eisenstein bis Mauth auf einer Länge von etwa 40 Kilometern. Er liegt im größten Waldgebirge Mitteleuropas, dem Bayerischen Wald/Böhmerwald ("Böhmische Masse", Moldanubikum) aus überwiegend sehr alten kristallinen Schiefern (Gneisen) und Tiefengesteinen (Granite). Diese verwittern zu meist sauren Braunerden. Seine heutige gerundete Form erhielt der Bayerisch Böhmische Wald durch die Einflüsse der Eiszeit. Er umfaßt die Berge Lusen, Rachel und Falkenstein.

1911 Erste Forderungen nach einem großräumigen Naturschutzreservat im Bayerischen Wald
1938 Beschluß der Reichsstelle für Naturschutz, im "Böhmerwald" einen Nationalpark vom Ossergebiet bis zum Dreisesselgebiet einzurichten, die Vorbereitungen werden wegen des Krieges eingestellt
1966 Naturschützer und Kommunalpolitiker greifen die Nationalparkidee wieder auf
1969 Der Bayerische Landtag beschließt einstimmig die Einrichtung eines "Nationalparks Bayerischer Wald". Mit der Verwirklichung wird das Bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten betraut (unter Staatsminister Dr. Hans Eisenmann)
1970 Eröffnung des Nationalparks am 07.10.70
Beschluß, ein Informationszentrum und ein Jugendwaldheim zu gründen
1973 Das Bayerische Naturschutzgesetz tritt in Kraft und beschreibt erstmals in Deutschland die Ziele und Aufgaben eines Nationalparks
Eröffnung des waldgeschichtlichen Waldergebietes nördlich von Finsterau
1974 Fertigstellung des Wanderwegenetzes
Einweihung Jugendwaldheim
1975 Umzug von Nationalparkamt und Nationalpark-Forstamt als Nationalparkverwaltung nach Grafenau
1978 Grundsteinlegung für das Nationalpark-Infozentrum bei Neuschönau
Einweihung Waldspielgelände bei Spiegelau
Erstes internationales wissenschaftliches Seminar im Nationalpark
1979 Richtfest für das Nationalparkhaus
Fertigstellung des Tierfreigeländes
1981 Anerkennung durch die UNESCO als internationales Biosphärenreservat
1982 Eröffnung des Nationalparkhauses
und des Pflanzen und Geologischen Freigeländes bei Neuschönau
1986 Verleihung des Europa-Diploms der Kategorie A an den Park
1988 Umbenennung des Nationalparkhauses in Hans-Eisenmann-Haus nach dem Tod des Staatsministers
1989 Gründung des Zweckverbandes der Vorfeldgemeinden
1991 Erneuerung des Europa-Diploms der Kategorie A
1992 Die Verordnung des Nationalparks Bayerischer Wald tritt in Kraft
Der zweimillionste Besucher wird im Hans-Eisenmann-Haus begrüßt
1996 Erneuerung des Europa-Diploms der Kategorie A
1997 Erweiterung des Nationalparks um Flächen des Forstamtes Zwiesel, Regen, Privatwald von Poschinger und von Wolffersdorf
31 Mio DM werden für Infrastruktur-Einrichtungen zur Verfügung gestellt
Novelle der Verordnung über den Nationalpark Bayerischer Wald
Gründung des Kommunalen Nationalpark-Ausschusses
Erweiterung des Fachbeirates um Pro- und KontraNationalparkGruppen
1999 Im Erweiterungsgebiet werden der Wanderpark und eine Reihe von Wander- und Radwegen fertiggestellt
Ein Memorandum regelt die Zusammenarbeit der Nationalparke Bayerischer Wald und Šumava
Hans Biebelriether und Karl Friedrich Sinner
Das herausragende Ereignis des Jahres 1998 war das Inkrafttreten der neuen Nationalparkordnung und mit ihr die Erweiterung des Parks um 12500 Hektar bis Bayerisch Eisenstein (Falkenstein); und der Wechsel an der Spitze der Verwaltung des Nationalparks Bayerischer Wald. Dr. Hans Bibelriether übergibt die Leitung an Karl Friedrich Sinner.

Inventur

1972 wurde der Nationalpark Bayerischer Wald von der International Union for Conservation of Nation and Natural Ressources (IUCN) wegen seiner klaren Zielsetzung international anerkannt (75 % grundsätzlich geschützt, Rest dem weitgehend untergeordnet).

Bedingt durch seine für Mittelgebirge großen Höhenunterschiede von 600 bis 1453 m NN mit hohen Jahresniederschlägen zwischen 1.000 und 2.000 mm und seiner Lage im Übergangsbereich zum kontinentalen Klima mit rauher und schneereicher Witterung, haben sich seit dem Ende der letzten Eiszeit vor ca. 8.000 Jahren drei unterschiedliche Waldformationen ausgebildet.

Im Berfichtenwald oberhalb 1.200 NN konnte sich die kälteresistente Fichte und auf freien Flächen die Vogelbeere durchsetzen. Den langen (bis sieben Monate) und schneereichen (bis drei Meter Schneehöhe) Wintern sowie häufigen Stürmen hat sich die Fichte angepaßt und schmalkronige Formen mit elastischen, enganliegenden Ästen entwickelt (Säulenfichten).

Die größte Fläche nimmt der Bergmischwald ein, Buchen Tannen und Fichten, Berg- und Spitzahorn und auf wenigen Standorten Ulmen, Eschen und Linden prägen sein Bild.

Die weiten Verebnungen in den Tälern tragen auf nassen Böden den Aufichtenwald. In klaren und windstillen Nächten bilden sich dort Kaltluftseen mit Extremtemperaturen bis minus vierzig Grad im Winter und Frösten auch im Sommer. Wärmeliebende Baumarten unterliegen unter diesen Bedingungen den kälteresistenten Fichten.

Sonderstandorte
Moore in den Verebnungen der kühlen Kamm- und Tallagen, zum teil großflächig mit bis zu fünf Meter Torschichten, sie tragen in den Randbereichen Fichten, Birken und Latschen.

Blockhalden: offene Gesteinsflächen (z.B. Lusengipfel), bewachsen mit Latschen (Bergkiefer) und Zwergstrauchheiden.

Schachten gelten als Besonderheit. Diese ehemaligen Waldweiden werden wegen ihrer kulturellen Bedeutung auch im Nationalpark erhalten und gepflegt.

Das rauhe Klima und der geschlossene Wald lassen keinen Reichtum an Tieren zu. Charakteristisch, wenn auch selten, sind die Rauhfußhühner (Auerhuhn und Haselhuhn), der eulenarten Rauhfußkauz und Sperlingskauz, der Dreizehenspecht und der Weißrückenspecht, die Wasseramsel, Hohltaube und gelegentlich Eisvogel und Schwarzstorch. Dank gelungener Wiedereinbürgerung zählen auch Uhu, Habichtskauz und Kolkrabe zu den im Park heimischen (rund 50) Vogelarten. Von den Säugetieren sind Hirsch, Reh, Fuchs, Dachs, Marder und Wildschein und (seltener) Fischotter und Luchs zu nennen.

Die Fläche des Nationalparks befindet sich fast ausschließlich (zu 99 %) in Staatsbesitz. Wirtschaftliche Interessenskonflikte konnten somit bei der Gründung (1969) und bei der Erweiterung (1997) vermieden werden.

Begünstigt durch die sehr warmen Sommer und schneearmen Winter der letzten Jahre (Trockenheit) und den Langzeit-Folgen der Frühjahrsstürme 1990 werden die (geschwächten) Altfichten ein Opfer des Borkenkäfers (Buchdrucker). Im Bereich Lusen/Rachel betragen die Totholzflächen 2.148 Hektar (Sommer 98). Auf rund 94 % der Inventurpunkte beträgt die natürliche Verjüngung mehr als 20 cm Höhe (pro Hektar etwa 1.200 Planzen).

Der Nationalpark hat eine für Mittelleuropa charakteristische, weitgehend bewaldete Mittelgebirgslandschaft mit ihren heimischen Tier- und Pflanzengesellschaften, insbesondere ihre natürlichen und naturnahen Waldökosysteme, zu erhalten sowie das Wirken der natürlichen Umweltkräfte und ungestörte Dynamik der Lebensgemeinschaften zu gewährleisten. Der Park hat drei Aufgaben:

Naturschutz: Die Wälder im Park werden ganzheitlich geschützt, es werden im Sinne einer ungestörten Dynamik die einzelnen Tier- und Pflanzengesellschaften gleichrangig angesehen und ein umfassender Prozessschutz gewährleistet (im Erweiterungsbereich Falkenstein wird dieses Prinzip ab 2017 angewandt). Ausser im etwa 500 breiten Randstreifen an den Park-Aussengrenzen (Schutz der Privatwälder) findet (im Alt-Park) keine Holznutzung mehr statt, die Jagd wurde bereits 1970 eingestellt, Rot- und Rehwild werden lediglich reguliert (VerbissProblem).

Vierzig Prozent der Nationalparkfläche sind Kerngebiet mit eingeschränkter Betretungsmöglichkeit, sie dient dem Schutz besonders empfindlicher Bereiche. Das Betreten der Kerngebiete ist auf den markierten Wanderwegen ganzjährig möglich, auf allen anderen Wegen und Steigen vom 01.07. bis 15.11. eines Jahres.

Die etwa dreißig Mitarbeiter der Nationalparkwacht sorgen für die Einhaltung der Regeln, für Information und Hilfe.

Mehr als 500 abgeschlossene Projekte kennzeichnen die Forschung im Park. Sie umfassen die gesamte Struktur der hier vorkommenden Lebensgemeinschaften und Dauerbeobachtungen.

Der Umwelterziehung (Bildung) erhält zunehmend Bedeutung. Allein 2.000 (kostenlose) Führungen pro Jahr erreichen 35.000 Besucher. Zusätzlich speziell auf Kinder und Jugendliche zugeschnittene Führungen, Veranstaltungen und Einrichtungen ergänzen und kennzeichnen das Bemühen, den Zugang zur Natur zu ermöglichen.

Der Nationalpark dient auch der Erholung, der regionalen Strukturverbesserung (Tourismus). Duch den Park werden rund 70 Mio Umsatz und mehrere Hundert Arbeitsplätze begründet. Der Park selbst stellt über 200 Arbeitsplätze zur Verfügung. Er untersteht dem Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, der jährliche Etat beträgt 20 Mio DM (ohne Investitionen).

 

Information:
Hans-Eisenmann-Haus, Böhmstraße 35, 94556 Neuschönau, Tel.: 08558-96150
Informationsstelle Ludwigsthal, Eisensteiner Str. 1, 94227 Zwiesel, Tel.: 09922-869236


Nationalparkverwaltung Grafenau