Der Nationalpark als Kulturamt
Kultur ist im weiteren Sinne die Summe aller Lebensäußerungen
von uns Menschen. Im Bereich der Landeskultur ist der Mensch mehr
oder weniger vernünftig aktiv in der Gestaltung und Nutzung
seiner Umwelt: Infrastruktur, Verkehr, Land und Forstwirtschaft,
usw, usw.
Im engeren Sinne ist kulturelles Handeln die emotionale Auseinandersetzung
mit Gegebenheiten in Sprache, Musik und bildender Kunst.
Der Yellowstone-Nationalpark wurde 1872 in einer von der Kultur
der Weißen noch unberührten Landschaft ausgewiesen.
In Mitteleuropa hat der Mensch seit seiner Sesshaftwerdung praktisch
jeden Quadratmeter schon xmal im Laufe der Jahrtausende in irgend
einer Form genutzt und damit verändert. Ursprüngliche
Natur ist daher kaum noch auf größeren Flächen
zu finden.
Bei der Ausweisung von Nationalparken werden Landschaftsräume
zu einer sekundären Ursprünglichkeit entwickelt.
Durch die landeskulturelle Nutzung in der Vergangenheit gibt es
eine unüberschaubar große Zahl von ideellen und materiellen
Beziehungen zwischen der regionalen Bevölkerung eines Nationalparkgebietes
und der Fläche des Nationalparks selbst. Handel, Handwerk,
Industrie, Verkehr, Brauchtum, Lieder, Sagen, Märchen und
vieles anderes mehr, die sich im Laufe der (landes)kulturellen
Vergangenheit einer Region entwickelt haben, ändern sich
mit der Gründung eines Nationalparks. Vor allem die materiellen
Beziehungen werden abgebaut; aber auch die ideelle kulturelle
Identität ändert sich.
War es früher der gepflegte Wirtschaftswald, in dem die Bäume
besonders hoch und dick heranwuchsen, eine Zeit, in der sich eine
vielbesungene Holzhauer und Jägertradition ausbildete, so
soll heute Wildnis als neue regionale Identität akzeptiert
werden. Vom grünen, gepflegten Wirtschaftswald zum Borkenkäferverhau.
Dies ist eine Zumutung gegenüber der einheimischen Bevölkerung,
die nur durch eine intensive Auseinandersetzung bewältigt
werden kann und in ein neues Bewusstsein mündet.
Die Entwicklung von Nationalparken unter mitteleuropäischen
Bedingungen ist daher vor allem eine Auseinandersetzung im kulturellen
Bereich.
Die Nationalparkverwaltungen können gar nicht umhin sich
mit den Traditionen ihrer Region auseinanderzusetzen. Daher beschränkt
sich die Bildungs und Informationsarbeit nicht nur auf rein naturwissenschaftliche
Themen und Aspekte. Die emotionale Befindlichkeit der Einheimischen
muss berücksichtigt und mit eingearbeitet werden. Die Einheimischen
müssen an der Bildungsarbeit beteiligt werden. Der Nationalpark
muss sich als Motor, Organisator und Lenker verstehen. Erst nach
einem längeren Zeitraum ist zu erwarten, dass Dritte aktiv
werden und einen Teil der Kulturarbeit des Nationalparks übernehmen.
Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald
Umweltbildung und Nationalparkregion