INHALT
Das Wessely-Haus
Das Jugendwaldheim heute
Erbschaft eröffnet neue Möglichkeiten
Das pädagogische Programm im Jugendwaldheim
Arbeitsmethoden
Die Aufgaben wachsen


Eine Erbschaft für Jugend und Natur
von Hans-Peter Dorn und Hans Höflinger

Das Wessely-Haus

Wölfe heulen im Bayerwald. Sie sind den Rehen auf den Hufen. Rudel schwärmen aus, manche geschwätzig, andere aus gespannter Neugier mucksmäuschen still. Kein Märchen, sondern ein häufiges Erlebnis rund um das Jugendwaldheim, die "Öko-Päd"-Nische des Nationalparks Bayerischer Wald.
Hier trifft man in erster Linie Kinder: Solche, die mit verbundenen Augen Bäume umarmen, die stundenlang Libellen beobachten, wie sie aus ihren Puppenhüllen schlüpfen, andere die still unter einem Baum sitzen und die Stimmen und Geräusche des Waldes aufzeichnen und nach "vollendetem Tagwerk" auf der Wiese vor dem Haus noch ein Volleyballmatch austragen. Dies alles klingt ganz gut. Aber was verbirgt sich wirklich hinter den skizzierten Aktivitäten der Kinder?
Wie jeder Nationalpark erfüllt auch der Nationalpark Bayerischer Wald neben dem Ziel die dynamische Entwicklung der Natur zu schützen, auch den Auftrag, seine Besucher zu informieren und insbesondere junge Menschen als die Erwachsenen von morgen, an einen behutsamen Umgang mit der Natur heran zu führen. Im Nationalpark Bayerischer Wald wurde dieser Bildungsauftrag schon sehr frühzeitig erkannt und durch die Einrichtung des Jugendwaldheims aufgegriffen. Bereits im September 1970 beschloss der Bayerische Landtag eine Unterkunftsmöglichkeit der Schulklassen zu errichten. Die im Zuge der Verwaltungsreform frei gewordenen Forsthäuser in Schönbrunn am Rande des Nationalparks boten sich als Standort geradezu an. Anlässlich einer Nationalpark- Fachbeiratsitzung konnte das Jugendwaldheim am 7. Oktober 1974 durch den damaligen Staatsminister Dr. Hans Eisenmann und den Vorsitzenden der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald – Landesverband Bayern – Dr. Rudolf Hanauer eröffnet werden. Im Frühjahr 1975 bezog die erste Gruppe, eine Klasse der Gesamthauptschule Wesel aus Nordrhein- Westfalen, das Jugendheim.
Im Zentrum der Betreuungsarbeit, die von einem erfahrenen Forstbeamten geleistet wurde, stand damals wie in den Jugendwaldheimen anderer Bundesländer auch über praktische Tätigkeiten Verständnis für die Natur insbesondere für das Ökosystem Wald zu wecken. So wurden in diesen ersten Jahren von den Schulklassen, die im Jugendwaldheim des Nationalparks zu Gast waren, ca. 50.000 Arbeitsstunden im Wald geleistet, z. B. zur Renaturierung alter Entwässerungsgräben oder gezielte Säuberungsaktionen im Gelände. Die Unterkunft und die Verpflegung der Schüler waren dafür im Gegenzug während ihres Aufenthalts kostenlos. Seit Bestehen des Jugendwaldheims waren bis heute 733 Klassen bzw. Gruppen mit 21.200 Teilnehmern zu Gast.
So wie die Wälder des Nationalparks im Laufe der vergangenen 20 Jahre sich unter der neuen Zweckbestimmung Naturwald sichtbar verändert haben, so hat auch die Bildungsarbeit im Nationalpark und im Jugendwaldheim einen inhaltlichen und methodischen Wandel erfahren:
Weg von unterrichtlichen Methoden und praktischem Arbeitseinsatz, hin zu Natur erleben mit allen Sinnen. Aus früher 10tägigen Aufenthalten mit Arbeitseinsätzen sind heute Wochenaufenthalte mit intensiver fachlicher Betreuung geworden. Dies wurde erst dadurch möglich, dass im Bildungsbereich seit einigen Jahren mehr Mitarbeiter zur Verfügung stehen. War man 1987 froh, das Betreuungsangebot durch eine Fachkraft und über eine ABM-Stelle erweitern zu können, so gelang es durch eine Lehrerabordnung aus dem Kultusministerium an die Nationalparkverwaltung, die pädagogische Arbeit im Jugendwaldheim inzwischen auf eine solide Basis zu stellen. Die Schaffung einer Zivildienststelle am Jugendwaldheim ermöglichte darüber hinaus die Intensivierung der Betreuung durch die Entlastung der Fachkräfte.

Das Jugendwaldheim heute
Zwischenzeitlich hat sich das Jugendwaldheim zum Zentrum der Schulklassenbetreuung im Nationalpark entwickelt, nicht nur für Klassen die von auswärts in den Bayerischen Wald kommen, sondern auch für die Schulen im näheren und weiteren Umfeld des Nationalparks selbst. Heute findet ganzjährig eine umfassende und abwechslungsreiche Betreuung statt. Für die verschiedenen Altersklassen und Nutzergruppen werden eigenständige spezielle Programme angeboten. Waren es anfangs in der Hauptsache Schulklassen und Jugendgruppen, die das Jugendwaldheim besuchten, so sind inzwischen die Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen genauso regelmäßig verkehrender und gerngesehener Gast im Haus wie die Seminare für die Grundschullehrer der Landkreise Freyung-Grafenau und Passau, die seit mehr als 6 Jahren im Oktober eine Ausbildung ihrer Referendare hier durchführen. Studentengruppen für das Lehramt an Bayerischen Schulen der Universitäten Passau und Regensburg gehören fast schon zu Stammgästen.

Erbschaft eröffnet neue Möglichkeiten
Eine großzügige Erbschaft der Familie Wessely aus München versetzte die Nationalparkverwaltung in die glückliche Lage, das Jugendwaldheim nach 20 Jahren nicht nur in seiner Kapazität der seit langem nicht mehr zu befriedigenden Nachfrage anzupassen, sondern diese Einrichtung umfassend zu modernisieren und dem gewandelten pädagogischen Auftrag entsprechend zu einer waldökologischen Bildungsstätte weiterzuentwickeln. Das vor wenigen Wochen durch die Staatssekretärin im Bayerischen Landwirtschaftsministerium, Frau Marianne Deml feierlich wieder eröffnete Jugendwaldheim bietet heute 55 Schülerbetten für die Unterbringung von zwei Schulklassen. Eine Solaranlage unterstützt die Warmwasserbereitung und Heizung des Gebäudes, eine Schilfkläranlage sichert die vorbildhafte Entsorgung der Abwässer des Hauses. Dass im Zuge der Sanierungsmaßnahmen auch die Wärmedämmung verbessert, der Wasserverbrauch durch Einbau von Spararmaturen verringert und damit auf ein zeitgemäßes und vorbildhaftes Niveau gebracht wurde, versteht sich von selbst. Um den Schülern auch bei kaltem und unsicherem Wetter, das im Bayerischen Wald auch während der Sommermonate nicht selten ist, die Durchführung ihrer Projekttage zu ermöglichen, wurde mit dem Neubau des Pavillons eine Unterstandsmöglichkeit geschaffen, die es erlaubt, bei Bedarf einen Teil des Nationalpark-Erlebnistages ins Trockene zu verlagern. Darüber hinaus steht der Pavillon den im Jugendwaldheim untergebrachten Klassen als attraktiver Aufenthaltsraum zu Verfügung. Durch seine großzügige Konstruktion und großen Fensterflächen ist er lichtdurchflutet und meist auch von der Sonne gewärmt. Verschiedene Demonstrationsmodelle ermöglichen es, den Schülern die unterschiedlichen Möglichkeiten der Sonnenenergie zu nutzen. So können die Schüler z. B. bei der Photovoltaikanlage erkennen, wie durch Sonnenlicht Strom erzeugt wird, der eine Lampe zum Leuchten bringt. An einer Solaranlage können sich die jungen Gäste davon überzeugen, dass über den dort erzeugten Strom warmes Wasser zum Händewaschen fließt. Ein "Sonnenofen" bringt Wasser in einem Topf zum Sieden oder erlaubt Würstchen in der Pfanne zu braten. Für Fahrten zu anderen Einrichtungen des Nationalparks oder Ausgangspunkten für Wanderungen stehen Fahrräder zur Verfügung, die von den Gästen ausgeliehen werden können.

Das pädagogische Programm im Jugendwaldheim
Schulklassen und Jugendgruppen nehmen im Jugendwaldheim entweder an einer sogenannten Standardwoche oder einer Projektwoche teil. Die Klassen werden von geschulten Nationalpark-Mitarbeitern intensiv betreut, für die Abend- und Freizeitgestaltung sind die Klassen und Gruppen mit ihren Begleitern selbst verantwortlich. Besonders gefördert werden sollen dabei das Verständnis für die Ziele und Aufgaben des Nationalpark sowie für allgemeinen Natur- und Umweltschutz. Bei der Standardwoche bekommen die Schüler aus der großen Palette der Bildungsmöglichkeiten im Nationalpark ein attraktives Programm mit Wanderungen (Felswandergebiet, Lusen, Tier-Freigelände), Besichtigungen (Hans-Eisenmann-Haus) und einem Nationalpark-Erlebnistag.
Bei der Projektwoche beschäftigen sich die Schüler mit der Thematik Nationalpark, oder besonderen Aspekten daraus, eigenverantwortlich mit eigener Zeiteinteilung, in Kleingruppenarbeit. Es kann sich dabei sowohl um geplante, als auch um spontane Projekte handeln, den Rahmen gibt die Philosophie des Nationalparks. Die Projekte können zuhause intensiv vorbesprochen und geplant sein, das Thema ist bereits genauer bekannt. Während der Tage im Jugendwaldheim wird dann das Thema im Detail bearbeitet. Es kommen aber auch Klassen um sich spontan vom Nationalpark selbst zu Projekten inspirieren zu lassen. Die Grenzen setzt der Nationalpark dadurch, dass nur das was mit seiner Idee zu tun hat, auch verwirklicht werden kann. Das führt oftmals zu recht überraschenden Vorhaben und Ergebnissen. Das Lernen wird spannend, intensiv und macht Spaß. Eine Nachtwanderung rund um das Jugendwaldheim mit Schauergeschichten gewürzt ist eine besondere Erfahrung, der aber dem Abend am Lagerfeuer mit Grillen in nichts nachsteht.
Das Programm der Nationalpark-Erlebnistage wurde vor etwa sechs Jahren entwickelt. Sie können Kindern und Jugendlichen der Nationalparkregion den Nationalpark näher bringen und so auch zur Erhöhung seiner Akzeptanz beitragen. Sie richten sich speziell an die Schulklassen der Nationalpark-Landkreise Freyung-Grafenau und Regen. Sie sind aber auch fester Programmpunkt für die Klassen im Jugendwaldheim.
Bei den Grundschulklassen steht das spielerische Element noch stark im Vordergrund. Den Nationalpark erleben die Schüler eher noch abstrakt als Richtschnur für das Handeln aller Beteiligten – nicht zerstören, nichts töten, belassen, bestaunen. Bei den Klassenstufen 5-8 werden die Sinne gefordert und gefördert, die ein "Nationalpark-Forscher" braucht. Ruhiges Beobachten mit Augen, Ohren, Zunge, Haut und Nase ist gefragt. Die Kinder erleben auch andere veränderte Perspektiven, ein anderes Bild des Naturwaldes in vielerlei Übungen, z.B. durch Spiegelgang und Lupensicht. In diesen Jahrgangsstufen haben auch vermehrt reflektive und meditative Phasen ihren Platz.



Arbeitsmethoden
Grundsätzlich gilt es die besonderen Rahmenbedingungen die ein Nationalpark setzt, bei der pädagogischen Arbeit zu beachten. Die neue Sichtweise der Natur muss klar gemacht werden. Es muss vermittelt werden, was das Wesen dieses Schutzgebietes ausmacht, warum nicht genutzt wird, warum alles so wachsen und leben darf wie es will. Der Nationalpark ist eine Oase in der keine wirtschaftlichen Nutzungen stattfinden und in der die Auswirkungen dieses Nichtnutzens gesehen, erforscht und erklärt werden können. Der Wald hat Zeit. Wald verstehen heißt in anderen zeitlichen Dimensionen denken, als es Menschen üblicherweise tun. Bei der pädagogischen Umsetzung ist deshalb zu beachten: Auch jeder Schüler braucht seine Zeit, hat seine Zeit. Der eine lernt schnell, der andere langsam. Einstellungen müssen wachsen. Das aktuelle Geschehen hat Vorrang. Jeder Betreuer hat die Freiheit, bei Bedarf jederzeit den vorgefassten Plan zu verlassen, um situationsgerecht zu handeln. Und die Schüler sollen das Vergehen der Zeit erleben können, das Langsame der Natur, wenn ein Käfer irgendwo krabbelt, oder das Schnelle, wenn ein Habicht sich auf die Beute stürzt. Im Nationalpark darf jedes Lebewesen, ob Fichte oder Specht, so sein wie es ist. Jedes Lebewesen ist so aus sich heraus und wird so akzeptiert. Auch der Mensch soll so akzeptiert werden, wie er ist. Das heißt jeden ernst nehmen, sein Anliegen, seine Fragen. Ihn von dort abholen wo er steht. Nicht zuschütten mit Wissen oder Aktivitäten, sondern seine Fähigkeiten entwickeln helfen. Es geht um mehr als nur den Stockwerksaufbau des Waldes abfragbar zu erklären. Es geht um Entwicklung und Veränderung von Einstellungen und Verhalten. Das heißt, dass kognitive Elemente des Lehrens nicht genügen, um das Ziel zu erlangen. Wissen allein war noch nie ausreichend um Verhalten zu ändern (sonst dürfte keine Arzt mehr rauchen!) Es müssen alle Sinne eingesetzt werden, damit der ganze Mensch angesprochen wird. Es muss aber auch Spaß machen, denn eine positive Atmosphäre erleichtert lernen und positive Verknüpfungen erleichtern das Erinnern, Lernen findet nachhaltig statt. Es sollen Beziehungen aufgebaut werden zwischen dem Lernenden und dem Lehrenden und zwischen beiden und dem Lernobjekt, dem Nationalpark-Wald. Oft erinnert man sich an ein Fach, ein Thema, weil es einem Lehrer oder anderen Menschen gelungen ist, eine motivierende Lernatmosphäre, eine echte Beziehung zum Thema zu schaffen.

Die Aufgaben wachsen
Als vor 25 Jahren der Nationalpark Bayerischer Wald gegründet wurde, gab es die Begriffe Natur- und Umweltbildung noch nicht. Neben dem Naturschutz war die Forschung vorrangige Aufgabe eines Nationalparks. Seither wurden in wachsendem Tempo die natürliche Vielfalt und die natürlichen Lebensgrundlagen insgesamt in unserem Land belastet, beschädigt und bereits vielerorts zerstört. Es ist zwingend erforderlich, dass jeder Einzelne sowie unsere Gesellschaft insgesamt ihr Verhalten ändert, um den Trend umzukehren. Umwelterziehung ist zu einer zentralen Aufgabe nicht nur für Nationalparke geworden. Auch wenn heute pro Jahr bereits über 30.000 Besucher, Schüler, Familien mit Kindern und Senioren in gleicher Weise von den Informations- und Bildungsangeboten des Nationalparks erreicht werden, ist das nicht genug. Es muss noch mehr getan werden. Die Angebote müssen weiterentwickelt und optimiert, neue Ressourcen erschlossen werden. Der Nationalpark muss seiner Pionierrolle auch in Zukunft gerecht werden.