INHALT
Wie real ist die Wirklichkeit?
Natur trifft Kunst im Nationalpark
Über das Handwerk zur Philosophie
Zeit im Überfluss
Grenzgänge
Sonderführungsreihe "Nationalpark
und Kunst"
von Lukas Laux
Wie real ist die Wirklichkeit?
Die unzähligen, durchdringend roten Asthöhlen-Augen eines phantastischen Fabelwesens richten sich auf den Wanderer, es streckt ihm seine Astarme wie zur Umarmung entgegen. Oder fordert es ihn zum Halten auf? Will es den Wald vor den Menschen behüten? Oder ist es einfach nur ein bemalter und behauener Baumstumpf? Was ist wirklich? Was ist schön? Was ist richtig? Immer wieder stieß das Sonderprogramm "Wie real ist die Wirklichkeit" seine TeilnehmerInnen, aber auch die Organisatoren selbst, unbeteiligte Besucher des Nationalparks, ja sogar die lokale Presse auf diese Fragen. Sicherlich am heftigsten irritierte die Veranstaltung "Neues Leben aus totem Holz" von der Bildhauerin Gretel Eisch. Mit etwa 20 KursteilnehmerInnen wanderte sie in die Hochlagen des Bayerischen Waldes. Dort suchte sich jede/r einen toten, am Wegesrand stehenden Baumstamm und bearbeitete diesen, entweder bildhauerisch oder mit Pinsel und Farbe. Mystische Wesen erwachten zum Leben, geboren aus den Gedanken der Menschen. Aus Gedanken, die ihnen beim Anblick der toten Bäume kamen. Gedanken zur Zerbrechlichkeit unserer Lebensgrundlagen, zum Kommen und Gehen, zu Ordnung und Chaos, zu Schönheit, zur Langsamkeit und zur Geduld. Trotz der Schwere dieser Gedanken war es eine fröhliche und lebhafte Veranstaltung. Es wurde viel gelacht über das, was da entstand, und wie selbstverständlich führten die TeilnehmerInnen lange Gespräche zum Begriff von Wildnis, zum Thema Nationalpark und zur Entwicklung der Region.
Die Skulpturen blieben im Wald zurück, dem Wetter und der Zeit ausgesetzt. Urlauber und heimische Spaziergänger entdeckten sie auf ihren Wanderungen im Wald. Inzwischen kommen viele, auch die TeilnehmerInnen selbst, immer wieder an diese Stelle, um zu sehen, wie sich jede Skulptur, aber auch der Wald um sie herum, verändert. Eine neue, produktive Auseinandersetzung mit dem Nationalpark, mit den toten Bäumen und dem, was dort an neuem Leben entsteht, hat begonnen.
Natur trifft Kunst im Nationalpark
Wild und frei kann sich die Natur im Nationalpark entwickeln. Es gibt Orte, die vor jeglichem direkten menschlichen Eingriff beschützt werden. Auch auf die Bekämpfung des Borkenkäfers wird verzichtet und dadurch der Tod vieler Bäume in Kauf genommen. Oft werden Bäume uralt, bis sie eines Tages stehend sterben. Dann vermodern sie langsam und geben Platz und Nährstoffe frei für die kleinen Fichten- und Buchensprösslinge, die zu Tausenden durch den Waldboden brechen. Je nach Sichtweise ist der Nationalpark eine Ansammlung von Baumleichen, oder aber der größte Baumkindergarten Europas. Je nach Sichtweise reagieren die Menschen mit Wut, Trauer und Schmerz auf den Zustand "ihres" Waldes oder sind erfüllt von Stolz und Begeisterung für das einzigartige Juwel ihrer Heimat.
Die Akzeptanz der Nationalpark-Idee zu fördern und gleichzeitig eine nachhaltige Regionalentwicklung für und mit den Menschen voran zu bringen, ist zentrales Anliegen der Umweltbildung im Nationalpark. Mehr als 30.000 Personen, darunter viele MultiplikatorInnen aus dem In- und Ausland, nehmen jährlich an Führungen und Veranstaltungen des Nationalparks teil. Jedes Jahr gibt es ein Sonderführungsthema, das sich wie ein roter Faden durch das Veranstaltungsprogramm zieht. "Wie real ist die Wirklichkeit?" lautete das Motto der Jahre 1998 und 1999, das mit den Mitteln der Kunst zum grenzüberschreitenden Dialog sowie zum Gestalten und Verändern animierte. 19 Veranstaltungen, die meist einen halben bis einen ganzen Tag dauerten, wurden jeweils von einer anderen Künstlerin oder einem anderen Künstler begleitet. Die TeilnehmerInnen malten, formten Skulpturen, banden ihr eigenes Waldbuch, dichteten, tanzten, bauten Masken, spielten Theater, musizierten und fotografierten und setzten sich dabei mit der Natur sowie eigenen und fremden Sichtweisen auseinander. Fast ausnahmslos fanden die Veranstaltungen im Wald inmitten der Wildnis statt und waren für alle Altersgruppen offen. Da beteiligte sich das 14jährige Mädchen genauso ernsthaft wie die alte Dame, die meisten TeilnehmerInnen allerdings waren zwischen 25 und 45 Jahren alt.
Über das Handwerk zur Philosophie
Auf einer Fotoexkursion am Lusen konfrontierte Herbert Pöhnl die TeilnehmerInnen mit den vielfältigen Möglichkeiten, die der Fotografie zur Darstellung der Wirklichkeit und damit zum Manipulieren zur Verfügung stehen. Mit den Fotos aus dieser Exkursion kann z.B. jeder belegen, dass der Wald im Nationalpark stirbt, jeder kann aber auch beweisen, dass neues Leben explosionsartig durch den Waldboden hervorbricht. Die TeilnehmerInnen merkten, wie subjektiv die Interpretation der Wirklichkeit ist. Sie wurden ermutigt, sich ein Bild ihrer eigenen Sichtweise zu machen, aber auch den Blick zu wechseln und andere Sichtweisen zu verstehen und zuzulassen. Konträre Standpunkte blieben kein unüberwindbares Hindernis, sondern waren der Beginn eines fruchtbaren Gesprächs. Die TeilnehmerInnen wurden angestachelt, künftig Bilder und Kommentare aus Fernsehen und Zeitung kritisch zu hinterfragen und den Mut zu haben, auch gegen den Strom der Gesellschaft die eigene Meinung zu vertreten.
Die längste Veranstaltung der Reihe dauerte drei Tage und wurde von der Maskenbildnerin und Tanztherapeutin Heidrun Parisan geleitet. Drei Tage lebte sie gemeinsam mit den KursteilnehmerInnen im Wald, ohne Strom, ohne fließend Wasser, aber mit viel Zeit und Muße. Thema der Veranstaltung war, eine Maske zu bauen, nach dem Abbild eines für einen selbst ganz besonderen Gegenstandes aus dem Wald. Ein Mädchen baute eine warm leuchtende Feengestalt nach dem gefächerten Abbild des im Herbst rot-orange leuchtenden Blattes des Frauenmantels. Stunden saß sie voller Eifer und Konzentration und arbeitete an ihrer Maske. Aber auch die Erwachsenen vergaßen, versunken in den Bau ihrer Maske, die Zeit. Dieses Erleben von Zeit und Spannung, vom ganz bei sich sein, ohne Ablenkung und Terminhetze, drückte ein Teilnehmer so aus: "Ich bin das erste Mal seit ewiger Zeit wieder zur Ruhe gekommen. Ich hatte eine Sehnsucht danach, habe es aber nie geschafft."
Nachdem am zweiten Tag jede/r seine Maske fertig gebaut hatte, bewegten sich alle gemeinsam im Improvisationstanz. Am dritten Tag führte der Kurs dann ein Improvisationstheater im Wald auf. 140 Besucher streiften durch den verzauberten Wald und entdeckten immer wieder Feen, Geister und andere Gestalten. Am Schluss der Veranstaltung kamen alle Gäste und TeilnehmerInnen nochmals zusammen, und die Wesen bewegten sich gemeinsam zur erklingenden Musik.
Für die Besucher des Improvisationstheaters war dies ein schöner mystischer Abend, eine Auseinandersetzung mit Realität und Phantasie. Die TeilnehmerInnen selbst nahmen nicht nur ihre Masken und ein intensives Naturerlebnis mit nach Hause, sondern auch Fragen zur Zeit: Was ist wichtig, was ist Zeitverschwendung? Worauf verwende ich meine Lebenszeit? Ist der pflegliche Umgang mit den natürlichen und eigenen Ressourcen eine Frage der Zeit? Muss man Zeit verlieren, um Lebensqualität zu gewinnen? Wie setze ich die Wertigkeiten? Ein Teilnehmer fand wunderschöne Worte für diese innere Auseinandersetzung: "Zeit, kostbare Zeit, nur ein paar Stunden, um eine Kurve zu gehen, die einen Dinge sehen lässt, an denen man sonst vorbeigegangen wäre. Dinge, die nachklingen, süchtig machen nach immer mehr Kurven, und somit Anstoß sind, das eigene Leben zu überdenken und hier und da etwas zu verändern."
Das Projekt hat Spuren hinterlassen, nicht nur im Nationalpark, sondern auch bei den beteiligten Personen. Über die Verbindung von Kunst und Natur eröffneten sich für sie ganz neue Formen des Dialoges mit sich selbst und mit anderen. Dabei standen nicht die perfekten Kunstwerke, die fertigen Lösungen im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe, sondern vielmehr das Schaffen eines Raumes, in dem Unplanbares, nicht Vorhersehbares geschehen konnte.
Ein Raum, der von den Grenzen der eigenen Hemmung befreit, Phantasie und Kreativität ebenso wie handwerkliche Fähigkeiten aufblühen ließ. Ein Raum, in dem über reale und kulturelle Grenzen hinweg neue Gemeinschaften entstehen konnten, und der zu mehr Toleranz und Verständnis im alltäglichen Miteinander ermutigte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit der unberührten Natur ließ den Nationalpark zur Metapher der eigenen Lebensverhältnisse werden. Die beständigen Kreisläufe von Wachsen und Vergehen, von jung und alt, von Ordnung und Chaos, von Individualität und Gemeinschaft veränderten den Blick auf den eigenen Lebensentwurf, seine Werte und Ziele. Die TeilnehmerInnen lernten, in sich hinein zu hören und den Mut zu haben, das dort Gefundene nach außen zu kehren. Viele haben ihre eigenen Grenzen überwunden und wirklich Neues ausprobiert, erstaunt und zugleich fasziniert von der Schönheit und Ausdruckskraft ihrer künstlerischen Arbeiten.
Das Presseecho auf die Veranstaltungsreihe war groß und hat so die Breitenwirkung des Projektes verstärkt. "Wie real ist die Wirklichkeit?" war also auch eine völlig andere Art kreativer Öffentlichkeitsarbeit in der Umweltbildung des Nationalparks.
Das Projekt ist aber auch ein Beispiel für ganz reale Grenzüberschreitungen. Vier Veranstaltungen fanden im Nationalpark Sumava, in Tschechien, jenseits der deutschen Grenzen statt. Die geographische Überschreitung von Grenzen fällt mit Kunst besonders leicht, denn Kunst benötigt keinen Dolmetscher, sie ist jenseits von Sprache verständlich und war daher schon von jeher eine unangepasste Grenzgängerin.
Ab Juli 2000 werden die Skulpturen, Masken, Gedanken, Malereien und Fotos aus dem Projekt im Nationalpark-Informationszentrum ausgestellt und werden schätzungsweise weitere 100.000 BesucherInnen zur Reflexion über Kunst, Natur und nachhaltige Entwicklung anregen.