Vortrag beim Seminar "Schön
wild sollte es sein" in St.Oswald, November 1998
Wildheit in uns - evolutives Erbe des Menschen
Dr. Inge Schröder, Anthropologisches Institut der Christian-Albrechts-Universität,
Kiel
Vom Werkzeugmacher zum Aasfresser
Vorstellungen von der Menschwerdung im Spiegel der Wissenschaftsgeschichte
Seit Charles Darwin (1859, 1871) seine die Biologie revolutionierende
Evolutionstheorie aufstellte und den Menschen explizit einschloß,
ist eine Fülle modellhafter Vorstellungen dazu entwickelt
worden, wie sich der evolutionäre Werdegang der Menschheit
möglicherweise abgespielt hat. Darwin selbst stellte den
Menschen als Werkzeughersteller in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.
Er entwarf ein Autokatalysemodell, in das er vier Kennzeichen
des Menschen integrierte: den aufrechten Gang und die dadurch
von der Fortbewegungsfunktion befreiten Hände, die Reduktion
der Eckzähne, die Fähigkeit zur Werkzeugherstellung
und schließlich die Entwicklung eines vergleichsweise überdimensionierten
Gehirns. Darwin stellte sich vor, daß die Rückbildung
waffenähnlicher Eckzähne durch die Herstellung geeigneter
Werkzeuge kompensiert wurde, da durch den aufrechten Gang die
Hände nun im wörtlichen Sinne als Manipulationsorgane
zur Verfügung standen. Die Herstellung von Werkzeugen forderte
und förderte gleichzeitig die Gehirnentwicklung, so daß
zwischen den Komponenten, die dieses Modell bestimmen, positive
feed-back-Mechanismen wirkten und die Entwicklung zum Homo sapiens
vorantrieben.
Abgesehen davon, daß technologische Errungenschaften und
damit die Bedeutung technologischer Intelligenz vor dem Hintergrund
der industriellen Revolution im Viktorianischen England überbewertet
wurden, sprechen auch naturwissenschaftliche Befunde gegen dieses
Modell: Die Entstehung des aufrechten Gangs liegt mindestens 3,6
bis 3,8 Millionen Jahre zurück, für diese Zeit ist er
durch die fossilen Fußspuren von Laetoli belegt (Henke und
Rothe 1994). Die ersten Steinwerkzeugfunde, die der sogenannten
Olduvan-Industrie zugeordnet werden, sind hingegen etwa 1,5 Millionen
Jahre jünger (Leakey 1994), so daß die wichtigsten
miteinander verknüpften Elemente der Werkzeugmacher-Hypothese
tatsächlich zeitlich unabhängig voneinander aufgetreten
sind. Außerdem beweisen ethologische Befunde zur Werkzeugbenutzung
bei Tieren, speziell bei Schimpansen, daß die Fähigkeit
zur Werkzeugherstellung nicht so einzigartig menschlich ist, wie
ursprünglich angenommen. Dennoch dominierte dieses Modell
bis in die 60er Jahre hinein unsere Vorstellungen von der Menschwerdung
(z.B. Oakley 1964).
Eine Weiterentwicklung dieser Hypothese stellt das Modell "der
Mensch - der Jäger" dar (Lee und DeVore 1968). Ausgehend
von der Werkzeugherstellung, die tatsächlich fast ausschließlich
als die Herstellung von Waffen verstanden wurde, beschreibt dieses
Modell die Jagd nicht nur als eine innovative Ernährungsstrategie,
sondern vor allem als den Motor der Evolution so menschlicher
Eigenschaften wie vorausschauende Planung, Kommunikation, Kooperation
und Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Es ist allerdings anzumerken,
daß effiziente Jagdwerkzeuge wie etwa Stoßlanzen oder
gar Distanzwaffen in der Frühzeit der Hominidenentwicklung
nicht nachweisbar sind. Die ältesten Funde von Holzlanzenresten
lassen auf eine Verwendung solcher Stoßwaffen im Altpaläolithikum
vor etwa 400.000 bis 200.000 Jahren schließen; neuere Funde
aus Helmstedt im Jahre 1995 weisen darauf hin, daß möglicherweise
zu jener Zeit auch bereits Speere verwendet wurden. Pfeil und
Bogen als äußerst effiziente Fernwaffen sind hingegen
erst im Jungpaläolithikum nachgewiesen, also erheblich jünger
(Stodiek und Paulsen 1996).
Abgesehen davon, daß die im Jagdmodell postulierten Zusammenhänge
durch archäologische Fakten nicht zweifelsfrei belegt werden
können, ist auch diese Hypothese von außerwissenschaftlichen
Einflüssen mitbestimmt worden. Ihre Blütezeit erlebte
sie in in den 60er Jahren vor dem Hintergrund der patriarchalen
Strukturen der westlichen Gesellschaft, die weibliche Funktionen
unterbewertete und männliche Funktionen überbewertete.
Männerromantische Vorstellungen von der Jagd nicht nur als
innovativer Ernährungsstrategie sondern als "way of
life" haben diese Hypothese mitgeprägt. Unsere weiblichen
Vorfahren spielen in diesem Szenario bestenfalls Statistenrollen
(Schröder 1994).
Eine Variante des Jagdmodells ist die Hypothese "der Mensch
- der Killeraffe". Sie geht auf Dart (1967) zurück,
und wurde durch die populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen
von Ardrey (1961a, 1961b) einer breiteren Öffentlichkeit
bekannt. Dieses Modell schildert unsere Vorfahren als blutrünstige
Wesen, die andere Hominiden töteten und verspeisten. Heute
vermutet man, daß die Vorstellung von einer dem Menschen
innewohnenden, stammesgeschichtlich verankerten Tendenz zur Grausamkeit
und zum Töten auch von der Auseinandersetzung mit den Schrecken
und Greueltaten des zweiten Weltkriegs beeinflußt war.
In den 70er Jahren wurden solche Vorstellungen dann korrigiert.
Die Anthropologinnen Tanner und Zihlman (Zihlman und Tanner 1978,
Zihlman 1985) stellten "die Frau - die Sammlerin" in
den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Danach ist das Sammeln
von Nahrung mit Hilfe von Werkzeugen durch Frauen eine zentrale
Verhaltensanpassung in der frühen Hominisationsphase. Daß
diese Hypothese zeitgleich mit dem Beginn der Frauenbewegung entwickelt
wurde, ist wohl kaum zufällig. Wenngleich durch das Modell
die zugunsten des männlichen Geschlechts verschobene Perspektive
vorausgegangener Hypothesen korrigiert werden konnte und frühmenschliche
Ernährungsstrategien durch die adäquate Berücksichtigung
pflanzlicher Nahrung erweitert werden konnten, bleiben andere
Aspekte, wie z.B. der Selektionsvorteil der Nahrungsteilung oder
der Nahrungswettbewerb, unklar.
Das Nahrungsteilungsmodell (Isaac 1978) integrierte dann sowohl
Aspekte des Jagdmodells als auch Aspekte des Sammelmodells. Es
beschreibt das Teilen der Nahrung innerhalb einer arbeitsteiligen
Gesellschaft, in der das Sammeln von Nahrung den Frauen, die Jagd
hingegen den Männern zugeordnet wird. Kooperation wird zum
Fundament der Kultur. Das Modell ist jedoch lediglich eine Verhaltensbeschreibung,
Selektionsvorteile und -nachteile werden nicht analysiert (Lethmate
1990). Es ist insgesamt geprägt von einer Projektion der
Lebensformen heutiger Wildbeutergesellschaften auf archaische
Bevölkerungen.
In den 80er Jahren schließlich wurde das Aasfressermodell
(Binford 1981, Shipman 1985) entwickelt, das eine Alternative
zur Jagdhypothese darstellt. Danach bot die Nutzung von Tierkadavern
als alternative Strategie der Fleischbeschaffung eine neue ökologische
Nische für unsere Vorfahren, die omnivore Primaten waren.
Während es unter den Paläanthropologen unstrittig ist,
daß die frühen Menschen zunehmend Nahrung tierischen
Ursprungs in ihren Speiseplan aufnahmen, kann aufgrund der heutigen
Befundsituation nicht endgültig geklärt werden, ob diese
tierische Beute erjagt oder eingesammelt wurde. Generell zeigt
die wissenschaftshistorische Betrachtung, daß unsere Vorstellungen
von der Menschwerdung durch eine Verschiebung von auf lithokultureller
Aktivität beruhenden Erklärungsansätzen hin zu
Ernährungsstrategie-Modellen gekennzeichnet sind. Moderne
Erklärungsmodelle versuchen, die Entstehung des Menschen
vor allem auch durch evolutionsökologische, klimaökologische
und verhaltensökologische Forschungsansätze zu interpretieren.
Die Menschwerdung wird nicht mehr als ein monokausal verursachter
Prozeß, sondern als ein multikausales Geschehen angesehen.
Neben Ernährungsstrategien und litho-kulturellen Aktivitäten
(Werkzeugherstellung und -benutzung) werden zunehmend auch Aspekte
der Anthroposoziogenese und des Reproduktionsverhaltens in Hominisationsmodellen
berücksichtigt (Lovejoy 1981, Hill 1982, Schröder 1993,
1994). Dabei werfen die zahlenmäßig laufend zunehmenden
Fossilfunde stets mehr neue Fragen auf, als sie alte Fragen beantworten
können.
Der Mensch - ein opportunistischer Ausbeuter
Die Evolution von Verhaltensmustern des Menschen wird heute vor
dem Hintergrund des biogenetischen Imperativs analysiert und interpretiert.
Dieser Begriff geht auf Dawkins (1976, 1986) und Markl (1983)
zurück. Danach ist der biologische Zweck des Lebens die Reproduktion,
die Vervielfältigung der potentiell unsterblichen Gene, in
denen die Erbinformationen gespeichert sind. Jedem Leben wohnt
das Bestreben inne, mit seinen eigenen Genen einen möglichst
großen Anteil am Genpool zukünftiger Generationen zu
erzielen, wobei dieses Bestreben beim Menschen ebenso wenig ein
bewußter Vorgang ist wie bei Tieren. Verhaltensweisen, -strategien
und -taktiken, die die Fortpflanzung positiv beeinflussen, werden
selektiert. Sie haben adaptive Konsequenzen. Dabei ist, wie der
Primatologe Kummer (1992) sehr anschaulich erläuterte, zu
berücksichtigen, daß es für die Evolution zwei
"Wertmaßstäbe" gibt: zum einen den Überlebenswert
für die Gene und zum zweiten den Befriedigungswert für
das Individuum. Wenn einem Lebenwesen, Mensch oder Tier, männlich
oder weiblich, Verhaltensalternativen offenstehen, so wird es
sich für jene Verhaltensweisen entscheiden, deren Soforteffekte
ihm die größtmögliche Befriedigung bringen. Die
Leistung der Evolution ist es nun, durch die Selektion, die einen
Suchprozeß darstellt, diese beiden Wertmaßstäbe
zur Übereinstimmung zu bringen. Auf Dauer läßt
die Selektion keine Verhaltensorganisation zu, in der Handlungen
von hohen Befriedigungswert einen geringen Überlebenswert
haben.
Der stammesgeschichtliche Werdegang des Menschen und damit auch
die Evolution seiner Verhaltensorganisation spielte sich ganz
überwiegend unter den Bedingungen des Pleistozäns ab.
Wir müssen also davon ausgehen, daß unsere kognitiven
Fähigkeiten, unser Erkenntnisapparat, ebenso wie der unser
Verhalten steuernde Motivationsapparat unter genau diesen Bedingungen
evoluiert sind. Die längste Zeit ihres Daseins verbrachten
die Hominiden als Jäger und Sammler, als Wildbeuter, die
in kleinen Gruppen organisiert waren. Erst mit Beginn der neolithischen
Revolution wurden die Menschen seßhaft. Dieser Zeitpunkt
kennzeichnet gleichzeitig den Übergang von einer konsumierenden,
also lediglich aneignenden, zu einer produzierenden ökonomischen
Lebensweise. Nur wenige Gesellschaften in verschiedenen Regionen
der Erde haben sich bis heute eine Wildbeuterkultur erhalten.
Mit der neolithischen Revolution sind die Seßhaftigkeit,
der Beginn der Stratifizierung von Gesellschaften und technologische
Innovationen verbunden, wobei sich allerdings die Veränderung
der Lebensweise nicht so plötzlich vollzog wie die Bezeichnung
"Revolution" nahelegt (Lewin 1988). Diese Veränderungen
in der Lebensweise waren die Voraussetzung für den Zivilisationsprozeß.
In der subjektiven Bewertung wird darunter vor allem auch die
Regulierung und Kultivierung menschlichen Verhaltens verstanden,
so daß eine Dichotomie entsteht zwischen zivilisiertem Verhalten
einerseits und archaischem, unzivilisiertem Verhalten andererseits
- der Wildheit in uns. Unter evolutionsbiologischem Aspekt
ist hier jedoch zu fragen, ob die Zivilisation die in Jahrmillionen
gewachsenen und durch Selektion stabilisierten Verhaltensmuster
tatsächlich zu ändern vermochte (Wuketits 1998).
Der technologische Fortschritt der letzten Jahrtausende und vor
allem des letzten Jahrhunderts hat zwar das Potential des Menschen,
in die Natur einzugreifen und sie tiefgreifend zu verändern,
erheblich vergrößert, doch bereits unsere "wilden"
Vorfahren waren keineswegs "geborene Naturschützer,
sondern geborene Ausbeuter" (Wuketits 1998: 197). Schon der
prähistorische Mensch hat unter Ausnutzung seiner Intelligenz
und seiner kognitiven Fähigkeiten systematisch in die Natur
eingegriffen, um sich unmittelbare Vorteile zu verschaffen. So
wird das massenhafte Aussterben zahlreicher Großtierarten
in verschiedenen Regionen der Erde ursächlich mit der Besiedlung
durch den Menschen und den damit verbundenen Eingriffen in die
Natur in Verbindung gebracht (Leakey und Lewin 1996, Flannery
1999, Miller et al. 1999). Nach dieser sogenannten "Overkill-Hypothese"
(Martin 1984) gilt dieser Zusammenhang beispielsweise für
Australien, Nordamerika, Madagaskar und Neuseeland. Abb. 1
verdeutlicht den zeitlichen Zusammenhang des Auftauchens des Menschen
mit der prozentualen Abnahme großer Säugetiere in diesen
Gebieten im Vergleich zum afrikanischen Kontinent, wo die Hominiden
und andere Großsäuger während eines sehr langen
Zeitraums koevoluierten. Der Rückgang der Megafauna in vielen
Regionen der Erde ist allerdings keineswegs - wie die Bezeichnung
"Overkill-Hypothese" vermuten läßt, auf die
jagdlichen Aktivitäten des Menschen allein zurückzuführen,
auch Brandrodungen ebenso wie Nahrungskonkurrenz haben sich hier
ausgewirkt.
Evoluierte Verhaltensmuster in einer sich
ändernden Umwelt
Zu den Eigenschaften, die wir von unseren stammesgeschichtlichen
Vorfahren geerbt haben und die sich speziell angesichts des enormen
technologischen Potentials der Neuzeit als äußerst
problematisch erweisen, gehört auch eine begrenzte Fähigkeit,
die Folgewirkungen unseres Tuns abzuschätzen, sowie unsere
angeborene "Unfähigkeit, in langen Zeiträumen zu
denken" (Wuketits 1998: 228). Diese Schattenseite der kognitiven
Evolution des Menschen erklärt sich durch die evolutionäre
Erkenntnistheorie. Danach ist auch unser Erkenntnisapparat ein
Produkt der Evolution. Er ist daher an einen bestimmten physikalisch
faßbaren Bereich der realen Welt angepaßt - an die
Welt der mittleren Dimension. Diese kognitive Nische, der Mesokosmos,
weist Dimensionen auf, die beispielsweise zwischen Millimetern
und Kilometern, zwischen Gramm und Tonnen oder zwischen Sekunden
und Jahren liegen (Ingensiep 1990, Vollmer 1994). An diese Dimensionen
sind unsere Denk- und Anschauungsformen angepaßt, außerhalb
dieser Grenzen liegende Dimensionen sind für den Menschen
unanschaulich. Mikroskopische oder makroskopische Strukturen machen
wir uns anschaulich, indem wir sie in mesokosmische Strukturen
transformieren, sie gedanklich verkleinern oder vergrößern.
In Verbindung mit unserer angeborenen Neigung, uns so zu verhalten,
daß uns die Soforteffekte unseres Handelns größtmögliche
Befriedigung verschaffen, ergibt sich, daß wir trotz unserer
vergleichsweise überlegenen Intelligenz und wider besseren
Wissens die Natur zerstören, die uns selbst hervorgebracht
hat. Weder Zivilisation noch Kultur haben dazu geführt, daß
die Menschen ihre Verhaltensmuster grundlegend ändern. Diese
Perspektive darf allerdings nicht im Sinne eines naturalistischen
Fehlschlusses (HUME 1740, Moore 1903, beide zitiert nach Vogel
und Sommer 1994) mißinterpretiert werden: es ist nicht legitim,
von den Ist-Zuständen der Natur Soll-Werte
menschlichen Handelns abzuleiten (Vogel 1985, Vogel und Sommer
1994). Der Mensch ist als einzige Spezies frei, sein Handeln an
ethischen Werte- und Normensystemen auszurichten.
Es gibt allerdings auch Aspekte dieses stammesgeschichtlichen
Werdegangs, die möglicherweise der destruktiven Naturzerstörung
des Menschen entgegenwirken können. Da die Evolution des
Menschen sich ganz überwiegend in einer natürlichen
und nicht vom Menschen gestalteten Umwelt abgespielt hat, sind
wir an entsprechende Umgebungen angepaßt, und zwar nicht
nur physisch, sondern auch psychisch.
Menschen haben angeborene Prädispositionen, auf Natur positiv
zu reagieren. Wilson (1984) nannte diese emotionale Verbundenheit
des Menschen mit der Natur Biophilie. Wir verfügen über
tief verwurzelte emotionale Reaktionen, die in den Jahrmillionen
unserer Evolution zu einem Teil unseres Wesens geworden sind (Leakey
und Lewin 1986). Erholung in der freien Natur zu suchen oder die
Sehnsucht nach einem Haus im Grünen, sind Ausdruck dieser
Biophilie. Menschen bevorzugen mehrheitlich den Anblick von Naturlandschaften
gegenüber städtischen Szenerien, insbesondere wenn in
bebauten Arealen weder Pflanzen noch Wasser zu sehen sind. Doch
die Verbundenheit mit der Natur geht möglicherweise noch
tiefer. Naturlandschaften, die als ästhetisch empfunden werden
oder andere positive Reaktionen hervorrufen, sind Szenerien, die
aus der Perspektive unserer Vorfahren besonders gute Möglichkeiten
des Nahrungserwerbs und der Wasserversorgung bieten. Dies gilt
beispielsweise für bestimmte Formen der Baumkronen. Ein Baum,
der hoch genug ist, um Sicht ins Umland und gleichzeitig Schutz
vor Beutegreifern zu gewähren, der aber andererseits über
einen Stamm verfügt, der es erleichtert, den Baum zu erklettern,
und dessen Krone schließlich auch in glühender Mittagssonne
ausreichend Schatten spendet, wird von uns auch heute noch als
schön empfunden, obwohl wir seine "Überlebensvorteile"
längst nicht mehr nutzen. Dies ist etwa vergleichbar mit
dem angeborenen inneren Bild einer Greifvogelsilhouette, die vielen
potentiellen Beutetieren höhere Überlebenschancen sichert.
Die Kenntnisse über die bevorzugte Landschaftsformen können
inzwischen längst genutzt werden, um z.B. die Auswirkungen
von starkem Streß zu mildern oder die Heilung nach Operationen
zu beschleunigen. Solche positiven Reaktionen auf natürliche
Wildnis und Habitate sind vermutlich ein Erbe aus jener langen
Zeit, die unsere Vorfahren als Wildbeuter verbrachten (Orians
1980).
Die Natur hat uns im Laufe der Evolution mit einem Gehirn ausgestattet,
das uns zu beispiellosen intellektuellen, kulturellen und technologischen
Leistungen befähigt. Heute nutzen wir diese Gaben in geradezu
erschreckendem Ausmaß dazu, der Natur und damit auch uns
selbst Schaden zuzufügen. Vielleicht ermöglicht uns
die Biophilie, die positive "Wildheit in uns", die Folgen
unseres Tuns doch noch zu begreifen und zu begrenzen, denn "wenn
wir zulassen, daß die reichhaltige Natur um uns herum sich
auflöst, riskieren wir die Auflösung der menschlichen
Seele" (Leakey und Lewin 1996:302).
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